Nerven bei JVA-Anwohnern liegen blank

Von: Rainer Herwartz
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Schon in dieser Luftaufnahme ist im linken Teil des umzäunten JVA-Bereiches deutlich zu erkennen, dass die neuen Gebäude erheblich über die fünf Meter hohe Betonmauer hinausragen. Foto: agsb

Heinsberg. Seit der Erweiterungsbau in Teilen seinen Betrieb aufgenommen hat und die ersten Untersuchungshäftlinge eingezogen sind, ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei.

„Wir wissen mittlerweile, wie man eine Fernsehantenne durch eine aufgetrennte Niveadose ersetzen kann, die man in die Antennenbuchse steckt und dann mit der Metallkloschüssel verbindet”, blitzt bei Guido Siebert der Galgenhumor auf. Nur so lässt sich offenbar für die 67 Unterzeichner einer Unterschriftenliste der Lärm, der seit Jahresbeginn von der Strafanstalt ausgeht, noch ertragen. Doch nicht nur der bereitet den Anwohnern Sorgen.

„Am Wochenende geht es ab 17 Uhr los, während der Woche etwa zwischen 12 und 13 Uhr, dann nach 18 Uhr und richtig ab 22 Uhr”, erklärt Regina Wirtz. Zwischen zwei und 20 U-Häftlinge unterhielten sich dann nicht selten bis drei Uhr in der Nacht lautstark über die Fenster der Etagen hinweg, ergänzt Guido Siebert. „Es wird nicht gesprochen, sondern geschrien. Wir kennen mittlerweile viele Namen, wissen, ob der Anwalt da war oder wer mit wessen Schwester ein Verhältnis hat. Mittags ist es manchmal so laut, dass man am anderen Ende des Lago Laprello noch jedes Wort verstehen kann, das gesprochen wird.”

Beleidigungen und Drohungen

Und diese Worte bewegten sich nicht selten auf der Vulgär- und Peinlichkeitsskala ungebremst ins Bodenlose. Auch vor Beleidigungen oder handfesten Drohungen gegenüber den Anwohnern, die sich in ihren Gärten blicken lassen, schreckten die jungen Männer nicht zurück. Das ist für die Insassen kein Problem, da zwei bewohnte Etagen die fünf Meter hohe Gefängnismauer überragen. Es sei besonders dann der Fall, wenn sich wieder einmal betroffene Bürger bei der JVA beschwert hätten. „Die haben uns wieder angeschissen. Wenn ich die kriege . . . Ich schicke meinen Bruder da hin, der macht da einen Bruch”, töne es dann durch die Gitterstäbe, sagt Dorothee Siebert. Nicht selten weiteten sich die Dialoge auch auf Personen außerhalb der Haftanstalt aus, wenn diese sich mit einem Pkw auf der Kempener Straße postierten oder abends eine Wiese an der Wichernstraße bevölkerten. Alles übrigens illegal, wie Guido Siebert weiß.

„Die Bauweise der Erweiterungsgebäude führt von der Polizei angeratene Vorbeugemaßnahmen, dass man potenziellen Einbrechern keine Möglichkeit zum Ausspähen der eigenen Wohnung bieten soll, ad absurdum”, schüttelt seine Frau Dorothee verständnislos den Kopf. „Ich kann sehen, wenn sich oben im Knast jemand das T-Shirt über den Kopf zieht, also kann er mich umgekehrt ebenso sehen”, macht Regina Wirtz aus ihrem Unbehangen keinen Hehl. „Ich stehe dann mit dem Rücken zur Wand oder lasse die Rollladen runter.” Dass dies auch während der Nachtstunden geboten ist, resultiert aus der immensen Strahlkraft der Scheinwerfer, die nicht nur die Haftanstalt in ein gleißendes Licht tauchen.

Begehung mit Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW

„Hierzu gibt es in den nächsten Tagen eine Begehung mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) aus Aachen”, erklärt JVA-Leiterin Ingrid Lambertz auf Anfrage. Die Scheinwerfer seien so eingestellt, dass die installierten Kameras mit ausreichend Licht versorgt würden. Ob sich da etwas ändern ließe, müsse geprüft werden. Grundsätzlich bringt Lambertz den Klagen der Anwohner Verständnis entgegen und versucht, mit ihrem Team der Misere im Rahmen ihrer Möglichkeiten Abhilfe zu schaffen.

Verständnis

Ein Eindruck, den übrigens auch die sich beschwerenden Anwohner haben: „Wir stoßen immer auf Verständnis”, erzählt Dorothee Siebert über das Ergebnis ihrer nächtlichen Anrufe. „Sie finden es auch ganz schrecklich.” Und deshalb blieb Lambertz auch nicht untätig. „Wir haben bei der U-Haft die obere Etage leergeräumt.” Derzeit sei dies noch möglich, da nur 333 von später 580 Insassen untergebracht werden müssten. Ihre Vollzugsbeamten hätten sich zuvor quasi Nacht für Nacht „die Beine ausgerissen”, um für Ruhe zu sorgen.

Doch es sei eine regelrechte Sisyphos-Arbeit, die Übeltäter zu lokalisieren. Manche stünden bei den Unterhaltungen nicht einmal am Fenster, sonder schrien einfach im Bett liegend los. Und wenn ein Schlüssel der Vollzugsbeamten auf der Etage zu hören sei, herrsche plötzlich Ruhe. Theoretisch sei denkbar, den Strafhaftbereich mit dem U-Haftbereich zu tauschen. „Die Strafgefangenen bleiben länger. Sie können wir besser erziehen”, sagt Lambertz. Im Moment komme noch hinzu, dass nicht alle U-Häftlinge beschäftigt werden könnten. „Man darf nicht vergessen, dass wir immer noch eine Großbaustelle sind.” Ein Gebäudetausch setze voraus, dass im Strafhaftbereich noch Beobachtungszellen eingerichtet werden müssten, wie sie in der U-Haft Vorschrift seien.

Sicht- und Schallschutz?

Die Schwierigkeiten liegen auch hier im Detail. Dabei werde sich der BLB nicht verschließen, bestätigt Pressesprecher Bernd Klass. „Wenn es um bauliche Dinge geht, sind wir natürlich mit im Boot.” Ob am Ende ein Sicht- und Schallschutz die Lösung sein wird, wie von den Anwohnern gefordert, ist allerdings fraglich. Darüber müsse das Justizministerium des Landes entscheiden. Ein entsprechendes Schreiben der betroffenen JVA-Nachbarn in Richtung Düsseldorf ist schon auf dem Weg.
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