„Rundtour Erinnern“ stimmt nachdenklich

Von: anna
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In der katholischen Kirche in Waldenrath wird auch an die während der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft getöteten jüdischen Mitbürger erinnert. Foto: Anna Petra Thomas
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In Übach-Palenberg berichtete Helmut Landscheidt eindrucksvoll über das Lager für Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Mit dem Zug der Erinnerung, der im Frühjahr 2011 in Heinsberg und Geilenkirchen Halt machte, fanden die Schicksale der von Nationalsozialisten während des Dritten Reichs verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen in der Region Heinsberg neue Beachtung. Seitdem engagieren sich hier Menschen verstärkt in der Erinnerungsarbeit. Sie haben sich bereits für Mahnmale und Stolpersteine eingesetzt, lokale Geschichte aufgearbeitet und publiziert.

Nach einer Tagung 2013 und ­einer damit verbundenen ersten Busfahrt zu Orten, die an die Verfolgungsgeschichte in der Region erinnern, machte sich jetzt erneut eine Gruppe in einem voll besetzten Bus auf, um in einer zweiten „Rundtour Erinnern“ weitere Plätze im Südkreis zu erkunden. Initiatoren waren der Katholikenrat, das Büro der Regionaldekane, das Katholische Forum, der Evangelische Kirchenkreis und die Initiative „Erinnern“ in Geilenkirchen.

Ausgangs- und Endpunkt der rund sechseinhalbstündigen Tour war der Synagogenplatz in Geilenkirchen. Dort begrüßte die evangelische Pfarrerin Tanja Bodewig die Teilnehmer neben dem Gedenkstein für die 1869 erbaute Synagoge, die damals größte in der Region, zu einem „nachdenklich-interessanten Tag“. Sie erinnerte an die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Geilenkirchen und las aus Psalm 74 (Klage vor dem entweihten Heiligtum). Und sie rief auf zu „Zivilcourage, die Geschichte anzusehen und den Mund aufzutun da, wo Menschen verachtet werden.“

Bereits im Bus berichtete Helmut Landscheidt, Kassierer im Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz im Kreis Heinsberg, über die Geschichte der Juden in Übach-Palenberg, vor allem aber über das große Lager für Kriegsgefangene und Fremdarbeiter an der Stelle, wo sich heute das Carolus-Magnus-Centrum befindet. Wachleute seien neben Invaliden des Krieges auch kranke Bergleute gewesen. „So wurden auch aus Bergleuten plötzlich Soldaten.“ Und während über Tage alle strikt getrennt worden seien, hätten sie unter Tage doch alle gemeinsam gearbeitet…

Vorbei an der Grünanlage in der Dammstraße, wo unter dem Titel „der Stumme“ ein Erinnerungsmal errichtet werden soll, und entlang an Häusern, in denen jüdische Mitbürger einst ihre Geschäfte hatten, ging es wieder zurück nach Geilenkirchen zur Erlöserkirche, wo Pfarrerin Angelika Krakau die Teilnehmer empfing. Ursula Lochter informierte eindrucksvoll über den Widerstand des Hilfspredigers Emanuel Paskert gegen den Nationalsozialismus.

Bei einer Stärkung mit Brot, Apfelkraut, Schmalz und Äpfeln entwickelten sich auch unter den Teilnehmern interessante Gespräche. „Jeder ist eigentlich eine lebende Bibliothek“, befand Christa Nickels, die sich in der Initiative „Erinnern“ engagiert. „So knüpfen sich neue Netze. Was ausradiert werden sollte, entsteht wieder neu!“

Nächstes Ziel war der jüdische Friedhof in Gangelt. Dort wusste Pfarrer Mathias Schoenen viel über die Bestattungskultur der Juden zu berichten. Erschütternd war aber auch, als andere Teilnehmer von den sogenannten grauen Bussen erzählten, mit denen geistig behinderte Menschen seinerzeit von Gangelt nach Hadamar abtransportiert und dort getötet worden seien. Vorletzte Station war die katholische Kirche in Waldenrath. Dort erläuterte Heinz von Cleef den Besuchern die Gedenkstätte in der Kirche, die an alle Waldenrather erinnert, die Krieg und Vernichtung zum Opfer gefallen sind und in der daher auch eine Holztafel hängt, in der die Namen aller getöteten jüdischen Mitbürger eingeschnitzt sind. „Gleich zwölf Mal der Name Lichtenstein“, bemerkte ergriffen Elfriede Goertz, Freundin von Anita Lichtenstein, die ebenfalls getötet wurde und Namensgeberin der Geilenkirchener Gesamtschule ist.

Vorbei an dem Ort, wo einst in Straeten ein Bethaus stand, und vorbei am jüdischen Friedhof in Geilenkirchen, ging es zurück zum Synagogenplatz. Zum Abschluss las Pfarrerin Bodewig aus Psalm 124 und trug ein Gebet des Rabbiners Leo Baeck vor. „Friede sei den Menschen, die bösen Willens sind…“, hieß es dort.

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