Kreis Heinsberg - „Minijobs sind Fluch und Segen zugleich“

„Minijobs sind Fluch und Segen zugleich“

Von: disch
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Minijobs sind aus Sicht des Kompetenzzentrums Frau und Beruf Fluch und Segen zugleich. Foto: Stock/McPhoto
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Thema Minijobs: Unter der Moderation von Andreas Speen (2. v. l.) diskutierten im Heinsberger Kreishaus Norbert Grimm, Markus Laumen, Michaela Zimmermann und Andreas Wagner (v. r. n. l.). Foto: defi

Kreis Heinsberg. „Minijobs sind Fluch und Segen zugleich!“ Mit diesem Satz brachte Norbert Grimm von dem beim Zweckverband Region Aachen angesiedelten Kompetenzzentrum Frau und Beruf die Diskussion im großen Sitzungssaal des Kreishauses auf den Punkt.

Einerseits würden ­Minijobs – auch „450-Euro-Jobs“ genannt – die Chance zum Wiedereinstieg ins Berufsleben oder zu einem Zuverdienst bieten und in Einzelfällen vielleicht der Selbstverwirklichung dienen, doch oft würden sie aus existenziellen Nöten angenommen. Und wenn Frauen über viele Jahre hinweg in Minijobs versauerten, würden sie sich ihre beruflichen Perspektiven verbauen.

Im Verwaltungsgebäude in Heinsberg an der Valkenburger Straße war am Donnerstagabend die Ausstellung „Minijob – Minichance?“ eröffnet worden. Landrat Stephan Pusch hatte in seiner Rede das Ziel des Kreises betont, bei der Frauenbeschäftigung aufzuholen, und dabei die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Partnern in der Region herausgestellt.

Kompetenzzentrum, Agentur für Arbeit, Jobcenter, Kreis und Wirtschaftsförderungsgesellschaft hatten gemeinsam die Veranstaltung in Heinsberg vorbereitet. Was dieses „hochaktive Netzwerk“, so Grimm, für die Zukunft geplant hat, kündigte er zumindest schon einmal in Teilen an: So werde es am 1. Oktober unter maßgeblicher Regie von Arbeitsagentur und Jobcenter ein Job-Speed-Dating mit Blick auf Pflegeberufe geben, bei dem Arbeitgeber und potenzielle Arbeitnehmerinnen unter dem Motto „Wir treffen uns in der Mitte“ zusammengebracht werden sollen. Was nach dieser Aktion folgen werde, wollte Grimm noch nicht im Detail verraten. Familienorientierte Personalpolitik werde aber auf jeden Fall ein Thema sein. Die Projektgruppe wolle Frauen und Unternehmen in den Fokus nehmen, sich verstärkt direkt an Unternehmen wenden, denn dort würden Arbeitsplätze entstehen, nicht durch Reglementierung bei Ansiedlungen. Das Netzwerk wolle Überzeugungsarbeit in Unternehmen leisten – nach der Devise: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“

In der Podiumsdiskussion – geleitet von Andreas Speen – hatten Michaela Zimmermann , Personalleiterin von Spelters Gebäudereinigung, Markus Laumen, Betriebsleiter in der Heinrichs-Gruppe, und Andreas Wagner, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt im Kreis Heinsberg, über Erfahrungen mit Minijobs berichtet. Da ging es ­einerseits um die Durchlässigkeit, die es von Minijobs hin zu sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen durchaus geben könne. Doch es kamen auch die Gründe zur Sprache, warum es oft nicht dazu komme: So führte Michaela Zimmermann unter anderem die Steuerklasse V an, die in vielen Fällen Frauen benachteilige und es für sie oft unattraktiv mache, von einem Minijob um ein paar Stunden aufzustocken in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Steuerklasse V sei „kontraproduktiv“.

Zu der Frage, welche Hindernisse Frauen den Einstieg oder Wiedereinstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erschweren, hatte auch der auf Basis einer Befragung erstellte Bericht zur Beschäftigungssituation von Frauen im Kreis Heinsberg Antworten geliefert, auf die Mirka Hellemacher vom Kompetenzzentrum verwies. Da sei einerseits die ungesicherte Kinderbetreuung genannt worden, aber ebenso auch das unzureichende Teilzeitangebot. „Es gibt einen Mangel an Teilzeitstellen“, so Hellemacher. Frauen würden oft Vollzeitstellen oder Minijobs angeboten, und wenn sie nicht über die volle Stundenzahl arbeiten wollten, würden sie sich für Minijobs entscheiden.

Michaela Zimmermann warnte aber davor, Minijobs nur negativ zu sehen und sie abzuqualifizieren. Es sei „nicht verwerflich“, in ­einem Minijob zu arbeiten, meinte sie. Norbert Grimm sagte, das Kompetenzzentrum wolle das Thema Minijob „kritisch, aber nicht vernichtend“ begleiten.

Mahnende Botschaften aus der Ausstellung lauten jedenfalls: ­„Minijobs schaffen Minirenten“ oder „Sackgasse Minijob?“; Minijobs seien keine Brücke in eine reguläre Beschäftigung.

Dass der Minijob vor allem ein Frauenthema sei, hatte Vera Schmitz, Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit im Kreis Heinsberg, an Zahlen deutlich gemacht. Von den 24.822 geringfügig entlohnten Beschäftigten, die es Ende 2013 im Kreis gegeben habe, seien 65 Prozent Frauen gewesen; in der Gruppe derjenigen, die zu diesem Zeitpunkt ausschließlich in einem Minijob tätig gewesen seien (insgesamt 17.814), liege der Frauenanteil sogar bei 69 Prozent. Sie konstatierte beim Blick zurück auf die vergangenen Jahre, dass es einen Trend zu Minijobs im Nebenjob gebe. Seit 2008 sei deren Zahl von 5800 auf 7008 angestiegen.

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