Kreis Heinsberg - Kreis Heinsberg: Demographischer Wandel problematisch

Kreis Heinsberg: Demographischer Wandel problematisch

Von: dawin/kalauz
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Demographischer Wandel
Jürgen Köllmann und Gerda Hermes arbeiten beim Kreis Heinsberg in der Stabsstelle Demographischer Wandel. Foto: kalauz

Kreis Heinsberg. Die Zahlen sind erschreckend, unsere Gesellschaft altert rapide. Politik und Verwaltungen in den Kommunen suchen Wege, um der Entwicklung wirkungsvoll zu begegnen. Beim Kreis Heinsberg wurde die Stabsstelle Demografischer Wandel und Sozialplanung eingerichtet.

Jürgen Köllmann (51) und Gerda Hermes (52) von der Beratungs- und Vermittlungsstelle erläutern, wie sich der Kreis Heinsberg dem Problem stellt.

Stabsstelle Demografischer Wandel – das hört sich sehr militärisch an. Ist die Situation der alten Menschen im Kreis Heinsberg so bedrohlich?

Köllmann: Nein. Was die Situation der alten Menschen angeht, sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben 2700 vollstationäre Pflegeplätze, etwa 40 ambulante Pflegedienste und eine hervorragende Versorgung bei der Tagespflege. Zudem haben wir beim Kreis eine funktionierende trägerunabhängige Beratungsstelle, aber auch die privaten Leistungsanbieter und die Wohlfahrtsverbände haben zusätzliche Beratungsstellen eingerichtet. Mit diesen arbeiten wir zusammen. Mit dem Gesamtpaket sind wir den Anforderungen derzeit durchaus gewachsen.

Mit dem Status quo der Versorgung sind Sie also zufrieden. Wie sieht das in Zukunft aus, wenn mit einer dramatischen Veränderung der Altersstruktur zu rechnen ist?

Köllmann: Unser Ziel ist es, dass die alten Menschen länger zu Hause betreut werden. Das ist nach unserer Erfahrung auch durchweg der Wunsch der Betroffenen. Wir wollen weg von der vollstationären und hin zur ambulanten Versorgung der Menschen. Diese Verschiebung wird es geben. Da sind wir auch gefragt, und unsere Beratungsstelle wird dezentralisiert angelegt werden müssen. Entsprechende Konzepte werden derzeit erarbeitet. Aber auch die Leistungsanbieter werden sich an den veränderten Bedürfnissen orientieren müssen.

Eine Versorgung zu Hause – hört sich zunächst einmal gut an. Aber ist da nicht zu befürchten, dass viele Alte vereinsamen, zumal es die festen Familienstrukturen nicht mehr gibt?

Köllmann: Hier ist unter anderem das Ehrenamt gefragt. Wir werden in Zukunft viel mehr bürgerschaftliches Engagement in den Quartieren benötigen. Wir brauchen Leute, die sich kümmern. Und Dorfstrukturen, wie man sie von früher kennt, die die Menschen verbinden, müssen wieder belebt werden.

Wie wollen Sie die ehrenamtlichen Helfer rekrutieren?

Hermes: Wir sind gerade dabei, ein entsprechendes Netzwerk aufzubauen. In Erkelenz beispielsweise gibt es eine Seniorengruppe, die Heinzelmännchen, in der Leader Region gibt es das Kümmerer Netzwerk. Wir brauchen Ehrenamtler, die die alten Menschen begleiten, etwa beim Erstellen eines Antrags auf Sozialhilfe. Das ist oft schwierig und langwierig, was aber die Bedeutung der Ehrenamtler unterstreicht. In einem Beispielfall konnte nach drei Monaten intensivster Bemühungen eines Ehrenamtlers und der trägerunabhängigen Beratungsstelle ein Versorgungskonzept erarbeitet und umgesetzt werden.

Aber noch mal: Wie kommt man an die Ehrenamtler, die man dazu braucht, heran?

