Heinsberg - Ohne zu hören den Rhythmus erspüren

Ohne zu hören den Rhythmus erspüren

Von: Anna Petra Thomas
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Wenn das Publikum begeistert applaudiert, hört Markus Speel die Musik nicht mehr, und doch beherrscht er seinen Auftritt mit Partnerin Sabine Wilms perfekt. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. „Musik nur, wenn sie laut ist”, heißt einer der bekannten Titel von Herbert Grönemeyer. Er beschreibt darin eine junge Frau, die Musik nur mag, „wenn sie laut ist, dann vergisst sie, dass sie taub ist.”

Markus Speel aus Straeten, seit genau elf Jahren Mitglied der Prinzengarde im Heinsberger Karnevalsverein (HKV), setzt da noch einen drauf: Wenn er mit seiner Garde auf der Bühne steht und tanzt, vergisst auch er, dass er eigentlich taub ist!

Es war ein Freitag, der 13. Mai 2005, als den heute 34-Jährigen das Schicksal ereilte. „Erst hat sich alles angehört, wie in einem Micky-Maus-Film”, beschreibt er die ersten Anzeichen seines Hörsturzes, der schließlich zu völliger Taubheit führte.

In einer aufwendigen Operation erhielt er für sein rechtes Ohr ein sogenanntes Chochleaimplantat, mit dem er im normalen Alltag wieder ganz gut hören, ja sogar mit einigen Menschen schon wieder telefonieren kann. Problematisch bleibt aber für ihn die Hörsituation bei Nebengeräuschen. Und so hört er auch beim Tanzen die Musik nicht mehr, wenn es im Publikum nicht ganz leise ist. Daran ist aber gerade in dieser Session gar nicht zu denken. Applaus erntet die Garde nämlich auch zwischendrin immer wieder, wenn sie mit ihren attraktiven Hebefiguren begeistert.

Hinzu kommt für Markus die Problematik des fehlenden räumlichen Hörens und vor allem die mit dem Gleichgewicht. „Am Anfang musste ich sogar wieder lernen, einfach nur geradeaus zu gehen”, erzählt er. Drei Jahre konnte er nicht mit seiner Garde unterwegs sein. Dann ging er bei Auftritten wieder mit auf die Bühne. Dabei sein war für ihn schon alles. „Und dann haben wir ihn ganz langsam wieder mit eingebaut, immer ein Schrittchen mehr”, beschreibt Gardegeneral Hans-Peter Seegers die folgenden Trainingsmonate. Er hatte Markus zuvor ganz oft in der Klinik besucht. Die Garde vermisste ihn sehr, galt er doch immer als lustiger Typ in der Gruppe.

Der ist er auch weiterhin. „Da muss man mit Humor rangehen”, hat er sich gesagt, und gibt sich dann gleich wieder bescheiden, was seine Leistung betrifft, heute nicht nur wieder dabei zu sein, nicht nur wieder mitzutanzen, sondern auch seine Partnerin scheinbar mühelos durch die Luft zu wirbeln. „Ich lass mich doch nicht unterkriegen, weil ich eine kleine Behinderung habe”, erklärt er.

Die Routine durch viel Training hilft ihm dabei, den Tanz auch dann auf der Bühne zu beherrschen, wenn er die Musik gar nicht mehr hören kann. Er hat den Ablauf einfach komplett verinnerlicht. Nicht zuletzt hat ihm dabei seine aktuelle Tanzpartnerin Sabine Wilms (36) aus Heinsberg geholfen, die bereits seit 20 Jahren in der Prinzengarde aktiv ist.

Würde er nämlich nur sehend dem folgen, was seine Mittänzer tun, würde er auf der Bühne ständig hinterher „hinken”. Daher trainiert er einmal pro Woche zusätzlich mit seiner Partnerin privat, um dem hohen Anspruch eines perfekten Auftritts gerecht zu werden. „Markus war schon ganz schön aus dem Leben gerissen”, erinnert sich Partnerin Sabine. „Wir haben immer Kontakt zu ihm gehalten. Und was er jetzt geschafft hat, ist eine ganz, ganz tolle Leistung!”

Seit zwei Jahren tanzt Markus wieder voll mit. Zuerst wurde der Tanz noch so gestaltet, dass er auch ohne Hebefiguren über die Bühne wirbeln konnte. Aber auch die beherrscht er mittlerweile wieder problemlos, wobei die Figuren der Zugabe schlicht von der rechten auf die linke Schulter aller Tänzer verlegt wurden, damit Markus Implantat keinen Schaden nimmt. Allein in Tanzsequenzen, die man schlecht zählen kann, wie es unter Tänzern heißt, wird es noch schwierig für Markus, so etwa beim Titel „Halleluja” von Brings, der Teil der Aufführung ist.

Auch über Training und Auftritte hinaus ist Markus wieder voll dabei, half bei der Dekoration für den Frühschoppen, bei dem die Prinzengarde am morgigen Sonntag ab 11.11 Uhr 18 Karnevalsgesellschaften begrüßen wird. Und wenn es dann, wie zu erwarten, so laut wird, dass er nichts mehr hört, wird er zum Block greifen, wie er es auch beim Disco-Besuch tut.

Dann schreibt er auf, was er sonst sagen würde, und seine Freunde schreiben ihm zurück, kein Problem. Er habe schon überlegt, für solche Situationen die Gebärdensprache zu erlernen, erzählt er. Aber wenn seine „normale” Umwelt diese Sprache nicht beherrscht, hilft sie auch ihm nicht weiter.
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