Roman Herzog: „Es gibt keinen Grund, Werte umzuschreiben“

Von: anna/disch
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Der doppelte Alt-Bundespräsident: Roman Herzog war bei seinem Vortrag im Haus der Kreissparkasse in Heinsberg in natura am Rednerpult und parallel dazu auf Leinwand zu sehen. Fotos (2): Anna Petra Thomas Foto: Anna Petra Thomas
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Volles Haus im Veranstaltungssaal der Kreissparkasse in Heinsberg: Mehr als 300 geladene Gäste waren gekommen, um die Rede von Roman Herzog zu hören.

Kreis Heinsberg. Mit einem Vortrag von Alt-Bundespräsident Roman Herzog ist vor einem großen Kreis geladener Gäste die 2013er-Reihe der Sparkassen-Gespräche zum Thema „Werte“ in der Heinsberger Filialdirektion der Kreissparkasse zu Ende gegangen.

Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, erinnerte in seiner Begrüßung an die Berliner Rede von Herzog im Jahr 1997. „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, habe er damals unter anderem gesagt. Doch einen Anschluss an diese berühmte „Ruck-Rede“ von damals wollte Herzog nicht herstellen. „Wenn eine Rede abgeschlossen ist, dann ist sie abgeschlossen“, betonte Herzog.

Was die Werte in unserer Gesellschaft betreffe, habe man das Gefühl, dass vieles davon einfach zerbrösele und je nach Geschmack verteidigt werde oder nicht, erklärte er. Im Grundgesetz sei zum Thema Werte gar nicht so viel zu finden, befand er. Von Menschenwürde sei dort die Rede, auch vom Frieden. Andere Begriffe würden dann aber doch weniger Werte vermitteln als vielmehr Handlungsanweisungen sein wie etwa die Religions- und Meinungsfreiheit oder das Versammlungsrecht. Dabei seien auch die Grundrechte nicht bedingungslos gültig. Sie hätten einen Gesetzesvorbehalt.

Darüber hinaus gebe es jedoch eine Menge Werte, die bewahrenswert seien, auch wenn sie nicht im Grundgesetz stehen würden, nannte Herzog etwa die Hilfsbereitschaft, Zufriedenheit oder Glück. Dabei müsse man jedoch zwischen Werten und Tugenden unterscheiden. „Tugenden klingt altväterlich, aber ich habe keinen besseren Begriff gefunden“, sagte er.

Häufig würde in Umfragen die Frage nach Werten mit Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit oder ­Respekt beantwortet. „Das alles sind aber Verhaltensregeln. Werte sind etwas anderes“, so Herzog. Sie würden über diesen Tugenden stehen. Werte und Tugenden müssten getrennt nebeneinander betrachtet werden.

Das Gefühl, dass an Werten etwas „wegrutsche“, entstehe vor allem aus der immer größer werdenden Geschwindigkeit, in der sich die Welt verändere, erklärte der Alt-Bundespräsident. „Und dem stehen wir mit unseren alten Werten gegenüber.“ Es gebe jedoch keinen Grund, sie umzuschreiben. Der Eindruck, dass sich Werte verändern würden, verstärke sich, „aber ich glaube es nicht“, so Herzog.

Den zweiten Teil seiner Rede widmete er dem Begriff des Vertrauens. In der Wirtschaft entstehe es durch Redlichkeit und durch Erfolg, sagte er. Was er mit Redlichkeit meinte, machte er an Beispielen aus der Werbung deutlich – unter anderem an einem Werbespot, in dem von einer „schönen Verzinsung“ die Rede sei.

„Wenn ich ‚schöne Verzinsung‘ höre, dann geht bei mir das Messer in der Tasche auf!“, entfuhr es ihm. „Der Bedarf an ordentlicher, glaubwürdiger und damit richtiger Information ist heute in der Wirtschaft größer als früher“, befand er. Eine wesentliche Voraussetzung für Redlichkeit in der Wirtschaft sei eine bessere Schulung des Personals. „Da haben wir viel versäumt in den letzten Jahren.“

Vertrauen in die Politik thematisierte er unter anderem am immer noch vorhandenen „Mittelstandsbauch“ im Steuersystem, der „völlig absurd“ sei. „Da kann irgendwas nicht richtig sein.“ Korrekturen seien immer wieder versprochen worden, „aber es ist nie gemacht worden“. Herzog: „Ich frage mich, ob das redlich ist.“ Mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen sagte er, von Verrat an Parteiprogrammen könne da keine Rede sein. Herzog: „Jedes Parteiprogramm steht unter dem Vorbehalt einer Koalition.“

Im Haus der Sparkasse legte Herzog ein Bekenntnis zum dreisäuligen Bankensystem in Deutschland ab, das er seit Jahren schätze. Die Verantwortung für die Region und die Treue zur Region von Sparkassen und Genossenschaftsbanken würden für Verlässlichkeit und Selbstbescheidung sprechen. Er überließ es den Zuhörern zu entscheiden, ob dies Werte oder Tugenden seien.

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