Säuglinge aus armen Familien sterben eher

Von: Norbert F. Schuldei
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Die Aufgabe einer Hebamme begi
Die Aufgabe einer Hebamme beginnt schon im Vorfeld der Geburt. Die einer Familienhebamme erstreckt sich bis zum ersten Lebensjahr des Neugeborenen. Foto: imago/imagebroker

Hückelhoven. Ein Wortungetüm, das man zweimal lesen muss: Kindeswohlgefährdung. Für Peggy Hausdorf gehört dieses Wort zum täglichen Sprachgebrauch. „Das kommt in meinem Berufsfeld leider nicht so selten vor”, sagt sie.

Peggy Hausdorf arbeitet seit gut einem Jahr als Hebamme in Hückelhoven. Im ganzen Stadtgebiet betreut sie „etwa 110 bis 120 Familien, viele nur während der Zeit der Schwangerschaft”.

In den meisten Fällen kann sich Peggy Hausdorf dabei auf ihre eigentliche Aufgabe als Hebamme konzentrieren. Also mit der werdenden Mutter Geburtsvorbereitung einüben, Tipps bei Rückenbeschwerden oder Schlaflosigkeit geben, allgemeine Angstzustände aufarbeiten - solche Sachen; die ganze Bandbreite der Schwangerschaftsvorsorge und Geburtsvorbereitung eben. „In etwa einem Drittel meiner Fälle sind allerdings auch psychosoziale Aspekte ein wichtiger Teil der Arbeit”, sagt Hausdorf. Dann übernimmt sie neben ihrer eigentlichen Aufgabe als Hebamme auch ansatzweise die einer Sozialarbeiterin.

Bei „Kindeswohlgefährdung”, zum Beispiel. „Hinweise auf Kindeswohlgefährdung können etwa Hämatome oder auch mangelnde hygienische Verhältnisse sein”, sagt sie. „In solchen Fällen wende ich mich meistens an die zuständigen Stellen bei der Caritas, manchmal auch direkt an das Jugendamt.” Dann kümmern sich ausgebildete Fachkräfte weiter um den „Fall”.

Eigentlich wäre das Aufgabe einer sogenannten „Familienhebamme”. Eine Familienhebamme muss eine abgeschlossene Hebammenausbildung, mindestens drei Jahre Berufserfahrung als Hebamme nachweisen und 200 Fortbildungsstunden absolvieren. Familienhebammen sollen Mütter in Problemsituationen ermutigen und ihnen eventuell weitere Hilfen vermitteln, um mögliche spätere Misshandlungen der Kinder zu verhindern - eine Art Bindeglied zu den klassischen Stellen, die für die Jugendhilfe zuständig sind also. „Die Familienhebamme”, sagt Peggy Hausdorf, „begleitet die Familie bis zum ersten Lebensjahr des Kindes.” Bisher zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten einer Wochenbett-Betreuung durch „normale” Hebammen bis acht Wochen nach der Geburt.

Familienhebammen gibt es in vielen Bundesländern, in vielen Städten und Kreisen. Im Kreis Heinsberg gibt es keine einzige Familienhebamme. „Das neue Bundeskinderschutzgesetz, mit dem die Finanzierung der Familienhebammen gesichert werden soll, ist seit 1. Januar 2012 in Kraft”, sagt Ralf Schwarzenberg, Leiter des Hückelhovener Jugendamtes. Auf Kreisebene fänden derzeit „Abstimmungsgespräche” zwischen den einzelnen Jugendämtern statt, um organisatorische und finanzielle Fragen im Zusammenhang mit der Familienhebamme zu klären, sagt er. Mit der Neufassung des Bundeskinderschutzgesetzes wird auch einheitlich geregelt, wann Ärzte, Hebammen, Sozialarbeiter oder Lehrer, die eine Kindeswohlgefährdung vermuten, ein Jugendamt informieren dürfen („Befugnis zur Datenweitergabe an das Jugendamt, wenn ein Tätigwerden für dringend erforderlich erachtet wird und eine Gefährdung auf andere Weise nicht abgewendet werden kann.”)

„Der Schwerpunkt und die Besonderheit der Arbeit einer Familienhebamme liegt auf der psychosozialen, medizinischen Beratung und Betreuung von vulnerablen (besonders sensiblen und verletzbaren) Frauen und ihren Kindern durch aufsuchende Tätigkeit und interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Berufsgruppen im Sinne der Gesundheitsförderung und Prävention.” So beschreibt der Landesverband der Hebammen NRW das Arbeitsfeld einer Familienhebamme. Dass der Gesetzgeber sich jetzt auf eine dauerhafte Finanzierung der Familienhebammen auf Bundesebene geeinigt und im Kinderschutzgesetz mehr Geld für frühe Hilfe zur Verfügung stellt, hat einen einfachen Grund: Die zunehmende Säuglingssterblichkeit vor allem bei sozialbenachteiligten Müttern mit Kind.

„Der steigende Bedarf an Familienhebammen hat eine Vielzahl von Gründen”, sagt Ralf Schwarzenberg. „Die Verarmung gesellschaftlicher Schichten, die Auflösung herkömmlicher Familienstrukturen sowie die Überforderung der Eltern einerseits und die herkömmlicher Hebammen mit Multiproblemen andererseits werden am häufigsten genannt.”

Rund 200 Stunden muss sich eine „normale” Hebamme weiterbilden, weiter in die nicht leichte und sehr sensible Materie einarbeiten, um die Qualifikation „Familienhebamme” zu erhalten. Das ist natürlich auch eine finanzielle Belastung, von der zeitlichen ganz zu schweigen. „Ich könnte mir vorstellen”, sagt Ralf Schwarzenberg, „dass sich die Verbände im Kreis, beispielsweise der Caritasverband, eine Familienhebamme sozusagen einkauft. Eine solche Fachkraft vor Ort zu haben, macht schon Sinn.”

Es geht um das Kindeswohl und die Vermeidung von „Kindeswohlgefährdung”. Finanzielle Überlegungen sollten da eine untergeordnete Rolle spielen. Nicht zuletzt deshalb stellt das Bundesfamilienministerium dafür künftig 51 Millionen Euro pro Jahr bereit.
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