Gangelt/Geilenkirchen - Selfkantbahn: Mercedes von 1953 rettet den „Osterdampf“

Selfkantbahn: Mercedes von 1953 rettet den „Osterdampf“

Von: Markus Bienwald
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Hans Frohn heißt der freundliche Busfahrer, der an Bord des historischen Mercedes-Schnauzenbusses für Bewegung sorgte. Foto: Markus Bienwald
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Auf der Rückfahrt vom Haltepunkt Stahe aus trug die Schwarzach natürlich rote Schlusslichter.

Gangelt/Geilenkirchen. Bei allen Eisenbahnern ist der Begriff „Schienenersatzverkehr“ eigentlich etwas, das so gar nicht geht. Schließlich wollen sie im Stahlross auf der Stahlschiene von A nach B kommen, egal, wie lang die Wegstrecke auch ist.

Und am allermeisten gilt das, wenn das dampfbetriebene und urige Hobby Saisoneröffnung feiert. Eigentlich.

Doch bei der Selfkantbahn musste es am Osterwochenende nun einmal so sein, am Schienenersatzverkehr führte kein Weg vorbei. „Wegen eines nicht ordnungsgemäß abgewickelten Plan-Genehmigungsverfahrens für den Umbau des Bahnhofs Gillrath darf dieser Bahnhof von den Zügen der Selfkantbahn bis auf Weiteres nicht angefahren werden“, teilte ein leuchtend gelbes Infoschild am Haltepunkt Stahe und am Bahnhof Gillrath mit. „Das hatten wir noch nie“, sagte Günther Steinhauer von den Historischen Bahnfreunden.

Aber Vorschrift ist nun mal Vorschrift, das kennen die mit dem sogenannten Eisenbahngesetz und dem Eisenbahnkreuzungsgesetz bestens bekannten freiwilligen Schienenfreunde nur zu gut.

Schuldzuweisungen blieben aus, dafür schlug die Stunde von Hans Frohn. Denn der Mann aus Würselen ist nicht nur begeistertes Mitglied der Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr (IHS), die hinter dem Selfkantbahn-Betrieb steht. Er ist auch noch Busfahrer und durfte am Samstag zum Start der Dampfsaison mit einem ganz besonderen Gefährt vorrollen. „Ein Mercedes-Schnauzenbus O3500“, stellte er sein rot- und cremefarben lackiertes Gefährt vor. Die Erstzulassung datiert auf den 13. April 1953, 90 PS aus viereinhalb Litern Hubraum sorgen jederzeit für drehmomentstarkes Fortkommen, wie Frohn weiß. „Der zieht alles weg“, sagt er kurz, nur ein wenig mehr Platz zum Wenden braucht der stilvolle Oldtimer-Bus für immerhin 29 Fahrgäste. Die durften auf Kunstledersitzen Platz nehmen, die den Sitzkomfort von anno Dazumal heute noch demonstrieren.

Und während sich die Frühlingssonne zaghaft den Weg durch die Wolken in die herrlichen Panoramascheiben des Omnibusses bahnt, erinnerte Frohn sich, warum er eigentlich am Steuer sitzen darf. „Der damalige Betriebsleiter der früheren Kreiswerke Heinsberg hatte mich gebeten, den Führerschein zu machen, damit wir damit den Mühlenexpress fahren können“, erzählt Frohn. Gesagt, getan: So wurde er neben seiner Mitgliedschaft bei der Selfkantbahn auch zum ehrenamtlichen Busfahrer.

Diese glückliche Verknüpfung kam natürlich dem Osterdampf bestens zupass, denn so war der wegen der bürokratischen Hürde nicht mögliche Schienenverkehr durch den besagten „Schienenersatzverkehr“ gesichert. Die NEW-Tochter Verkehr gab als Buseigner gerne grünes Licht, und so durften die Gäste am gut besuchten Osterwochenende nicht nur das Flair der vielen historischen Schienenfahrzeuge erleben, sondern auch die ganz besondere Wohlfühl-Atmosphäre des alten Busses.

Für die Damen und Herren der IHS bedeutete das in der Geschichte des Vereins wohl einmalige Verbot für den Schienenverkehr zwischen dem Haltepunkt Stahe und dem knapp 900 Meter entfernt liegenden Bahnhof Gillrath übrigens auch Mehraufwand. So trug die berühmte Dampflok „Schwarzach“ in ihrem Dreilicht-Spitzensignal auf der Fahrt aus Richtung Gillrath rote Schlusslichter in den unteren Lampen. Da der Zug auf der eingleisigen Schmalspurstrecke nicht wenden konnte, wie es am Bahnhof Gillrath möglich gewesen wäre, sprang neben dem rund 180 PS starken Dampfross aus dem Jahr 1949 noch ein zweites Mitglied der IHS-Fahrzeugfamilie ein.

Mit dem Dieseltriebwagen T102 aus der Waggonfabrik Talbot in Aachen durfte neben dem Schnauzenbus von Mercedes noch ein zweiter historischer Diesel beim Osterdampf eindrucksvoll in Aktion treten. Drei Jahre älter ist er, gute 50 PS stärker, aber sicherlich auch eine hervorragende Ergänzung für Freunde der historischen Fortbewegung.

Die Technik des Mercedes-Busses kommt übrigens ohne Lenkhilfe aus. „Das gibt starke Arme“, sagte Hans Frohn, und seine Fahrgäste durften sich nicht nur an der schönen Aussicht, sondern auch an den vielen hörenswerten Anekdoten erfreuen. Ein Bild mit dem Osterhasen der Selfkantbahn war dabei für Jung und Junggeblieben Pflicht, genauso wie die österliche Dekoration der Fahrzeuge und deren Innenleben. So schrieb die IHS am eigentlich traditionellen Osterwochenende wieder einmal ihre eigene Geschichte auf ungewöhnliche Art und Weise fort, auch wenn es nicht ganz freiwillig geschah.

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