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Kreis an der Spitze beim Wachstum in der Breitbanderschließung

Von: disch
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„Unsere Untergrundbewegung macht uns rasend“: Dr. Joachim Steiner, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg, vor dem mit seiner Person verbundenen Kampagnenmotiv im Rahmen des Standortmarketings unter dem Motto „Spitze im Westen“. Foto: anna

Kreis Heinsberg. Vor zehn Jahren – im März 2005 – hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg (WFG) die ­ersten konkreten Schritte zum Aufbau einer Breitband-Initiative unternommen. WFG-Geschäftsführer Dr. Joachim Steiner, der im Rahmen des Standortmarketings für den Kreis Heinsberg unter dem Motto „Spitze im Westen“ genau dieses Thema aufgreift und dabei sein persönliches Kampagnen­motiv mit dem Slogan „Unsere ­Untergrundbewegung macht uns rasend“ verknüpft, beantwortete Fragen zum Stand der Dinge, aber er blickte auch zurück und voraus.

Vor zehn Jahren haben Sie die Breitband-Initiative für den Kreis Heinsberg zusammen mit den Bürgermeistern und dem Landrat auf den Weg gebracht. Was war damals die Motivation zu diesem Schritt?

Steiner: Die große Sorge, dass ländliche Räume zukünftig nicht mithalten können, wenn es um elektronische Kommunikation geht. Das haben wir als große Gefahr für unseren Standort angesehen. Wir hatten ein gutes Verhältnis zur Geschäftsführung der Firma BK-Tel in Hückelhoven, die sich mit unserer Hilfe dort angesiedelt hat. Hier hatten wir sehr kompetente Gesprächspartner, die uns frühzeitig bewusst machten, dass Investitionen in diese Technologie vorrangig in Ballungsräumen mit ihrer hohen Nutzerdichte erfolgen und ländliche Räume in der Gefahr stehen, außen vor zu bleiben.

Beim Blick auf den Breitband-Ausbau im Kreis Heinsberg gibt es zweifellos zwei Zeitabschnitte: vor und nach dem Markteintritt der Deutschen Glasfaser im Jahr 2012. Wie sind die ersten sieben Jahre verlaufen?

Steiner: Die ersten sieben Jahre waren gekennzeichnet von großen Anstrengungen und geringen, kleinräumigen Erfolgen. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit insbesondere mit West Energie und Verkehr – später NEW-Netz – und mit Nuon – später Alliander-Netz. Mit diesen Partnern ging es hauptsächlich um das Mitverlegen von Leerrohren bei allen Tiefbauarbeiten. Das ist auch wirklich erfolgt. Trotz immenser Anstrengungen ist es aber nur in ganz wenigen Einzelfällen gelungen, die einschlägigen Anbieter von Telekommunikations- und Internetdiensten dazu zu bewegen, mit Hilfe dieser geschaffenen Infrastrukturen tatsächlich Erschließungsmaßnahmen durchzuführen.

Technische Unterstützung und sehr wohlwollende Begleitung hatten wir vom Provider Accom – heute NetAachen. Aber in 2011 waren wir so genervt von den geringen Fortschritten, dass wir dem Kreis vorgeschlagen haben, eine ­eigene Infrastrukturgesellschaft zu gründen, die diese Investitionen vornimmt. Hierfür haben wir in 2011 und 2012 mit Beraterunterstützung Konzepte erarbeitet.

Dann kam im Jahr 2012 die Deutsche Glasfaser: War das der Durchbruch? Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft...

Steiner: Ja, man kann wirklich von einem Durchbruch sprechen. Aber die Deutsche Glasfaser gab es ja erst mal noch gar nicht. Die niederländische Investmentgesellschaft Reggeborgh war auf uns aufmerksam geworden. Die Reggeborgh-Tochter Reggefiber war uns als einer der bedeutendsten niederländischen Netzwerkakteure bekannt, der den Breitbandausbau in Südlimburg führend realisierte. Reggeborgh berichtete uns von Plänen, auch in Deutschland Glasfasernetze und -anschlüsse zu verlegen.

