Psychotherapeutische Hilfe: Kinder warten bis zu sechs Monate

Von: Naima Wolfsperger
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Bitte warten: Knapp jedes fünfte Kind in Deutschland zeigt Auffälligkeiten einer seelischen Erkrankung. Elf Psychotherapeuten kommen im Kreis Heinsberg demnach auf 8816 Betroffene. Foto: imago/westend61
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Psychotherapeutin Christina Hennen. Foto: Ute Haupts

Kreis Heinsberg. Geduld ist eine Tugend. Wenn Kinder aber therapeutische Hilfe brauchen, dann kann Geduld nicht nur ein Teil des persönlichen Reifeprozesses werden, sondern auch dramatische Folgen haben. Mindestens vier Monate müssen junge Menschen in der Regel bis zum Erstgespräch warten, dann dauert es noch knapp zwei bis Therapiebeginn.

„In dieser Zeit kann sich das Leben des jungen Menschen so grundlegend verändern, dass die Folgen der Wartezeit irreparabel und unumkehrbar sind“, erklärt die Heinsberger Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Christina Hennen. Monatelange Wartezeiten können den letzten Schulverweis bedeuten, eine schlechte Abschlussnote, tägliche Tränen, Trauer, Qual. „Ein unerträglicher Zustand“, sagt Hennen.

Pro Tag erhält die Therapeutin etwa drei Hilferufe von Kindern in Not, beziehungsweise deren Eltern. Würde sie alle ihre Patienten aufgeben und nur diese Neuanfragen übernehmen, dann müsste sie 18.000 Stunden im Jahr arbeiten. Das sind 750 Tage oder eben zwei Jahre und 20 Tage, die Hennen unentwegt, ohne Pause, ohne Schlaf, ohne Essen durcharbeiten müsste.

Nicht nur, dass das physikalisch und zeitlich unmöglich ist, diese Stundenzahl in einem Jahr unterzubringen, Hennen darf auch nicht über 1920 Stunden im Jahr therapieren. Zumindest würde sie alles darüber nicht bezahlt bekommen. Ihre Woche besteht also aus 50 bis 55 Arbeitsstunden. Dazu kommt noch die Verwaltungsarbeit. Insgesamt betreut sie in der Regel 180 bis 200 Klienten pro Quartal.

Elf Therapeuten für Kinder und Jugendliche sind im Kreis Heinsberg tätig. Acht Tiefenpsychologen und drei Verhaltenstherapeuten. Mehr braucht es nach Rechnung der Krankenkassenvereinigung nicht. Grundlage für diese Einschätzung sind die „Richtlinien über die Bedarfsplanung sowie die Maßstäbe zur Feststellung von Über- und Unterversorgung in der vertragsärztlichen Versorgung“ vom 09. März 1993.

Die Problematik, die sich bei Notfällen ergibt, wurde inzwischen auch politisch als so wichtig erkannt, dass Therapeuten jetzt wöchentlich sogenannte Notfallsprechstunden anbieten müssen. Eine richtige und wichtige Entwicklung, findet Hennen. Aber: „Es ist wie ein Pflaster auf einer Schusswunde.“ Nach dem Notfallgespräch gibt es kaum Möglichkeiten, kaum Zeit, den Patienten weiterhin zu behandeln.

Für die Tiefenpsychologin ändert diese Neuregelung eigentlich nichts. Eine Sprechstunde für Krisenintervention bietet sie schon lange an.

Merle Weitz, Psychologische Psychotherapeutin bei der Via Nobis GmbH, sieht in dem neuen Gesetz sogar eher eine Verschlimmbesserung: „Die Therapeuten können in dieser Zeit keine normalen Therapiestunden anbieten. Sie haben dann noch weniger Zeit für ihre Patienten.“

Bei der Jugendhilfe Via Nobis herrsche der kurze Dienstweg. Jugendliche, die in den Jugendgruppen untergebracht sind, erhalten bei Bedarf schnell und unkompliziert Hilfe. „Aber auch bei uns gibt es Wartelisten für die Jugendgruppen“, sagt Karina Wasch, Sprecherin der Via Nobis GmbH. Eines der größten Probleme sehe sie im sogenannten Drehtüreffekt: „Die Kinder werden im Notfall in Kliniken eingewiesen. Nach einiger Zeit kommen sie dann nach Hause, wo sie wieder allein sind mit ihren Problemen, anstatt weiterhin therapiert zu werden. Oft folgt dann ein weiterer Klinikaufenthalt. Und noch einer und noch einer...“

