Norbert Blüm: Die Finanzwelt ist ein Tollhaus

Von: wo
Letzte Aktualisierung:
Nach Vortrag und Gespräch mit
Nach Vortrag und Gespräch mit dem Publikum nahm sich Norbert Blüm auch noch Zeit, sein Buch zu signieren. Foto Petra Wolters Foto: Petra Wolters

Heinsberg. Dass Norbert Blüm, früherer Arbeitsminister, auch bei seinem Besuch in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede gegen Finanzjongleure und Spekulanten zu Felde ziehen würde, war von vornherein klar.

Schreibt er doch im Untertitel zu seinem Buch über „Ehrliche Arbeit” von einem „Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier”. Und so war es dann auch. Die eineinhalb Stunden, in denen Blüm las, aber eigentlich viel mehr erzählte, argumentierte, provozierte und viele sich eigentlich selbst beantwortende Fragen stellte, verflogen für seine rund 60 Zuhörer wie im Flug.

Man lade immer wieder Persönlichkeiten nach Heinsberg ein, die Besonderes geleistet hätten, wie etwa die ehemalige Nonne Majella Lenzen, oder solche, die für ihre Überzeugungen kämpfen würden, dabei aber durch und durch glaubwürdig und authentisch geblieben seien wie zum Beispiel Michael Buback, hatte Buchhändler Marcus Mesche zunächst in seiner Begrüßung erklärt. „Für unseren heutigen Gast gilt beides”, betonte er. Er sei ein Freund deutlicher Wort und wisse als gelernter Werkzeugmacher und Doktor der Philosophie zugleich, wovon er spreche, wenn er über Arbeit rede.

Was Blüm dann ausgiebig tat. „Um die Arroganz des Geldes, um die Abwertung der Arbeit, darum geht es!”, stieg er in seine Darstellung ein. Geld sei heute vom Tauschmittel zum Selbstzweck mutiert. Mit Spekulieren lasse sich mehr verdienen als durch Investieren. „Es gibt heute Firmen, die sind eigentlich Finanzhäuser. Da stimmt irgendwas nicht. Die Welt ist aus den Fugen geraten!” Da passte das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ins Bild, das Blüm dann sogar vorlas, ist es doch das nach Biographischem erste Kapitel in seinem Buch. „Des Kaisers neue Kleider. Oder: Die Heuchelei der Finanzwelt”, ist es überschrieben und für Blüm „die märchenhafte Antizipation der Finanzkrise von 2008”, wie er in Heinsberg seinen Zuhörern erklärte.

Auch in der Finanzwelt sei ein „Tollhaus”. Es gebe sogenannte Leerverkäufe von Aktien, die die Verkäufer noch gar nicht hätten oder „Carrytraders”, die bei ihren Kreditgeschäften die international unterschiedlichen Zinsen nutzen würden. „Ich sage Ihnen, ich bin kein Prophet, aber das kann auf Dauer nicht gutgehen!” Dass es dagegen keinen Aufstand der Entrüstung gebe, zeige ihm, dass man sich gar nicht in einer Wirtschaftskrise, sondern vielmehr in einer Kulturkrise befinde.

Hier gelte es anzusetzen. „Und Sie entscheiden mit!”, rief er seinem Publikum zu. Möglich sei dies doch etwa schon durch den Verzicht von Produkten, die mit Kinderhänden gefertigt worden sei. Die Arbeit müsse wieder anerkannt und geachtet werden. Es gehe doch dabei nicht nur um Lohn. Doch aktuell würden doch die Menschen wieder zu Tagelöhnern gemacht, Leiharbeiter dazu benutzt, Stammbelegschaften zu reduzieren. „Arbeitsplätze müssen dort sein, wo die Menschen zu Hause sind”, forderte Blüm weiter.

Sein christliches Menschenbild fügte er hinzu und forderte Vertrauen, Treue und Verlässlichkeit. „Warum sind Sie denn hergekommen, Sie hätten doch mein Buch auch lesen können?”, fügte er rhetorisch hinzu. „Weil ein Gespräch doch viel wertvoller ist, fügte er den Wert des menschlichen Miteinanders hinzu. „Die SMS-Gesellschaft ist mitleidsunfähig!”

Wie wichtig die Anerkennung der Arbeit für Menschen tatsächlich ist, machte er an zwei weiteren Beispielen aus seinem Buch deutlich. Das erste hatte er aus seiner Arbeit als Gehilfe im Weinkeller der Köln-Düsseldorfer-Rheinschifffahrt mitgebracht. Dort hatte es den Kellermeister vor 50 Jahren immer in Rage gebracht, wenn Weinflaschen wegen Korkgeschmacks reklamiert und zurückgegeben wurden. „Des Meisters Ehre war gekränkt”, so Blüm. „Der Kellermeister fühlte seine Arbeit missachtet.”

Anders bei seinem Vater Christian, von dessen letzten Worten auf dem Sterbebett er ganz am Ende seines Buches berichtet. „Gretel, es war alles sehr schön”, sagte er, bevor er starb. Die Arbeit seines Vaters als Kraftfahrzeugschlosser sei immer anerkannt worden, so der Sohn. „Er wurde damit nicht reich, aber stolz und zufrieden. Seine Arbeit hatte Sinn.” So sei das „schöne Leben” des Christian Blüm ein „erfülltes Leben” gewesen, schloss Blüm Buch und Vortrag, bevor er die Fragen seiner Zuhörer beantwortete und gerne blieb, um Bücher zu signieren.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert