René Schnitzler: Ein Fall wie viele andere

Von: Christoph Classen
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Bettina Derichs-Heuter sagt, je höher die Frequenz der Gewinnmöglichkeiten, desto größer sei die Gefahr des Suchtpotenzials. Foto: Christoph Classen

Heinsberg. René Schnitzler hätte ein richtig guter Spieler werden können, es sah ja auch lange danach aus. Als der Mittelstürmer noch für die A-Jugend von Borussia Mönchengladbach aufläuft, scheint sein Weg in die Bundesliga bereits vorgezeichnet.

Schnitzler wechselt dann auch zu Bayer Leverkusen und auch dort wird ihm von den meisten ein überragendes Talent bescheinigt. Sie sagen, Schnitzler werde es schon machen, der werde seinen Weg schon gehen. Solche Sachen.

Er ist den Weg nicht gegangen. Wenn heute vom Spieler René Schnitzler die Rede ist, dann klingt es anders als noch vor acht Jahren. Nicht mehr hoffnungsvoll, sondern ernüchtert. Schnitzler ist spielsüchtig, dazu hat er sich zuletzt noch offensiv bekannt. Bis 2012 hat der DFB ihn gesperrt und danach ist es wohl zu spät für eine Profikarriere.

Bettina Derichs-Heuter kennt René Schnitzler nicht. Na ja, zumindest nicht persönlich. Seine Geschichte kennt sie schon. Sie hat sie gelesen. Und für Derichs-Heuter ist es nur eine von vielen. Mit dem Unterschied vielleicht, dass der Hauptprotagonist diesmal in einem gewissen Maße prominent ist.

Derichs-Heuter ist Sozialarbeiterin, beschäftigt bei der Suchtberatungsstelle des Kreisgesundheitsamtes. Und man kann sagen, dass sie Geschichten wie die von René Schnitzler beinah täglich erzählt bekommt. Glücksspielsucht ist eine Krankheit, die man in allen gesellschaftlichen Schichten findet. Jeder kann davon betroffen sein, auch darauf soll der landesweite „Aktionstag Glücksspielsucht” am heutigen Donnerstag aufmerksam machen.

Wann aus dem Gelegenheitsspieler ein abhängiger Zocker wird, ist schwer zu sagen. Derichs-Heuter versucht es so: „Wenn etwas zur Normalität wird, wird es schwierig, zu erkennen, dass es nicht normal ist.” Bei René Schnitzler mag dieser Punkt erreicht gewesen sein, als er das Haus nicht mehr verließ ohne mindestens 5000 Euro in Bar eingepackt zu haben. Wenn die Mannschaftskollegen - Einsatz je 500 Euro - am Flughafen darum wetteten, wessen Koffer zuerst über das Gepäckband läuft, wollte er schließlich auch sein Glück versuchen.

Nicht Geldsumme entscheidet

Glücksspielsucht lässt sich allerdings nicht an der Höhe der Summe festmachen, die man bereit ist, auf den Tisch zu legen. Der Arbeitslose, der seine Sozialleistungen in Rubbellose investiert, kann genau so abhängig sein, wie der Selbstständige, der in der Pokerrunde Einsätze im Gegenwert eines Einfamilienhauses platziert. Spielsucht ist nur schwer zu fassen, aber es lassen sich immerhin Faktoren ausmachen, die das Risiko erhöhen, an ihr zu erkranken. Derichs-Heuter: „Vielen Abhängigen fehlt einfach die Impulskontrolle, manche haben auch ein Problem mit ihrem Selbstwertgefühl.” Letzteres versuche der Glücksspielsüchtige durch große Gewinne zu steigern. „Man denkt ja nicht ans Verlieren”, sagt Derichs-Heuter.

Hinter der Fassade des Glücksspielsüchtigen, die oft noch lange aufrechterhalten wird, verbirgt sich meistens schweres menschliches Leid, auch für die Angehörigen. Fast zwangsläufig kommt es zu familiären Konflikten, häufig auch zu beruflichen Problemen bis hin zum Arbeitsplatzverlust. Zunehmende Verschuldung führt nicht selten zu kriminellen Taten, am Ende droht der Verlust der gesamten Existenz. Häufig treten begleitend auch weitere psychiatrische Erkrankungen auf wie eine Depression bis hin zu Selbstmordversuchen. Nicht nur in Großstädten hat die Zahl der Glücksspielgeräte mancherorts fast explosionsartig zugenommen. Sowohl das vermehrte Angebot wie auch der relativ leichte und kaum regulierte Zugang haben in erster Linie zum besorgniserregenden Anstieg der Patientenzahlen geführt.

Vollständig ergründen, warum Jahr für Jahr mehr Spielsüchtige ihre Hilfe suchen, kann Derichs-Heuter natürlich nicht. „Seit 2006 sind die Zahlen Jahr für Jahr gestiegen”, sagt sie, allein 2009 suchten 17 Spielsüchtige regelmäßig die Beratungsstellen des Kreisgesundheitsamtes Heinsberg auf.

Die, die kommen, haben den wichtigsten Therapieschritt bereits geschafft. Sie haben sich selbst eingestanden, an einer Sucht zu leiden, die sie nicht mehr kontrollieren. In Gesprächen versuchen die Mitarbeiter der Beratungsstelle herauszufinden, was den Impuls zum Glücksspiel auslöst. Dann wird gemeinsam mit dem Klienten entschieden, ob eine ambulante oder stationäre Therapie besser wäre, in der Regel gibt es auch die Empfehlung, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen.

Den Lotteriespieler wird man dort selten treffen, auch wenn es einen geringen Anteil von Menschen gibt, die nach dieser Art des Glücksspiels süchtig sind. „80 Prozent sind automatensüchtig”, sagt Derichs-Heuter. Generell gelte: Je höher die Frequenz der Gewinnmöglichkeiten, desto größer ist die Gefahr des Suchtpotenzials.„Wenn der Abstand zwischen den Spielen immer größer wird, ist dass ein gutes Zeichen”, sagt Derichs-Heuter. Und vielleicht ist irgendeiner der vielen Einsätze dann tatsächlich der letzte gewesen.
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