Lebenshilfe: „Jeder Tag ist eine neue Herausforderung“

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In der Werkstatt der Lebenshilfe: Thomas Jöris (l.) und Deborah Hempel (2. v. r.) gestalten Insektenhotels mit Mitarbeitern des Förderbereichs.

Kreis Heinsberg. Rund 70 junge Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren absolvieren einen Freiwilligendienst in einer Einrichtung der Lebenshilfe Heinsberg. Viele bleiben danach bei der Lebenshilfe und entscheiden sich für eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger.

Sie entscheiden sich nach der Schule für eine Auszeit, wollen sich für andere Menschen engagieren, Verantwortung übernehmen und die Zeit nutzen, in Ruhe Zukunftsperspektiven zu finden. Alleine im Förderbereich der Lebenshilfe begleiten zurzeit 25 junge Männer und Frauen Menschen mit schwerer Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten und hohem Unterstützungsbedarf. Neun von ihnen wollen bleiben und haben einen Praktikumsplatz innerhalb der Ausbildung als Heilerziehungspfleger erhalten.

Wie er eigentlich zur Lebenshilfe gekommen sei, diese Frage hört Thomas Jöris häufig. Denn seine Ausbildung zum Mechatroniker in der Klimatechnik hatte er bereits abgeschlossen. Eine einfache Antwort auf diese Frage kann er nicht geben. „Es sind die Menschen, auf die ich mich jeden Tag freue. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. In der Auseinandersetzung mit Menschen mit schwerer Behinderung lernt man auch sich selber kennen. Das ist eine echte Erfahrung und Bereicherung für das eigene Leben.“

Nach dem Abitur wollte Deborah Hempel die Werkstatt der Lebenshilfe kennenlernen, in der ihre Oma früher einmal als Betreuerin gearbeitet hat; die großmutter schwärmt heute noch von dieser Zeit. Deborah Hempel hat sich bewusst für die Arbeit mit Menschen mit schwerer Behinderung im Förderbereich entschieden. Dort arbeiten Menschen mit schwerer Behinderung in Kleingruppen von sieben Personen zusammen. Mehrere Assistenten begleiten die Gruppe und gestalten gemeinsam einen abwechslungsreichen Arbeitstag mit Beschäftigungs-, Erlebnis- und Ruhezeiten.

„Wer im Förderbereich der Lebenshilfe arbeiten möchte, der muss vor allem eine gesunde Portion Neugierde mitbringen und sich auf die Menschen einlassen wollen“, erklärt Jürgen Oellers, Koordinator des Förderbereichs. „Es gibt Gruppen, in denen Menschen mit schwerster Behinderung basal begleitet werden. Hier stehen die Pflege und einfache Kontaktaufnahme auf allen Sinnesebenen im Mittelpunkt der Arbeit.“ Der Förderbereich habe sich auch auf den Umgang mit Menschen mit problematischem Verhalten spezialisiert und begleite intensiv Personen mit selbst- oder fremdverletzendem Verhalten.

„Wir begleiten viele junge Menschen mit herausforderndem Verhalten. Wir wollen sie in ihrer Persönlichkeit stärken und mit ihnen gemeinsam Perspektiven für ihr Leben erarbeiten und gestalten“, so Oellers. Es gebe viele junge Menschen, die das FSJ antreten und sich nach verschiedenen Praktika in unterschiedlichen Einrichtungen der Lebenshilfe gezielt für eben diese Arbeit mit Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten entscheiden würden.

Timo Thissen hat sich ganz bewusst eben dafür entschieden. Wenn er zurückblickt auf die ersten Wochen seiner Arbeit im Förderbereich, dann erinnert er sich an einige Situationen mit verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen. „Ich habe meine Kollegen und Gruppenleiter beobachtet und mit der Zeit Situationen und Verhalten anderer verstehen gelernt.“ Es sei wichtig, dass junge Menschen mit Behinderung auch mit jungen Menschen ohne Behinderung Kontakt haben, erläutert Udo Claßen, der gemeinsam mit Jürgen Oellers den Förderbereich koordiniert. „Die jungen Männer und Frauen bauen oft schnell ein enges Vertrauen zu gleichaltrigen Mitarbeitern der Werkstatt auf. Man hat gemeinsame Interessen, hört die gleiche Musik, findet sich sympathisch.“

Ein Ereignis beschreibt ziemlich genau, was Timo Thissens Arbeit ausmacht: „Als ich es geschafft habe, einen gleichaltrigen Mitarbeiter des Förderbereiches trotz seines Desinteresses an seiner Umwelt zu motivieren, einen Kuchen zu backen und wir gemeinsam in der Küche Spaß hatten und eine entspannte Zeit ohne Aggressionen erlebten, war das für uns beide ein besonderer Nachmittag. Und die anschließende Kuchentafel für die Gruppe war wie ein kleines Fest.“ Seitdem versteht sich Timo Thissen gut mit diesem Mitarbeiter, und er kann gut einschätzen, wie er sich in kritischen Situationen verhalten sollte.

„Wir wollen die jungen Menschen dazu befähigen, ein Gespür für die ihnen anvertrauten Menschen zu entwickeln“, erläutert Oellers. „Wenn der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht seine Andersartigkeit, erleben auch Menschen mit schwerer Behinderung echte Teilhabe.“

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