Wir haben sofort volle Unterstützung zugesichert, innerhalb einer Woche wurden alle Städte und Gemeinden einbezogen, es wurde Unterstützung beim Marketing zugesichert und eine Werbeagentur vermittelt. So wurde der Kreis Heinsberg zur Pilotregion. Das Marketing startete fulminant: Die Nachfragebündelung – ausgebaut wird, sofern 40 Prozent der Haushalte in der betreffenden Ortslage Verträge abschließen – gelang in den meisten angesprochenen Ortslagen auf Anhieb und bis Ende 2014 wurde in mehr als 60 Ortslagen für circa 41.000 Haushalte der Ausbau fertiggestellt, zumindest aber begonnen. Die kleinen Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht sind nahezu flächendeckend fertig angeschlossen.

„Unsere Untergrundbewegung macht uns rasend“: So lautet Ihr Slogan im Rahmen der Standort-Marketingkampagne unter dem Motto „Spitze im Westen“. Sie meinten zweifellos „rasend schnell“, andere waren dann aber erst einmal angesichts der Turbulenzen und Negativ-Schlagzeilen rund um den Aufbau des Netzes der Deutschen Glasfaser eher „rasend vor Wut“. Sie auch?

Steiner: Nein, Wut war nicht im Spiel, eher große Besorgnis, ob die inzwischen gegründete Deutsche Glasfaser aus dem Tritt kommt und stolpert. Es gelang zunächst nicht, die Ausbaugeschwindigkeit und -qualität an die hohe Zahl der Anschlussgebiete, in denen das Marketing so erfolgreich funktioniert hat, anzupassen. Die Beauftragung der Planungs- und Tiefbauarbeiten erfolgte nicht an die heimische Bauwirtschaft, was ich als Wirtschaftsförderer natürlich lieber gesehen hätte. Vielmehr wurden mit einer Vielzahl europäischer Tiefbau-Unternehmen sogenannte DB-Verträge – Design-Build-Kontrakte – abgeschlossen. Bei dieser Art der Projektvergabe trägt der Auftragnehmer die alleinige Verantwortung für Planung und Ausführung.

Nicht alle Vertragspartner arbeiteten mit der gleichen Qualität und Zuverlässigkeit. So verlief der Ausbau in einzelnen Ortschaften nicht so reibungslos, wie viele gehofft hatten: Zeitliche Verzögerungen beim Ausbau, nicht bezahlte Mindestlöhne und fehlerhafte Wiederherstellung der Oberflächen sorgten für Ärger und negative Schlagzeilen und für viel Arbeit in den Bauämtern der Städte und Gemeinden. Als Auftraggeber der Arbeiten an Generalunternehmen sah sich die Deutsche Glasfaser ebenfalls in der Kritik. Das Unternehmen hat aber hart daran gearbeitet, inzwischen glaube ich daran, dass die Deutsche Glasfaser ihre Prozesse und Vertragspartner im Griff hat. Um noch mal auf den Untergrund zurückzukommen, der uns rasend macht: Die Deutsche Glasfaser verlegt den technisch zukunftsweisenden Standard ftth, fiber to the home, das heißt, das schnelle Glasfaserkabel wird bis in die Wohnung verlegt. Mit diesem Standard ist man für jede derzeit vorstellbare Zunahme im Datenverkehr für jeden überschaubaren Zeitraum gerüstet.

Wie bewerten Sie die aktuelle Ausbausituation im Kreis Heinsberg?

Steiner: Der Kreis Heinsberg kann mit der Entwicklung seiner Breitband-Erschließung außerordentlich zufrieden sein. Wir gehören zu den Regionen mit dem schnellsten Wachstum in der Breitbanderschließung, wahrscheinlich sind wir sogar ganz an der Spitze. Noch im Jahr 2011 war es völlig unvorstellbar, dass bereits Ende 2014 im Kreis Heinsberg rund 40 Prozent aller Haushalte die Möglichkeit haben, sich einen Glasfaseranschluss ins Haus oder in die Wohnung legen zu lassen. Das ist aber heute schon geschafft. Und das führe ich ausschließlich auf den Markteintritt der Deutschen Glasfaser zurück. Die Effekte des Markteintritts der Deutschen Glasfaser gehen weit über das von ihr selbst verlegte Netz hinaus. Erst als die Bündelungsaktivitäten der Deutschen Glasfaser erfolgreich verliefen, wurden auch Wettbewerber wach und im Kreisgebiet aktiv.

