Wassenberg - Russen shoppen über Wassenberger Portal

Russen shoppen über Wassenberger Portal

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Erfinder von „Laary”: Reinho
Erfinder von „Laary”: Reinhold Getmanskij. Foto: Verena Müller

Wassenberg. In den Büroräumen von Gostnorm müsste es im Moment sehr hektisch zugehen, meint man. Schließlich fällt heute der Startschuss für „Laary” - ein Onlineversandhaus, das auf den russischsprachigen Markt zugeschnitten ist.

Eine Million Euro hat Gostnorm in den vergangenen zwei Jahren in das Projekt investiert, eine weitere Million soll in das Marketing fließen. Das unternehmerische Risiko ist nicht gerade klein. Aber Reinhold Getmanskij gibt sich sehr gelassen.

Die Homepage steht, 29 Onlinehändler haben bereits ihre Waren - von der Wimperntusche bis zum Kleid - eingestellt. Er hoffe, an alles gedacht zu haben, sagt der Chef von Gostnorm. „Jedenfalls gab es vonseiten der Onlinehändler bislang noch keine Frage, die wir nicht beantworten konnten.”

Und die Geschäftsidee klingt gut. Der russische Markt ist mit europäischen Produkten noch nicht gesättigt und viele deutsche Händler scheuen Russland, da die Zollmodalitäten eine zwar nicht unüberwindbare, aber zum Teil undurchsichtige Hürde bilden.

Bestellt ein russischer Verbraucher Waren in Deutschland, kann es sein, dass der Zoll mit den Papieren des deutschen Händlers nicht zurechtkommt, hohe Gebühren verlangt oder dass die Ware schlimmstenfalls wieder zurückgeht. Unattraktiv für beide Seiten also, für Händler und Kunden. Mit „Laary” soll das einfacher werden. Gostnorm ist es gelungen, dass alle Artikel, die über den Online-Marktplatz verkauft werden, beim Zoll gelistet sind.

Der jeweilige Beamte kann also sofort den Warenwert und andere Daten ermitteln. Das Risiko überhöhter Abfertigungsgebühren tendiert damit gen Null. „Der Clou ist, laut russischem Recht jeder Bürger Waren im Wert von 1000 Euro zoll- und steuerfrei einführen darf”, sagt Getmanskij. Das Interesse dürfe groß sein, da das gleiche Produkt in Russland 300 bis 400 Prozent mehr als in Deutschland koste - bei deutlich geringerem Einkommen der Verbraucher.

Künftig kann ein Bürger aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion über die Internetseite von „Laary” Waren zu westeuropäischen Preisen beziehen. Die Bestellung wird dann an den Onlinehändler weitergeleitet, die Ware in der Logistikzentrale in Augsburg fertiggemacht und nach Russland geschickt. Der Versand dorthin kostet 25 Euro.

Ist ein Kunde mit der Ware nicht zufrieden, kann er sie an das Logistikzentrum in Krasnodar schicken. Dort wird sie geprüft und nach Deutschland zurückgesendet. 25 Mitarbeiter beschäftigt Gostnorm im Moment für „Laary”, laut Getmanskij könnten es ruhig mehr werden, „wir finden nur gerade niemanden, der auch Russisch spricht”, sagt er.

Finanzieren soll sich „Laary” über die Provision von 4,5 bis zehn Prozent, die die Onlinehändler zahlen müssen. Anbieten dürfen diese so ziemlich alles, „außer Tabak, Alkohol und Filme aus der Erotikbranche”.

Klingt alles gut durchdacht, einziger Haken: Das Modell mit dem Kunstnamen „Laary” lässt sich nicht schützen. Theoretisch könnte innerhalb kurzer Zeit Konkurrenz entstehen. Deshalb ist die Internetseite mit einem eigenen sozialen Netzwerk verbunden.

Wer hier angemeldet ist und etwa Freunde einlädt, Mitglied zu werden, erhält Punkte. Schon bei der Registrierung gibt es 1000. Bei 10.000 Punkten gibt es einen Nachlass auf den Einkauf. „Mit diesem Bonussystem hoffen wir, die Kunden langfristig binden zu können”, sagt der Erfinder.

Aufgebaut hat er Gostnorm - der Name deutet es an - mit Zertifizierungen. Damit wurde die Firma das erste und vermutlich einzige aktiennotierte Unternehmen Wassenbergs. Und das kam so: Reinhold Getmanskij kam im Alter mit seiner Familie von acht Jahren als Aussiedler von Kirgisien nach Deutschland.

In Wassenberg besuchte er die Grund- und Gesamtschule, lernte rasant schnell perfekt deutsch, machte noch während seiner Bundeswehrzeit eine kleine private Arbeitsvermittlung auf.

Den Kontakt zu Bekannten und Verwandten in Kirgisien hielt er über die Jahre aufrecht. Bei einem seiner Besuche fiel ihm in einem Laden auf, dass die Wand voller Zertifikate hing. In Deutschland werde Unternehmern ein Grundvertrauen entgegengebracht, „in Russland bist du erst einmal nichts und kannst nichts und musst mit Zertifikaten nachweisen, dass du dazu in der Lage bist, bestimmte Leistungen zu erbringen”, so der 28-Jährige. Und das gilt auch für deutsche Unternehmen, die gewerblich Handel treiben.

Getmanskij hilft ihnen dabei, diese Dokumente zu bekommen. Inzwischen hat er über 1200 Kunden, darunter der weltweit führende Hersteller von Anlagen für die Abfüllung und Verpackung von Getränken. Mit Einfuhrbestimmungen kennen sich Getmanskij und seine Mitarbeiter also schon seit Jahren aus.

Der Preis, den Getmanskij für seinen Erfolg bezahlen musste, ist allerdings hoch. „Seit zwei Jahren hatte ich keinen Urlaub”, sagt er, von sieben Uhr morgens bis spät in den Abend sitzt er im Büro. Auch samstags. Wenn mit „Laary” alles gut laufe, sagt der 28-Jährige, fahre er nächstes Jahr vielleicht für drei Wochen nach Thailand. Rucksacktour. Aber bis dahin stehen noch ein paar Etappenziele an. 500.000 Artikel online bis Ende Oktober lautet das nächste.
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