Köllmann: Es gibt hier sehr viele Bestrebungen in den Kirchen und Kommunen, Ehrenamtler zu gewinnen. Wir möchten diese engagierten Menschen begleiten, möchten ihnen helfen, indem wir aufzeigen, welche staatlichen Hilfen es gibt oder was man vor Ort anbieten kann. Es können zudem spezielle Schulungen durch die Beratungsstelle angeboten werden.

An wen können sich Interessenten wenden?

Köllmann: An die Städte und Gemeinden, die in der Regel ein breites Spektrum fürs Ehrenamt bereit halten. Und da muss der Einzelne sehen, wofür er sich interessiert. Ist es vielleicht die Betreuung von dementen Menschen oder doch eher eine Mitarbeit in der Jugendarbeit? Wenn das Interesse bei der Pflege und der Seniorenbegleitung liegt, bieten wir unsere Unterstützung an.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das bürgerschaftliche Engagement das einzige Instrument ist, um dem demografischen Wandel im Kreis zu begegnen.

Köllmann: Auf keinen Fall. Es ist nur ein Baustein. Gefordert sind auch alle Leistungsanbieter, die sich in Zukunft immer stärker auf die ambulante Versorgung einstellen müssen. Auch die Gesetzeslage ist eindeutig: ambulant vor stationär. Selbst wenn es teurer wird, haben wir die Verpflichtung, Menschen ambulant zu versorgen, wenn dies ihr Wunsch ist und die Möglichkeit besteht.

Hermes: Die Hilfen, die dabei eingerichtet werden, können sehr umfangreich sein: von der Hauswirtschaft, übers Einkaufen bis hin zur Begleitung bei Arztbesuchen oder bei Freizeitaktivitäten. Die Sorge, das Zuhause verlassen und ins Altenheim wechseln zu müssen, ist häufig bei vielen Betroffenen, aber auch deren Angehörigen sehr groß. Deshalb zeigen wir Alternativen auf, etwa Tagespflege, Kurzzeitpflege, Versorgung durch einen ambulanten Pflegedienst und so weiter. Es gibt so viele Möglichkeiten Menschen in der Häuslichkeit angemessen zu versorgen, aber es gibt auch Fälle, da ist die Versorgung in einer vollstationären Pflegeeinrichtung aus vielerlei Gründen nicht zu vermeiden.

Aber das wissen viele Angehörige doch meistens nicht.

Köllmann: Im Beratungsalltag erleben wir schon, dass viele Angehörige regelrecht Angst davor haben, wie sie die Versorgung von Vater, Mutter oder dem Ehepartner sicherstellen können. Und hier bieten wir individuelle Versorgungskonzepte an und helfen bei der Inanspruchnahme der staatlichen Leistungen.

Das heißt, die Menschen, die sich an die Beratungsstelle wenden, erhalten ein individuell zugeschnittenes Konzept?

Köllmann: Es ist ja so, dass ein Pflegedienst oder eine stationäre Einrichtung zu einem Menschen beziehungsweise dessen Biografie passen muss. Das ist wichtig. Wir schauen uns etwa auch Gutachten des Medizinischen Dienstes an, um uns ein Bild davon machen zu können, was das Optimale für den zu Pflegenden ist. Letztendlich können wir aber nur Vorschläge unterbreiten. Es gibt natürlich auch Preisunterschiede bei den diversen Leistungsanbietern, auch darauf weisen wir hin. Der Preis sollte aber nicht das alleinige Kriterium für die Entscheidung sein, welche Pflegeeinrichtung oder welcher Pflegedienst ausgewählt wird.

Hermes: Bei der Beratungsstelle gehen sehr viele Anrufe ein, und die Zahl wächst stetig. Es gibt erfreulicherweise keine Hemmschwelle. Die vorgetragenen Probleme sind dabei sehr vielfältig. Wir versuchen, individuelle Wege anzubieten. Dabei gilt für uns: Wir drängen keinem eine Lösung auf! Der Ratsuchende steht dabei immer im Mittelpunkt.

