Prävention im Kampf gegen Radikalisierung

Von: Johannes Bindels
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Landrat Stephan Pusch war der erste Redner: Der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch tagte im großen Sitzungssaal des Kreishauses in Heinsberg. Fotos (2): Bindels
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Beim Runden Tisch: Franz Heinrichs (l.) blickte zurück auf 25 Jahre Arbeitskreis. Herbert Busch (r.) referierte über „Extremismus – Gewalterfahrung“.

Kreis Heinsberg. Der Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch besteht nunmehr seit 25 Jahren. Verbunden mit dem Jubiläum traf das Netzwerk für Vorbeugung, Beratung und Betreuung sich wieder zu einem Runden Tisch im Heinsberger Kreishaus.

Zum Schwerpunktthema „Extremismus – Gewalterfahrung“ referierte bei dieser Tgaung Herbert Busch, Referent und Berater für Religions- und Weltanschauungsfragen des Bistums Aachen. Die Schirmherrschaft hatte Landrat Stephan Pusch übernommen.

In der jetzigen Form tage der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch seit dem Jahr 2008, begann Landrat Stephan Pusch seinen kurzen Rückblick. Während die erste Tagung noch dem gegenseitigen Kennenlernen der jeweiligen Institutionen gedient habe, so hätten im Jahr 2009 „Kindesmisshandlung“, in 2010 „Häusliche Gewalt und seine Auswirkungen auf die beteiligten Kinder“, 2011 „Erkennen einer Traumatisierung von Opfern“ und 2013 „Behandlung sexuell auffälliger Jungen“ als Schwerpunktthemen die Tagung bestimmt. Der Landrat appellierte, die Kooperationen zu pflegen, und versprach, dass er selbst die Arbeit im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter unterstützen werde.

114 Sitzungen

Bevor Franz Heinrichs, vor seinem Ruhestand in der Jugendprävention bei der Kreispolizeibehörde tätig und seit den Anfängen Mitglied des Arbeitskreises, die Moderation übernahm, ging er auf die Entwicklung des Arbeitskreises ein. Aktuell engagierten sich als Teilnehmer im Arbeitskreis mehr als 17 Institutionen und Einrichtungen wie die Erziehungsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände im Kreis, das Kreisjugendamt und die Stadtjugendämter, der Opferschutzbeauftragte der Kreispolizeibehörde, der Schulpsychologische Dienst, die Schulsozialarbeit, Weisser Ring, Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKFM) oder Betreutes Wohnen der AWO. Im Laufe der Jahre habe der Arbeitskreis sich mit jeweils zehn bis 20 Teilnehmern bei 114 Sitzungen getroffen.

„Was ist da eigentlich los?“ Mit diesen Worten lenkte Herbert Busch in seinem Referat den Blick auf den Zusammenhang von erlebter häuslicher Gewalt und Extremismus. An einem Fallbeispiel machte der Referent die Entwicklung Jugendlicher von erlebter häuslicher Gewalterfahrung hin zur Mitgliedschaft in religiösen oder ideologischen Extremistengruppen nachvollziehbar. In drei Schritten würden sich die Jugendlichen radikalisieren. Zunächst würden Jugendliche Gewalt in der eigenen Familie erleben, was immer auch Ohnmachtsgefühle und Selbstwertverluste bedinge. Im nächsten Schritt würde im Milieu-Umfeld oft parallel zum Abfall der schulischen Leistungen dann schrittweise die Straffälligkeit erfolgen. Die damit verbundene Aussichtslosigkeit für eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle würden durch die fundamentalistischen Ideologien das Netz zum Einfangen dieser Jugendlichen sein. Würden in den ersten beiden Phasen sich die Betroffenen noch als Opfer des Systems fühlen, würden sie in der letzten Phase des Abgleitens in den Extremismus als Hooligans, Neonazis oder auch Salafisten den jeweiligen Ideologien aufsitzen und sich zum Täter entwickeln. Da ergebe der Hass auf andere erstaunliche Ähnlichkeiten. Im schlimmsten Fall ende dieser Weg als Selbstmord­attentäter.

Die Berührung mit den extremistischen Positionen erfolge über die modernen Techniken des Internets,so Busch. Die Ideologien würden der gefühlten Ohnmacht ein Ziel vorgeben. Das Kämpfen mit Waffengewalt sei jedoch ein hochriskanter scheinbarer Selbstheilungsweg, der nicht selten tragisch ende. Die Rückkehr in die Normalität brauche mit viel Hilfe mehr als fünf Jahre. Leider gebe es kaum Aussteiger im salafistichen Umfeld. Für die vorbeugende Arbeit des Arbeitskreises seien da Antworten zu finden auf die Frage: „Wie führen wir mit denen Gespräche, die uns ins Mittelalter zurückführen wollen?“ Fehlende Präventionsarbeit führe zur Radikalisierung. „Schulsozialarbeit, Streetworker und Beratungsstellen können Leben retten – vielleicht sogar das Ihrige!“ Mit diesem Verweis auf notwendige Ressourcen beendete Busch sein Referat.

In der folgenden Diskussion standen die Fragen zur Präventionsarbeit in Schulen und Berufskollegs im Mittelpunkt. Aber auch die Frage, welche Indikatoren zum Erkennen von Radikalisierung es gebe, damit es für die Erziehungsaufgabe in den Schulen durch die Sensibilisierung des Lehrpersonals Ansatzpunkte geben könne.

Selbstwertgefühl steigern

Ein Kernansatz war immer erkennbar in den Diskussionen: Das Selbstwertgefühl zu steigern, sei eine wesentliche Aufgabe der Vorbeugung und Beratung, damit Jugendliche Nein zum Extremismus sagen könnten.

„Ich möchte, dass Du friedfertig bist. Nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung“, umschrieb Herbert Busch diesen Komplex elterlicher, schulischer und gesellschaftlicher Aufgabe.

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