Projekt „face to face“: Gesichter-Geschichten und Hartz IV

Von: anna
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Gesichter-Geschichten und Hartz IV: Darum geht es bei der Ausstellung „face to face“, die am Dienstag im Heinsberger Kreishaus eröffnet wurde. Foto: Anna Petra Thomas

Kreis Heinsberg. Rote Fußabdrücke, auf dem Boden aufgeklebt, weisen den Besuchern im Bürger-Service-Center des Heinsberger Kreishauses den Weg zu insgesamt elf großformatigen Porträtfotos. Ergänzt sind diese auf Stellwänden durch Zitate, Biographien oder autobiographische Texte.

Was die elf Menschen verbindet? Sie alle sind seit Langem arbeitslos, und sie stellen ihre ganz persönliche Situation jetzt öffentlich dar, um auf die grundlegende Problematik der Langzeitarbeitslosigkeit aufmerksam zu machen.

Entstanden sind die Fotos und Texte im Projekt „face to face“, das vom Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath in Kooperation mit der Maria-Grönefeld-Stiftung realisiert wurde. Dabei wurden Langzeitarbeitslose im Rahmen kreativer Arbeit dazu ermutigt, dem gesellschaftlichen Problem ein individuelles Gesicht zu geben. Professionell begleitet wurden sie dabei von der Fotokünstlerin Agnes Bläsen.

Die Regionale Armuts- und Arbeitsmarktkonferenz (RAAK) im Kreis Heinsberg, ein Zusammenschluss von Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden, hat die Ausstellung nun bis Ende September ins Kreishaus geholt. Das Arbeitslosenzentrum von Amos in Heinsberg-Oberbruch, dem Verein gegen Armut und Arbeitslosigkeit, hat die Ausstellung um einen Film ergänzt. Mit diesem Film führte Johannes Eschweiler, Vorsitzender von Amos und Sprecher der RAAK, bei der Ausstellungseröffnung am Dienstag in die Thematik ein. „Die vergessenen Langzeitarbeitslosen“ lautet der Titel des Films, der auch weiterhin während der Ausstellung zu sehen sein wird.

Langzeitarbeitslose seien eine Gruppe in der Gesellschaft, die tatsächlich vergessen zu sein scheine, erklärte Eschweiler. Und dabei steige ihr Anteil in der Gruppe der arbeitslosen Menschen kontinuierlich an, auch im Kreis Heinsberg. Drei Langzeitarbeitslose wehren sich in dem Film mit sachlichen Argumenten gegen landläufige Vorurteile, die da etwa lauten, die Sozialleistungen seien viel zu hoch, sodass die Menschen gar nicht mehr nach Arbeit suchen würden, oder Arbeitslose seien faul seien, denn jeder, der arbeiten wolle, könne auch arbeiten.

„Wir dürfen die Lobbyarbeit nicht vergessen“, betonte der Amos-Vorsitzende. Die Zahl der Arbeitslosen insgesamt gehe zurück, Förderprogramme würden gestrichen. Der Mensch stehe nicht mehr im Mittelpunkt von Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik. Beim Sparen auf Kosten der Armen verkomme er sehr schnell zur Ware. Ganz auf der Strecke bleiben würden dann die Menschen am Rande der Gesellschaft. „Wer da nicht resigniert, hat schon einen starken Charakter“, sagte Eschweiler. Die aktuelle Hilfsbereitschaft und die Solidarität mit den Flüchtlingen sollten kultiviert werden und zu einer grundsätz­lichen Haltung werden all den­jenigen Menschen gegenüber, die hilfsbedürftig seien, regte Eschweiler an.

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel“, forderte Thomas Hartmann, Sekretär der DGB Region NRW Süd-West. Die Förderpraxis müsse nachhaltiger sein, Förderprogramme müssten auf­einander aufbauen. Dabei müsse weniger der schnelle Erfolg als vielmehr die Qualität im Fokus stehen. Durch flankierende Maßnahmen sollten zudem Hemmnisse abgebaut werden. Als Stichworte nannte er die Sprache oder Probleme mit Schulden oder Sucht. „Und wir müssen vorbeugen!“, forderte er. „Wir brauchen den sozialen Frieden.“

64 Prozent aller derzeit rund 2,79 Millionen Hartz-IV-Empfänger seien schon länger als zwei Jahre auf diese staatliche Unterstützung angewiesen, erklärte Landrat Stephan Pusch als Schirmherr der Ausstellung. Diese Zahlen hätten ihn erschreckt, und er freue sich, dass die RAAK nun auf die Problematik aufmerksam mache. „Nicht durch Protest oder Anklage, sondern durch eine Vermenschlichung des Themas.“ Ausdrücklich dankte er auch den beteiligten Langzeitarbeitslosen: „Im Übrigen haben diese damit auch eindrucksvoll bewiesen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, etwas zu schaffen.“ Die Ausstellung hebe das Thema „Hartz IV“ auf eine andere Ebene. „Die Bilder in Verbindung mit den Texten erzählen eine Geschichte, die es wert ist, einmal gehört zu werden.“

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