Kreis Heinsberg - Meinungsforscher Schöppner: „Ein unglaubliches Informationsdefizit“

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Meinungsforscher Schöppner: „Ein unglaubliches Informationsdefizit“

Von: disch
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Der Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner war der Referent beim Forum Kommunal der Kreissparkasse Heinsberg. Foto: defi

Kreis Heinsberg. Unter dem Titel „Wie Wähler wirklich wählen“ beleuchtete der Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, der von 1990 bis 2013 Geschäftsführer vom Emnid war, in einem Vortrag beim Forum Kommunal der Kreissparkasse Heinsberg im Jahr der Landtags- und Bundestagswahl Stellschrauben der Wahlentscheidung, er präsentierte den Politikern bei dieser Veranstaltung in der Kreisstadt aber auch eine Checkliste für den Wahlerfolg mit zehn elementaren Leitfragen. Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, freute sich über ein „volles Haus“ bei dieser Veranstaltung.

Die letzten drei, vier, fünf Jahre bezeichnete Schöppner als seine spannendsten Jahre als Demoskop, gebe es doch einen Paradigmenwechsel, grundlegende Veränderungen in den Überzeugungen der Bürger. „Da bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.“ Angesichts der Fluktuation, der Flexibilität und Volatilität der Meinungen der Bürger stelle sich die Frage, was das für die Politiker und für eine gute Politik bedeute.

Als erste Stellschraube nannte Schöppner zunächst „ein unglaubliches Informationsdefizit“ als „Wurzel des Postfaktischen“. Als Beleg für das Empfinden sozialer Ungerechtigkeit präsentierte er Zahlen, nach denen 87 Prozent der Bürger meinen würden, es gehe sozial ungerecht zu, nur zwölf Prozent hätten das Gefühl sozialer ­Gerechtigkeit.

Zukunftsunsicherheit sei mit Themen wie Demografie, Finanzkrise, IT/Daten, Globalisierung ­sowie Ausländer/Asylanten verknüpft. 82 Prozent würden sich beunruhigt fühlen; 1996 seien es nur 39 Prozent gewesen. Das Thema ­Sicherheit sei ein entscheidendes Wahlmotiv, so Schöppner.

Zwar habe sowohl 2014 als auch 2016 die Forderung, für gute Bildungsmöglichkeiten zu sorgen, jeweils an erster Stelle in der Rangliste politischer Aufgabenbereiche gestanden, doch sei die Gewährleistung innerer Sicherheit im gleichen Zeitraum von Rang zehn auf Platz zwei vorgerückt.

Die Lebenszufälligkeit als Stellschraube machte er an der Einschätzung der Bürger fest, dass neben Qualifikation und Flexibilität der Zufall über die Sicherheit des Arbeitsplatzes entscheide. „Die Menschen haben das Gefühl, vieles nicht mehr in der Hand zu haben.“

„Safety first“: Die Deutschen würden – ganz im Gegensatz zu Briten oder Amerikanern – lieber Risiken vermeiden als Chancen nutzen wollen.

Mittelstand als Anker

Es gebe ein großes Vertrauen der Bevölkerung in Familienunternehmen, mittelständische Firmen oder Kleingewerbetreibende mit Zustimmungswerten von 80 Prozent und mehr, aber nur wenig Vertrauen in große deutsche Aktiengesellschaften oder multinationale Konzerne (28 Prozent). Andererseits sei das Vertrauen der Familienunternehmen in politischen Rückhalt und gesellschaftliche Unterstützung „erschreckend gering“. Schöpp­ners Appell lautete denn auch, den Mittelstand, als Anker, als Leitbild der Wirtschaft zu sehen.

Die Angst, nicht auszukommen mit dem Einkommen, politische Interessenlosigkeit, den Inkompetenzeindruck der Parteien, die Visionslosigkeit und mangelnde Zukunftsorientierung führte er als weitere Stellschrauben ebenso auf wie mangelnde Empathie („Die Politiker und Wirtschaft kennen nicht mehr die Probleme kleiner Leute“, würden 82 Prozent der Bürger denken) und den Eindruck unehrlicher Eliten.

Im Ranking der wichtigsten Politikereigenschaften hätten Glaubwürdigkeit und Vertrauen in den letzten Jahren die Kompetenz an der Spitzenposition abgelöst.

Die gesellschaftliche Grundstimmung ist laut Schöppner von Angst, Entsolidarisierung, Perspektivlosigkeit, Lebenszufälligkeit, fehlender Sicherheit, Entwertung, Vertrauensverlust, sozialer Ungerechtigkeit, Verständnislosigkeit und Fragmentierung geprägt. Die Folgen seien mangelnder Gemeinsinn und Egozentrik. Lautheit bestimme die Agenda. Es gebe immer kürzere „Halbwertzeiten“, mangelnde Urteilsfähigkeit, kaum Chancen für Argumente und eine Dominanz von Begriffen. Fairness und Transparenz würden aber an Bedeutung gewinnen.

Da sei „der redliche Bürger“, der fehlendes politisches Interesse am ehrbaren Bürger beklage, da sei „der betrogene Bürger“, der sich über fehlende staatliche Ausgabenkontrolle und über unredliches Finanzverhalten ärgere (sei es angesichts überteuerter Großprojekte oder scheinbar unbegrenzter Mittel für Flüchtlinge) und darüber, dass Leistung kein Kriterium sei. Dies münde letztlich in der Frage: „Wo bleibe ich?“

Checkliste für den Wahlerfolg

Zehn Leitfragen umfasste Schöpp­ners Checkliste für den Wahlerfolg: „Versteht mich der Wähler? Bin ich Kümmerer? Bin ich ehrlich? Habe ich das richtige Wirtschaftsleitbild? Erzeuge ich Mitmachmentalität? Liefere ich Sicherheit? Stehe ich für Zukunft? Bin ich aktiv? Besitze ich Street Credibility (Straßen-Glaubwürdigkeit)? Bin ich fair?“

Und eine „Hausaufgabe“ gab der Meinungsforscher schließlich seinen Zuhörern auch noch mit auf den Weg: Sie sollten doch einmal in einem Vertrag die Silbe „ver“ durch „fair“ ersetzen. So werde in diesem ­„Fairtrag“ aus verhandeln fair­handeln, aus verhalten fair­halten, aus vertrauen fairtrauen, aus ­verbessern fairbessern, aus ­ver­binden fair­binden und aus ­ver­teilen fairteilen.

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