Mit mehr Sinn Geschichten erzählen

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Menschen mit Behinderung erzählen, Kinder ohne Behinderung hören zu: Sandra Pelzer reicht die Liane, während Stefan Cordier die Dschungelgeschichte vorträgt. Foto: Lebenshilfe

Kreis Heinsberg. „Stellt Euch vor, wir sind Dschungelforscher und auf der Suche nach einer seltenen Schlange. Langsam gehen wir durch den Dschungel, die Lianen streifen unser Gesicht.“ Stefan Cordier liest die „Dschungelgeschichte“ vor. Er ist umgeben von acht Kindern, die gespannt zuhören. Seine Kollegin Sandra Peltzer sitzt ihm gegenüber.

Aus einem Holzkoffer holt sie nach und nach Requisiten hervor und reicht sie weiter: ein Dschungelforscher-Stirnband, eine Liane, einen Plüschaffen. Als sich die täuschend echt aussehende Klapperschlange langsam aus dem Koffer schlängelt, ist die Spannung im Raum greifbar.

„Wir wollen Geschichten für Menschen mit Behinderung mit allen Sinnen erlebbar machen“, erklärt Barbara Fornefeld, Professorin am Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik der Uni Köln. Gemeinsam mit ihren Studenten hat sie den Mehr-Sinn-Geschichtenkoffer entwickelt. „Menschen mit schwerer Behinderung sollen nicht ausgeschlossen werden, wenn es um Kultur geht. Deshalb haben wir bekannte Märchen ebenso wie eigene Geschichten auf ihre Kernaussagen komprimiert und in Kooperation mit der Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe Heinsberg einen Geschichtenkoffer entwickelt, der die nötigen Requisiten zu den Geschichten enthält.“

Der Holzkoffer und einige Requisiten wurden in der Lebenshilfe-Werkstatt hergestellt. Weitere Requisiten wurden in kooperierenden Werkstätten für behinderte Menschen entwickelt. So kommt zum Beispiel eine Choroi-Flöte aus einer Behindertenwerkstatt in Telleby (Schweden), das orientalische Tuch wird in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Indien produziert. Mehr als 150 Koffer sind bereits deutschlandweit an Einrichtungen der Behindertenhilfe verkauft worden, zudem hat das Therapiemittelversandhaus Wehrfritz den Koffer in sein Programm aufgenommen. „Wir fördern die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Das Interesse an den Geschichten und dem Koffer bestätigen uns in unserer Arbeit“, freut sich Fornefeld.

Dass Menschen mit Behinderung die Geschichten erzählen und Kinder ohne Behinderung interessierte Zuhörer sein können, davon war Erzieherin Heike Jahn-Kunze von der Lebenshilfe überzeugt. Sie begleitet Sandra Pelzer und Stefan Cordier und hat ihnen die Mehr-Sinn-Geschichten näher gebracht. „Die Requisiten erleichtern nicht nur das Zuhören, sondern auch das Erzählen. Da die beiden das so gut machen, habe ich die Idee spontan einer Kindertagesstätte vorgestellt.“ Professorin Fornefeld zeigt sich begeistert, „wie sich unsere Ursprungsidee weiterentwickelt hat. Vielleicht können wir an der Universität sogar eine Ausbildung zum Geschichtenerzähler für Menschen mit Behinderung entwickeln.“ Sandra Pelzer und Stefan Cordier würden sich gleich bewerben. „Mit Kindern zu arbeiten, das wäre mein Traum“, sagt Sandra Pelzer.

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