Schiedsrichter Günter Lüderitz: Auch mit 79 unermüdlich im Einsatz

Von: Jan Mönch
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Das Aufhören überlässt er anderen: Schiedsrichter Günter Lüderitz pfeift seit 40 Jahren Fußballspiele.
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Das Aufhören überlässt er anderen: Schiedsrichter Günter Lüderitz pfeift seit 40 Jahren Fußballspiele.

Kreis Heinsberg. Es ist ein nieseliger Sonntag, und darum hat Günter Lüderitz eine Regenjacke über seine Schiri-Montur gezogen. Unten auf dem Grün, das sich nach und nach mit den vom Himmel zerstäubten Tröpfchen vollsaugt, ist Dampf im Kessel.

In der Halbzeitpause fragt ein Zuschauer Günter Lüderitz nach dessen Alter. Es ist eine gute Frage, sie wird dem Schiedsrichter häufig gestellt. „U80“, antwortet er dann meist, unter 80, was natürlich beinahe alles bedeuten kann. Zum großen Kreis der unter 80-Jährigen zählt Günter Lüderitz allerdings nicht mehr für besonders lange Zeit: er ist 79.

Günter Lüderitz hat erst spät mit der Schiedsrichterei angefangen, und vielleicht ist er sozusagen als Ausgleich einfach ein bisschen länger dabei geblieben. Mittlerweile ist Günter Lüderitz – geboren im Harz, gelernter Elektriker, verheiratet, drei Kinder, ’55 aus der DDR nach Westdeutschland gekommen, seit ’73 Wahl-Erkelenzer – der älteste Schiedsrichter im Heinsberger Fußballkreis. Und das schon seit einiger Zeit und mit einigem Abstand.

Die Sache mit der Pfeife, sie fing für ihn erst Mitte, Ende der Siebziger an, da hatte er immerhin längst die 40 überschritten. Anderen ist es da körperlich bereits zu viel, 90 Minuten lang übers Grün zu hetzen, auch im Amateuerbereich, sei es als Spieler oder als Schiri. Lüderitz hingegen griff erstmals zur Trillerpfeife. Grund war sein Sohn, der beim SC 09 Erkelenz kickte: Der Vater war sowieso immer dabei, als Fahrer oder Betreuer, und irgendwann sagte eben jemand zu Günter Lüderitz: „Pfeif Du doch heute mal das Spiel.“ 1978 folgte der vorläufige Schiedsrichterausweis, der dann bald gegen einen „richtigen“ ausgetauscht wurde – und den Günter Lüderitz nicht wieder hergegeben hat, bis heute. Er pfeift und pfeift und pfeift.

Seine Spiele hat er nur anfangs gezählt, er weiß nicht, wie viele Begegnungen er mittlerweile geleitet hat. Früher seien es so um die 80 im Jahr gewesen, wenn es niedrig kam, heute sind es immerhin noch drei oder vier im Monat. Sicher ist, dass die Gesamtzahl sich weit im vierstelligen Bereich bewegen dürfte. Bei den Herren pfiff Lüderitz bis rauf in die Bezirksliga, vereinzelt sogar die Landesliga, bei den Damen bis in die Zweite Bundesliga. Heute pfeift er nur noch die Kreisliga C. Aber was heißt bei einem 79-Jährigen, der mit 17-, 18-, 19-Jährigen das Grün hinauf- und hinabwetzt, denn eigentlich „nur“?

Und er wetzt tatsächlich, auch an diesem Sonntag in Hilfarth. Nur bei ganz schnellen Angriffen ist Günter Lüderitz nicht auf Ballhöhe, dann, wenn der Ball aus dem Sechzehner weit in die gegnerische Hälfte gebolzt wird, was in der Kreisliga ja öfters mal vorkommt. Würde hier der FC Barcelona spielen und sich mit chirurgischer Präzision langsam in die Abwehr des Gegners fräsen, das sogenannte Tiki-Taka, für den Schiri wäre das einfacher als Hilfarth II gegen Hückelhoven II zu pfeifen. Rein vom Krafthaushalt her jedenfalls. Aber wenn Günter Lüderitz es einfach haben wollte, würde er ja am Spielfeldrand stehen und „einarmig reißen“, wie er sagt. Gemeint ist: lässig ein paar Bierchen kippen. Doch das überlässt er anderen.

Das da gerade, das sei doch wohl ein Foul gewesen, ruft jetzt einer vom Spielfeldrand her zu Günter Lüderitz rüber, ob es sein könne, dass er Grauen Star hat. Hat er nicht. Auch sonst ist er von Alterserscheinungen bislang verschont geblieben. Er hat sich wohl ein gewisses Maß an Schwerhörigkeit angeeignet, sagt er, aber das ist ein Scherz. Günter Lüderitz meint: das Gemecker, man muss es auch mal überhören können, wenn’s nicht gerade allzu doll wird.