Bislang war die Rede von der Zusammenarbeit zwischen Ihrer Beratungsstelle und den Trägern in der Altenpflege. Wie sieht denn die Zusammenarbeit des Kreises mit den Städten und Gemeinden aus, wo sich der demografische Wandel vor Ort niederschlägt?

Köllmann: Mit den Sozialämtern, die auch im Bereich Hilfe zur Pflege tätig sind, arbeiten wir ganz eng zusammen. Man kann sagen: Pflege wird immer teurer, die Einkünfte bestehend aus Rente werden immer niedriger, das heißt viele Menschen sind heute schon auf die Hilfe zur Pflege durch den Sozialhilfeträger angewiesen. Und dementsprechend haben wir auch steigende Fallzahlen, die schlagen sich bei den Städten und Gemeinden nieder. Die trägerunabhängige Beratungsstelle gibt Versorgungsempfehlungen und auch der Kreis Heinsberg als örtlicher Sozialhilfeträger ist im Rahmen des Delegationsrechtes eingebunden.

Die Zahl der Alten, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, dürfte sich rasant nach oben entwickeln...

Köllmann: Im Moment erlebt der demografische Wandel eine Pause durch die geburtenstarken Jahrgänge die ja noch in Arbeit sind. Doch in etwa zehn Jahren dürfte der große Knall kommen. Da machen sich dann die vielen Geringverdiener – ich denke etwa an die vielen Menschen mit den Mini-obs – und Hartz-IV-Empfänger beziehungsweise Aufstocker bemerkbar. Wenn die Rente, die Beiträge aus der Pflegekasse und das eigene Vermögen nicht reichen, ist der Staat gefordert.

Wird die Altersarmut in Zukunft eine noch größere Rolle spielen als heute?

Hermes: Ich denke schon. Sie wird vor allem sichtbarer sein. Allein schon deshalb, weil viele alte Menschen nicht in Einrichtungen untergebracht werden wollen, sondern zu Hause wohnen möchten. Sie werden von daher häufiger im Stadtbild in Erscheinung treten.

Köllmann: Wir haben Gott sei Dank ein Sozialstaatsprinzip. Wenn das nötige Geld fehlt, greift die Sozialhilfe im Rahmen der Hilfe zur Pflege. Das wird auch in Zukunft so sein. Aber es ist schon richtig, was Frau Hermes sagt: Es werden mehr alte- und pflegebedürftige Menschen in der Stadt, im Dorf zu sehen sein. Und es wird dann zur Normalität gehören, wenn wir auf Menschen treffen, die sichtbar hilfs- und pflegebedürftig sind. Daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Es ist doch keine Entwicklung, die man furchtbar finden muss. Oder?

Hermes: Auf keinen Fall. Wir müssen uns öffnen für die alternde Gesellschaft. Und wir müssen zugleich, so verstehen wir den Auftrag der Beratungsstelle, die alternden Menschen dazu befähigen, an der offenen Gesellschaft teilzuhaben, solange es irgendwie geht.

Köllmann: Wir werden über neue Wohnformen nachdenken müssen, etwa über Wohngemeinschaften für Senioren. Der Gesetzgeber hat 2013 den ersten Schritt in diese Richtung gemacht mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz. Danach wird die Gründung von Senioren- WGs mit 2500 Euro pro Bewohner bezuschusst. Voraussetzung ist das Vorliegen von Pflegebedürftigkeit. Ich denke aber auch an Mehrgenerationenwohnen in einer für alle Bewohner gewinnbringenden Form.

Die Pflegeheime werden aber dennoch nach wie vor ihre Funktion behalten?

Köllmann: Die Pflegeheime sind unabdingbar, sie werden nach wie vor benötigt für die Schwerstpflegefälle egal welcher Altersklasse.

Hermes: . . . und dabei sollte man den pflegenden Berufen noch viel mehr Wertschätzung zukommen lassen. Das ist ganz wertvolle Arbeit für die Gesellschaft, die dort jeden Tag auf‘s Neue geleistet wird.

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