Kunstwerke von einer anderen Seite präsentiert

Von: defi
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Die lebensgroße Stofffigur eines Surfers, geschaffen 1968 von der Künstlerin Jann Haworth, erwartet die Gruppe des Kunstvereins Heinsberg in der Werkstatt der Restauratoren des Ludwigforums Aachen. Foto: defi

Kreis Heinsberg. Man weiß zu Beginn einer Restaurierung nie, was alles an Überraschungen auf einen zukommen, dies gilt insbesondere für die moderne und zeitgenössische Kunst. Julia Rief, seit 1987 Diplom-Restauratorin an den Aachener Museen, gewährte den Mitgliedern des Heinsberger Kunstvereins in einer zweistündigen Führung spannende Einblicke in ihre Arbeit.

Sie präsentierte den Gästen die Kunstwerke des Ludwig Forums für Internationale Kunst von einer ganz anderen Seite. Und dies ist ganz wörtlich zu verstehen.

In einem Ausstellungsraum erwartet den Besucher eine auf den Boden liegende Dreiergruppe von lebensecht wirkenden Clochards. IDuane Hanson setzte mit seinem 1969 entstandenen Werk den sogenannten „Bowery Bums”, den Pennern der Bowery Street, ein Denkmal. Die Vorbilder für seine Figuren fand der Bildhauer in den Straßen von New York.

In Manhattan traf er auf zahlreiche Vietnam-Veteranen; Männer, die körperlich und mental versehrt aus dem Krieg kamen und zurück in ihrer Heimat erfahren mussten, dass der Staat und die Gesellschaft sich nicht für sie und ihre traumatischen Kriegserlebnisse interessierten. Doch die heutigen Besucher interessieren sich umso mehr für die Kunstwerke.

Schnell streift Julia Rief sich die weißen Schutzhandschuhe über und dreht mit geübten Griff eine der liegenden Figuren um. Welche Überraschung: Der Künstler hat sehr ökonomisch gearbeitet und die ansonsten nicht sichtbare Unterseite der Figur nicht ausmodelliert, sondern einfach offen gelassen, so dass man die Hohlform genau betrachten kann.

Nach dieser Erkenntnis geht es durch die „Schatzkammer des Hauses”, dem Depot, in die Werkstatt der Restauratoren. Dort erinnern viele Gegenstände an ein Laboratorium oder einen Operationssaal. Und so ähnlich sieht auch der Arbeitsalltag aus. Die verschiedenen Kunstwerke werden oftmals vorsichtig unter der Lupe mit einem Wattestäbchen gereinigt oder ganz zart mit kleinen Skalpellschabungen von Schmutz befreit.

Auf dem Tisch liegt die lebensgroße Stofffigur eines Surfers, geschaffen 1968 von der Künstlerin Jann Haworth. Der über 40 Jahre alte Wellenreiter in Badehose weist eine etwas ungesund wirkende orange Hautfarbe auf. Doch mehr Kummer bereitet der Restauratorin die Friseur des jungen Mannes: „Die Haare sind ganz verfilzt und müssen gereinigt und gefönt werden.”

Nach diesen ungewöhnlichen Einblicken hinter die Kulissen eines Museums, führt die Kunsthistorikerin Myriam Kroll die Besucher aus Heinsberg durch die Neupräsentation der ständigen Sammlung.

Unter dem Titel „Becoming Visible” hat die Kuratorin des Hauses, Anna Sophia Schultz, spannende Werke zusammengestellt, die ganz unterschiedlichen Stilrichtungen und Gattungen angehören, darunter Grafiken, Gemälde, Fotografien, Installationen, Objekte und Videos. Gleich im Eingangsraum fühlt man sich an ein Kinderbekleidungsgeschäft erinnert, denn an den Wänden hängen kleine, bunte Strickensemble.

Es handelt sich um Beinkleider für exotische Vögel. Die Künstlerin Mónica Girón will mit ihrer Arbeit auf die Vernichtung des Lebensraumes der einheimischen Tierarten in ihrer Heimat Patagonien hinweisen. Wenn man weiter schlendert, kommt man in einen abgelegenen und abgedunkelten Seitenraum. In der aus Gitternetzen gestalteten Installation von Mona Hatoum fühlt sich der Besucher wie in einem improvisierten Gefängnis; eine Emotion, die die Künstlerin durchaus beabsichtigt hat.

Ganz am Ende des Rundganges trifft man auf ein Kunstwerk, das die deutsch-deutsche Geschichte in den Fokus nimmt: „Stabile Entwicklung” von Karla Sachse besteht aus riesigen, zusammengerollten, alten Schulkarten. Die Künstlerin hat die Deutschlandlandkarten aus einem Container einer Berliner Schule im Jahr 1990 gezogen und zu einem Kunstwerk umfunktioniert. Nach dem Fall der Mauer wurden die Karten entsorgt, da die alte Grenze zwischen der BRD und der DDR nicht mehr vorhanden war.
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