Dass die Nachfrage so viel höher zu sein scheint als die Bedarfszahlen der Krankenkassenvereinigungen liege einerseits daran, dass die Anerkennung der Therapie als medizinische Antwort auf seelische Probleme noch nicht so alt sei, sagt Weitz. „Außerdem wurden besondere Fälle früher meist durch die familiären Strukturen aufgefangen.“ Die Kleinfamilie und berufstätige Elternteile ließen heute keinen Raum mehr dazu. Aber auch die auf Effizienz ausgerichtete Gesellschaft, die sich nicht mehr unbedingt mit existenziellen Grundsätzlichkeiten auseinandersetzen müsse, rufe neue Verhaltensmuster und Druck auf den Plan.

Auch Hennen sieht vor allem gesellschaftliche Faktoren, für die quälenden Sorgen der jungen Menschen. „Mobbing ist ein großes Problem, Verlust der Eltern, Scheidungen, Gewalt und Überfälle. Die Welt ist brutaler geworden.“ Vor allem weil in den Schulen zu wenig Sozialarbeiter und geschultes Fachpersonal vorhanden sei, könnten die Kinder mit ihren Problemen in diesen Institutionen nicht aufgefangen werden. Auch Lehrer sollten mehr auf Traumasensibilität geschult werden. Vor allem, weil einige Schulen Mobbing selbst dann noch leugnen würden, wenn bereits mehrere Schüler derselben Einrichtung in Behandlung seien.

„Seit fünf, sechs Jahren habe ich auch vermehrt Jugendliche, die unter einem enormen Leistungsdruck leiden.“ Schul- und Prüfungsangst, Versagens- und Zukunftsängste, die zu unablässigem Stress, Selbsthass und Selbstverletzung führen können. „Unsere Gesellschaft ist nur noch auf Effizienz ausgerichtet“, sagt Hennen.

Wenn die seelischen Schmerzen nicht behandelt und sozusagen auf die lange Bank geschoben werden, dann verlieren die jungen Menschen oft erst recht die Nerven, den letzten Halt. Verzweifelte Eltern schicken die Kinder schlussendlich zum Allgemeinarzt. Kinder, die nicht der Norm entsprächen, würden oft mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche oder mit Dyskalkulie diagnostiziert, sagt Hennen.

„Dabei liegt die Problematik manchmal auch in der Methode, wie die Kinder lernen.“ Mit der Leistungsorientierung werde zu wenig Rücksicht auf die einzelnen Persönlichkeiten genommen. „In der Folge werden nicht selten Medikamente verschrieben. Unverhältnismäßig oft sogar eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (Adhs) diagnostiziert.“

Hennen und ihre Kollegen überlegten bereits, ihre Niederlassungen zu teilen, um mehr Patienten aufnehmen zu können. Aber eine wirkliche Hilfe sei das nicht, gesteht Hennen, wir könnten nur wenige Patienten mehr aufnehmen. Zusätzlich zu der Bedarfsplanung kommt eine weitere künstliche Hürde der Krankenkassenvereinigungen, wie Hennen es nennt. Die Ärzte müssen nach zwölf Therapiestunden mit einem Kind eine Zwangspause von acht Wochen einlegen.

„Als ob Traumata in berechenbarer Zeit heilen würden“, ärgert sich Hennen. Erst nach diesen Monaten können die Therapeuten erneut Stunden für ihre Patienten beantragen. Die Hoffnung sei, dass der Aufwand den betroffenen Familien zu hoch sei und sie sich nicht mehr melden würden. „Das spart den Kassen dann Geld.“ Dabei ginge es nicht selten um wichtige Weichenstellungen in den Leben der Kinder. Hennen engagiert sich deshalb auch im Berufsverband Dpdtv für eine neue Bedarfsplanung. „Wir demonstrieren und schreiben Briefe an Politiker. Bisher erfolglos.“

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