Pädagogikbegleithund in einer GU-Klasse

Von: Rainer Herwartz
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Der eineinhalbjährige Berner
Der eineinhalbjährige Berner Sennenhund Baru ist die Ruhe selbst. Das ist für sein Frauchen Ursula Pollen-Reiter eine unabdingbare Voraussetzung für eine sinnvolle pädagogische Arbeit mit den Grundschulkindern der GU-Klasse. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Für jeden Schüler ist es ein traumhafter Gedanke. Morgens gehts in die Schule, aber keiner erwartet, dass man sich am Unterricht beteiligt.

In der Klasse wird genüsslich gedöst, aber kein Lehrer weist einen zurecht. Ab und zu wechselt man den Platz, aber keinen störts. Sollte sich was Essbares finden, lässt mans sich schmecken ohne Angst vor einem strengen Verweis.

Im Gegenteil - man wird von Mitschülern und Lehrern gleichermaßen geliebt, jeden Tag aufs Neue freudig begrüßt und geherzt. Was für die Mädchen und Jungen der Sonnenscheinschule wohl ein Traum bleiben wird, ist für Baru längst Wirklichkeit.

Und das Tollste: Obwohl er erst die dritte Klasse besucht, hat er sein Examen schon in der Tasche. Denn Baru ist ein ausgebildeter Therapie- und Pädagogikbegleithund nach Schweizer Richtlinien.

Sein Frauchen, die Sonderpädagogin Ursula Pollen-Reiter, setzt den eineinhalbjährigen Berner Sennenhund in der sogenannten GU-Klasse ein. GU steht dabei für „Gemeinsamer Unterricht für Kinder mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf”.

„Die Idee kam eigentlich vor etwa drei Jahren von meinem Mann, der an der Peter-Jordan-Förderschule in Hückelhoven als Lehrer tätig ist”, erzählt Ursula Pollen-Reiter.

„Er arbeitet dort mit Kindern, die emotionale und soziale Schwierigkeiten haben, die sich in sehr impulsivem, teilweise auch aggressivem Verhalten zeigen.” Er habe mit dem Einsatz eines Hundes im Unterricht als entspannendes Element gute Erfahrungen gemacht. In Hückelhoven verrichtet der Retriever Raquel seinen Dienst.

Nun kam also auch die 41-Jährige „auf den Hund”. Doch bevor die Sonderpädagogin mit ihrem Vierbeiner auf die Mädchen und Jungs der Sonnenscheinschule losgelassen werden konnte, stand „Hupäsch” auf dem Plan - eine entsprechende Ausbildung für Hund und Halter.

Zunächst wurde dabei Baru auf Herz und Nieren getestet. Denn: „Die Anforderungen sind extrem hoch. Beileibe nicht jeder Hund ist dafür geeignet”, sagt Pollen-Reiter. Gleiches gelte im Übrigen auch für den Halter.

Die Tiere müssten extrem menschenbezogen sein, gehorsam, nicht stressanfällig in ungewohnten oder lauten Situationen und über eine gute Impulskontrolle verfügen. „Wenn er ein Wurstbrot sieht oder riecht, darf er sich nicht ablenken lassen.

In Situationen, in denen er sich bedrängt fühlt, darf er sich zwar zurückziehen, aber nicht nach vorne gehen und aggressives Verhalten zeigen.” Baru meisterte den Eignungstest mit Bravour.

Trotz seiner imposanten Größe und seines Gewichts von rund 50 Kilo verwundert das nicht. Er wirkt wie ein riesiger Knuddelbär. „Baru liebt es, gekrault zu werden, bis das Fell weg ist”, scherzt Ursula Pollen-Reiter. „Er ist ein richtiger Kampfschmuser.”

Im Augenblick setze sie ihn als Klassenhund ein, sagt Pollen-Reiter. „Er ist im Unterricht dabei.” Die 23 Schüler, von denen sieben einen speziellen Förderbedarf haben, werden stets neben der Sonderpädagogin zeitgleich noch von ihrer eigentlichen Klassenlehrerin betreut.

Im Unterricht würden bestimmte Regeln aufgestellt. „Die Klassenzimmertür muss zu sein und es darf nichts auf dem Boden liegen, was der Hund fressen könnte. Außerdem gebe es aus den Reihen der Kinder einen Ruhewächter, dessen Aufgabe darin bestehe, seine Mitschüler zur Einhaltung eines für den Hund erträglichen Lärmpegels anzuhalten.

Auch ein Engewächter sei bestimmt worden, der darauf zu achten habe, dass nie mehr als drei Kinder gleichzeitig den Hund kraulten. „Dabei geht es darum”, erläutert die Sonderpädagogin, „dass die Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich in die Bedürfnisse des Tieres einzufühlen und diese zu berücksichtigen.

Der Hund spricht dabei eine emotionale Ebene an, die ich als Mensch nicht erreichen könnte. Für den Hund machen die Kinder Dinge, die sie für mich nie machen würden.” Generell lege sie gemeinsam mit der Klassenlehrerin sehr viel Wert auf Umgangsformen. Ob der Hund darauf allerdings eine Langzeitwirkung habe, vermag die 41-Jährige noch nicht zu sagen.

Fest steht allerdings, dass er auch in der Einzelförderung sehr hilfreich ist. Bei einem Kind, dass sich fürchte, beim Vorlesen Fehler zu machen, sage sie oftmals einfach: „Dann lies doch dem Hund vor”, und das funktioniere.

„Der Hund wertet nicht, er lehnt nicht ab. Das ist gut, um sich zu stabilisieren. Die Kinder sind einfach gelöster und motivierter. Er ist sicher kein Allheilmittel, aber eine schöne Sache”, meint Ursula Pollen-Reiter. Baru liegt wie immer entspannt am Boden und nimmt das Lob gelassen hin.
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