Geraucht wie ein Schlot

Spricht man Günter Lüderitz darauf an, wie das denn alles möglich ist, das mit seiner exorbitant guten Physis, dann blickt er ein bisschen drein wie ein Schwarzhaariger, den man fragt, wie er denn an seine dunkle Haarpracht kommt: es ist eben so, er weiß es selbst nicht. Zumindest nicht ganz genau, es gibt jedenfalls kein Geheimrezept oder etwas in der Art.

Er macht ohnehin keinen großen Wind um sich. Neulich sah Günter Lüderitz Udo Jürgens in der Zeitung, der an dem Tag 80 geworden war. „Mensch, Lüderitz, siehst Du etwa auch schon so zerknittert aus?“, sagte Lüderitz da zu sich selbst.

Schon die Eltern haben ein recht hohes Alter erreichten, beide überschritten die 80. Und fest steht auch, dass Lüderitz immer schon ein sehr enges Verhältnis zum Sport hatte. Mit dem Kicken musste er selbst zwar früh aufhören, ein Schienbeinbruch zwang ihn, aber es gab ja auch genügend andere Sportarten mit oder ohne Ball. Auch ernährte er sich gesund, wenngleich nicht asketisch, geraucht hat er früher „wie ein Schlot“, allerdings nur bis Anfang 20. Bier trinkt Günter Lüderitz zwar hin und wieder, allerdings nur, wenn es nicht schon schlecht geworden ist vom langen Herumstehen im Kühlschrank. All dies sind Gründe dafür, dass Günter Lüderitz noch immer pfeifen und rennen kann. Das Aufhören überließ er bislang anderen.

Hückelhoven II spielt bei Hilfarth II, ein Nachbarschaftsduell, es wird viel gemault. „Du hast hier gar nichts zu sagen“, weist Lüderitz einen der Spieler zurecht. Ansonsten bleibt er gelassen, die Ruhe der Erfahrung, sie ist bei ihm. Als er einen Freistoß ausführen lässt und den Abstand vom Ball zur Mauer misst, geht Lüderitz rückwärts, so behält er den ruhenden Ball im Auge und keiner kann pfuschen. Das berühmte Freistoßspray hat er ja nicht. Er braucht es auch nicht.

Das Problem ist nur, dass die anderen diese Möglichkeit ziemlich rege wahrnehmen: Fußball-Deutschland gehen die Schiedsrichter aus, in den unteren Klassen jedenfalls. Wie die meisten, die sich auskennen und über dieses Thema sprechen, kann Lüderitz dafür nicht den einen, großen Grund nennen. Aber viele kleine. Die Zusammenlegung der Fußballkreise Erkelenz, Geilenkirchen und Heinsberg zu einem einzigen, großen Verband beispielsweise, die habe die Sache seinerzeit wohl nicht eben attraktiver gemacht. „Denken Sie nur an die langen Anfahrten.“

Vor allem aber, glaubt Günter Lüderitz, sei die Lebenswirklichkeit für junge Menschen heute eine ganz andere. Jemanden wie ihn, der mit Anfang 20 bereits mitten im Leben stand, verheiratet war und verdiente, der also wusste, wohin der Lebensweg geht, so jemand sei ja heute eher Ausnahme als Regel. Heute dagegen sei das Leben oft bis 30 oder noch länger unstet und geprägt von Unwägbarkeiten. Studium, Umzüge, Jobwechsel, und überhaupt die allgemeine Wirtschaftslage, da werde die Trillerpfeife – genau wie das Zubehör zu anderen Hobbys – eben leichter verbannt als früher. „Es gibt ja junge Schiedsrichter. Aber die bleiben eben nicht dabei.“

„Schweinsteiger fast totgetreten“

Er selbst schon. Dabei ist er nicht unbedingt ein ausgemachter Fußball-Verrückter, sein Interesse am Profi-Betrieb war schon mal größer. Bei Borussia Mönchengladbach, seinem Lieblingsverein, geht er nur noch selten ins Stadion, und im Fernsehen schaut er sich meist nur die Tore an. Außer es ist Weltmeisterschaft, so wie im Sommer, „da habe ich fast jedes Spiel gesehen“. Die Laufleistung seiner Kollegen sei ausgezeichnet gewesen. Die Nachsicht mit den Spielern aber fand er meist zu groß. „Den Schweinsteiger, den haben die Argentinier doch fast totgetreten.“ Dabei ist Lüderitz selbst keiner, bei dem die Karten locker sitzen. Nicht mehr als zwei, drei Rote Karten habe er in all den Jahren gezeigt, da ist er ziemlich sicher.

Das Derby Hilfarth II gegen Hückelhoven II allerdings ist ein ruppiges, Günter Lüderitz pfeift und pfeift und pfeift. Zweimal immerhin gibt er Gelb, oft läuft einer im Abseits herum, auch einen Elfmeter gibt es. Der Gastgeber gleicht aus, 1:1. Abpfiff nach genau 90 Minuten. Grund zum Nachspielen sieht der Mann in der Regenjacke nicht. Tun Ihnen nach so einem Spiel nicht die Knochen weh, Herr Lüderitz? Tun sie nicht. „Ich fühle mich richtig gut.“

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