Sarrazin in Heinsberg: Umstrittene Thesen finden viel Zuspruch

Von: Petra Wolters
Letzte Aktualisierung:
Rund 200 Gäste waren der Einl
Rund 200 Gäste waren der Einladung zu „Auf ein Wort mit” gefolgt. Moderator Rainer Herwartz, verantwortlicher Redakteur unserer Zeitung (links), fühlte Thilo Sarrazin im Gespräch auf den Zahn.Kritische Stimmen zu Sarrazins Thesen aus dem Publikum gab es kaum. Foto: agsb

Heinsberg. Zwei Streifenwagen und uniformierte Beamte vor der Tür der Buchhandlung Gollenstede, Sicherheitsdienst zur Kontrolle gleich dahinter und mehrere Beamte des Bundeskriminalamtes immer in seiner Nähe: Spektakulär war er schon, der Besuch des umstrittenen Bestseller-Autors Thilo Sarrazin in der Kreisstadt.

Aber er verlief ruhig, trotz einiger Demonstranten, die mit Fahnen und Schildern vor der Buchhandlung auf sich aufmerksam machten. In der Gesprächsreihe „Auf ein Wort mit?” stellte er sich drinnen den Fragen von Rainer Herwartz, verantwortlicher Redakteur unserer Zeitung, zu seinem Buch „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen”. Die Zahl der Besucher stieg dabei mit rund 200 auf einen neuen Rekord. Die beiden erstmals auf einer kleinen Bühne positionierten Sessel und eine neue Mikrofonanlage sorgten jedoch dafür, dass alle gut sehen und hören konnten.

Es gehe ihm darum, „Licht in den Bewertungswirrwarr” zu bringen, schickte Herwartz seinen Fragen vorweg. Es gelte zu klären, ob Sarrazin der mutige Mann sei, der mit seinen Thesen zu Zuwanderung, Bildung oder Hartz IV den Finger in die Wunde gelegt habe oder ob er wirklich der unerträgliche Mensch sei, als den ihn viele Kritiker bezeichneten. Ob er dieses Echo auf sein Buch erwartet habe? Eigentlich stehe doch nichts Neues drin, aber seine Frau habe ihn in seiner Arbeit bestärkt, so Sarrazin. Von seinem Buch über die Euroeinführung hätten sich 70.000 verkauft, 100.000 habe er sich jetzt erhofft. Mittlerweile sind es über eine Million Exemplare. Sachliche Kritik an seinem Werk nehme er selbstverständlich auf, betonte Sarrazin. „Aber Kritik, wie sie da draußen steht”, zeigte er in Richtung Eingang, „die beachte ich gar nicht mehr”. 70 bis 80 Prozent derer, die ihn kritisieren würden, hätten sein Buch gar nicht gelesen.

„Es gibt Fragen, auf die ich nicht antworten sollte”, konterte er ruhig, als Herwartz ihn provokativ fragte, ob er der Agitator, Volksverhetzer oder Rassist sei, als der er beschimpft werde. „Sagen Sie mir doch, was in meinem Buch falsch ist!”, forderte er. Intelligenz sei nun mal erblich, sonst habe die Evolution gar nicht stattfinden können. Die Frage nach dem Ga-briel-Vorschlag zu einer 15-Prozent-Migrantenquote im SPD-Vorstand wollte Sarrazin aufgrund seiner Parteizugehörigkeit dann nicht kommentieren, betonte aber zur Quote allgemein: „Diejenigen, die es aus eigener Kraft schaffen, werden doch dadurch entwertet.” Dazu passte die Aussage von Ditta Ahmadi als Lektorin von Sarrazins Buch, die mit einem Perser verheiratet ist und die Herwartz in Berlin „ausfindig” gemacht hatte. „Für ihn zählt nur, was jemand macht und wie er es macht und nicht, welche Nationalität er hat”, hatte sie ihm im Vorfeld des Gesprächs mit Sarrazin erklärt.

Dass er mit seinem Buch provoziere, wollte Sarrazin gar nicht hören. „Alle, die an meinen Aussagen sachlich nichts finden können, bezeichnen sie als Provokation. Das ist inhaltliche Ratlosigkeit bei gleicher Unzufriedenheit.” Was folgte, bezeichnete Sarrazin als sein „Credo”: den Dingen sachlich auf den Grund gehen und sie dann so klar ansprechen, dass sie völlig unmissverständlich sind.

Auch die von ihm geschaffene Bezeichnung „kleine Kopftuchmädchen” könne doch gar nicht beleidigend sein für diejenigen, von denen das Tragen von Kopftüchern gewollt sei. Sie bringe jedoch „einen gewissen emotionalen Schwung” in die Darstellung, räumte er ein. „Viele Kritiker denken pauschal und lassen sich nicht auf das sachliche Detail ein”, übte er dann selbst Kritik.

Nach einer Diskussion über die Unterschiede in der Integration von Muslimen verschiedener Nationalität machte Sarrazin kein Hehl aus seiner Meinung zu Integrationskursen. „Das ist an sich schon eine Peinlichkeit, nämlich die Anerkennung, dass Selbstverständliches nicht geschieht!” Grundsätzlich sei zunächst jedes Land für die Menschen zuständig, die dort geboren würden, erteilte er unkontrollierter Bevölkerungsentwicklung und daraus folgender Migration eine Absage. „Hätte sich Deutschland so entwickelt wie Palästina, gäbe es heute statt 80 Millionen schon 500 Millionen Menschen.” Die Entscheidung, wer hier zuziehe, sei der Kern staatlicher Souveränität, „und den dürfen wir nicht aus der Hand geben.”

Schließlich angesprochen auf sein „Hartz-IV-Menü”, nach dem für ihn Ernährung für weniger als vier Euro pro Tag möglich ist, erklärte Sarrazin: „Was wir heute als Form von Armut diskutieren, hat mit rein materieller Versorgung gar nichts zu tun.” Nach dem Applaus, den er dafür erntete, wurde er noch deutlicher: „Die Probleme haben keine materiellen Ursachen, sondern Verhaltensursachen!”

Im Anschluss an das einstündige Gespräch nahm er sich noch Zeit, die Fragen des Publikums zu beantworten, viel Zustimmung zu ernten und unzählige Autogramme in die mitgebrachten oder frisch erstandenen Bücher zu geben.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert