Schuldnerberatung: Hilfe wird oft erst sehr spät gesucht

Von: disch
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Schulden plagen viele Menschen: Selbstrettungsversuche sind nach Ansicht der Schuldnerberatungsstelle ­untauglich. Frühzeitig sollte fachliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Foto: Stock/MiS

Kreis Heinsberg. Der Gang zur Schuldnerberatung sei für viele Betroffene „ein schwerer Weg“, sagte Wolfgang Meier, Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung in ­Hückelhoven, als er am Donnerstag gemeinsam mit seiner Kollegin Lenka Flatau den Jahresbericht 2013 präsentierte.

Wie schon 2012 sei festzustellen gewesen, dass eine nicht unerhebliche Zahl Ratsuchender erst aufgrund einer Kontopfändung den Weg zur Schuldnerberatung finde, obwohl seit längerer Zeit eine Überschuldung bestehe. Damit bestätige sich die Erfahrung, dass überschuldete Menschen oft erst sehr spät fachliche Hilfe in Anspruch nehmen würden. Es werde zumeist lange versucht, die Schulden selbst in den Griff zu bekommen, häufig mit erheblichen negativen Folgen für Gesundheit, Familie und die Möglichkeit der Teilhabe am sozialen Leben.

Solche Selbstrettungsversuche bezeichnete der Beratungsstellenleiter als „untauglich“. „Wir halten uns für ein niederschwelliges Angebot“, sagte Meier, gleichwohl sei festzustellen: „Viele Leute tun sich schwer.“ Der Eindruck, dass noch immer Ängste und Schuldgefühle verhindern würden, fachliche Unterstützung bei dem Weg aus der Überschuldung zu suchen, führt bei dem sechsköpfigen Team der Beratungsstelle zu der wichtigen Botschaft, „dass es in der Beratung nicht um die Schuldfrage geht, sondern darum, Lösungswege aufzuzeigen“. Die Beratung ist vertraulich und kostenlos.

Die Gesamtzahl der beratenen Haushalte ging von 1625 im Jahr 2012 auf 1519 im Jahr 2013 zurück; die darin enthaltende Zahl der Neuaufnahmen sank ebenfalls – von 960 auf 896. Meier sprach aber trotzdem von Zahlen auf einem weiterhin hohen Niveau und gab zu bedenken, dass nur 20 Prozent der betroffenen Menschen Rat suchen würden; die Dunkelziffer sei also sehr hoch.

In 743 der 1519 Beratungsfälle ging es darum, Möglichkeit, Voraussetzungen und Abläufe eines Insolvenzantrags aufzuzeigen oder Menschen im gerichtlichen Insolvenzverfahren zu betreuen. Im vergangenen Jahr haben 365 Personen mit Hilfe der Schuldnerberatung einen Antrag auf Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens mit Restschuldbefreiung gestellt; im Jahr zuvor waren es 420.

Zu einer Einigung mit den Gläubigern kam es im Vorfeld eines Insolvenzantrags nur in 30 Fällen – weil die Einkünfte der meisten Ratsuchenden oft weit unterhalb der gesetzlichen Pfändungsgrenzen liegen würden und daher kaum Erfolg versprechende Angebote möglich seien, aber auch weil Gläubiger nur in Ausnahmefällen zu Teilverzichten bereit seien. Insgesamt bewertete die Beratungsstelle die Insolvenzordnung aber als geeignetes Instrument, überschuldeten Menschen einen wirtschaftlichen Neuanfang zu ermöglichen. Dies könne nach Inkrafttreten einer Gesetzesänderung ab Juli sogar mit einer von sechs auf drei, in der Regel aber wohl eher auf fünf Jahre verkürzten Wohlverhaltensphase der Fall sein.

Auch das Pfändungsschutzkonto wurde grundsätzlich positiv bewertet; in Einzelfällen erweise sich das Verfahren aber als kompliziert. 412 P-Konto-Bescheinigungen hat die Beratungsstelle 2013 ausgestellt. Beim ersten Kontakt in diesem Zusammenhang werde die Möglichkeit zur ersten Beratung genutzt, berichtete Lenka Flatau. Der Grundfreibetrag auf dem gepfändeten Konto liegt zurzeit bei 1045,04 Euro, kann aber erhöht werden, wenn Unterhaltspflichten vorliegen oder Leistungen wie Kindergeld auf das Konto fließen.

Die Auslöser für Überschuldung sind nach Einschätzung der Experten „vielschichtig“. So werden in 40 Prozent der Fälle mehrere, zusammenwirkende („multiple“) Faktoren festgestellt, die von unrealistischer Konsumorientierung und unwirtschaftlicher Haushaltsführung bis zu unsicheren Beschäftigungsverhältnissen oder intransparenten Vertragsformen reichen. Aber auch gescheiterte Selbstständigkeit, Trennung und Scheidung oder geplatzte Immobilienfinanzierungen spielen oft eine entscheidende Rolle.

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