Ein spezielles, aber auch ganz besonders wichtiges Thema sind die schnellen Anschlüsse ans World Wide Web für die Unternehmen. Wie ist es um die Versorgung der Industrie- und Gewerbegebiete und anderer Firmensitze im Kreis Heinsberg bestellt?

Steiner: Wir mussten lernen, dass aus Sicht eines Infrastrukturanbieters die Privathaushalte im Zentrum des Interesses stehen. Hier werden die Massenumsätze erzeugt, die die hohen Infrastrukturinvestitionen rechtfertigen. Aber es bestand von Anfang an eine Vereinbarung mit der Deutschen Glasfaser, auch die Industrie- und Gewerbegebiete anzuschließen. Die einschlägigen Marketingmaßnahmen sind angelaufen in ­Hückelhoven, Heinsberg und Geilenkirchen. Aber das Verlegen in Industrie- und Gewerbegebieten ist aufgrund der größeren Abstände zwischen den Nutzern noch mal deutlich teurer als in Wohngebieten. Deshalb gelten hier etwas höhere Preise und Erschließungskostenbeiträge sowie eine höhere Teilnahmequote von 50 Prozent. Für die Firmen und Immobilieneigentümer in Industrie- und Gewerbegebieten ist der Anschluss aus meiner Sicht ein wichtiges Element der Zukunftssicherung und Werterhaltung.

Wie wird es mit dem Netzausbau weitergehen? Immerhin gibt es ja die Ankündigung einer Breitbandstrategie der Bundesregierung, mit der insbesondere der ländliche Raum gestärkt werden soll und bis 2018 für alle Haushalte Anschlüsse mit Übertragungsraten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen sollen.

Steiner: Die Bundesregierung hat mit dieser Ankündigung gezeigt, dass sie beginnt, das Thema ernst zu nehmen. Aber bislang gibt es keine Aussagen zur Finanzierung. Ich fürchte, es wird wohl vorläufig nur bei Diskussionen bleiben. ­Außerdem: So verlockend eine Versorgung mit 50 Mbit/s für bislang unterversorgte Nutzer sich anhört. Wenn ich einen Anschluss habe, der mir 50 Mbit/s auf einem Kupferkabel ins Haus bringt, bin ich ziemlich am Ende der Möglichkeiten meines Anschlusses.

Wenn ich 50 Mbit/s über einen Glasfaseranschluss beziehe, weiß ich, dass sich das locker auf das Zehnfache, Hundertfache oder Tausendfache steigern lässt und dass ich für jeden überschaubaren Zeithorizont auf der sicheren Seite bin. Meine Sorge geht dahin, dass das viele Menschen im Kreisgebiet nicht verstehen, nämlich dass jetzt die einmalige Chance besteht, sich zukunftssicher zu machen. Bisher haben kleine, stark unterversorgte Ortslagen zugegriffen: Hier wurden die 40 Prozent nahezu überall erreicht.

Die bisher einzige Innenstadtlage, die von der Deutschen Glasfaser „getestet“ wurde, ist Wegberg. Hier sind die Häuser und Wohnungen zum Zeitpunkt der Marktbündelung 2013 mit Bandbreiten zwischen 16 und 50 Mbit/s versorgt gewesen. Das reicht den meisten für den Augenblick, und folglich wurden die 40 Prozent bei Weitem nicht erreicht. Ich fände es sehr bedauerlich, wenn sich das in anderen Innenstadtlagen wiederholt. Es wäre kurzsichtig, denn es geht um das Entstehen oder Nicht-Entstehen einer wichtigen Zukunftsinfrastruktur. Und ich glaube, viele werden einer nicht genutzten Chance irgendwann bitter nachtrauern.

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