Klimazeuge: „Klimawandel bedroht unsere Art zu leben“

Von: jdk
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Chinma George (Nigeria), Bastian Neuwirth (Oxfam), Dirk Jansen (BUND), Jens Sannig (Kirchenkreis), Amado Guerrero Saño (Philippinen) und Svenja Bachran (Oxfam) vor der Evangelischen Kirche in Erkelenz (v. l. n. r.).

Kreis Heinsberg / Kreis Düren. Warum kamen Chinma George aus Nigeria und Amado Guerrero Sano von den Philippinen ausgerechnet ins Rheinland, um von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Heimat zu berichten? Warum besuchten sie den Braunkohletagebau und demonstrierten tags darauf vor der RWE-Zentrale?

Ganz einfach: Das Rheinland gilt als der größte Kohlendioxid-Produzent in Europa! Was hatten sie bei einer Veranstaltung, zu der die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Jülich in die evangelische Kirche in Erkelenz eingeladen hatte, zu berichten?

Nigeria: Chinma George kommt aus einem Land, in dem 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes mit der Förderung von Gas und Erdöl erwirtschaftet werden. Und in dem viele Menschen von der Landwirtschaft leben konnten, bis der Klimawandel – mit den Worten der Afrikanerin besser: die Klimakatastrophe – beide Erwerbsquellen massiv schädigte.

Der Anstieg des Meeresspiegels und die Wetterveränderungen haben Existenzen vernichtet und bisher etwa sieben Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen gemacht – die meisten davon bisher im eigenen Land oder in den Nachbarländern. Ursachen sind zum Beispiel langanhaltende Regenphasen, die zu Fluten und zu erhöhtem Befall mit Malaria führen. Oder die Austrocknung des Tschadsees, der für die Existenz von Millionen Menschen an seinen Ufern die Lebensgrundlage bildete.

Bauern aus dem Norden Nigerias, dem wichtigsten Nahrungsmittelproduzenten des Landes, sind gezwungen, mit ihren Herden südwärts zu ziehen, da es kein Weideland mehr gibt. Im ­Süden aber kommt es zu gewaltsamen Konflikten mit den dort ansässigen Bauern, die sich durch die Flüchtlinge in ihrer Existenz bedroht sehen. Aber auch die Gas- und Ölindustrie leidet massiv unter den Wetterkatastrophen.

Das steigende Meer zerstört Häuser und zerstört die Existenz von Fischern. In dieser Situation der Verarmung, des Hungers und der Verunsicherung im Blick auf eine lebenswerte Zukunft ist es der islamistischen Gruppe Boko Haram gelungen, viele Mitstreiter zu werben, die die Bevölkerung des Landes terrorisieren.

Chinma George nannte auch mögliche Wege, wie die Situation insbesondere der unterernährten Kinder, der Frauen und Mädchen, der um ihre Existenzgrundlagen gebrachten Menschen zu verändern ist. Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftler und Gruppen aus der Zivilgesellschaft arbeiten für eine bessere Zukunft des Landes. Es gibt zum Beispiel Trainingsprogramme für Farmer zur Anpassung an die Bedingungen des Klimawandels. Handbücher für Bauern vermitteln Kenntnisse einer intelligenten und nachhaltigen Landnutzung.

Die Expertin aus der Subsahara hatte konkrete Forderungen an Deutschland im Gepäck: baldmöglichste Einstellung der Kohleförderung! Nur noch erneuerbare Energien! Hilfe für Nigeria in Form von Nothilfe, aber auch in Form von Geld, damit das Land sich erneuerbaren Energien zuwenden kann! Hilfe bei der Wiederherstellung des Tschadsees, von dem das Überleben Millionen von Menschen abhängt! In Nigeria wie in vielen anderen Ländern gelte: „Gelder, die für humanitäre Katastrophen gebraucht werden, fehlen für Bildung und Entwicklung!“

Philippinen: Am Anfang war alles wunderbar, so schon im ersten Buch der Bibel zu lesen. Auch die Philippinen waren paradiesisch schön. Mehr als 50 Prozent der Korallenriffe der Welt umgeben die Inseln in Südostasien. So erzählte es A.G. (Amado Guerrero) Saño den Zuhörerinnen und Zuhörern in der evangelischen Kirche in Erkelenz. Das aber ist nur die eine Seite. Die Philippinen liegen am gefährlichsten Teil des erdweiten Wasserkörpers. Und es gibt zwei große Bedrohungen durch den Klimawandel.

Das Kohlendioxid aus Kohleverbrennung und Industrie bedroht, ja zerstört die Korallenriffe durch die übermäßige Erderwärmung. Diese bedroht, wie an diesem Beispiel deutlich wird, insgesamt die Nahrung für die Welt. Und die zweite Bedrohung: Die Taifune aus dem Pazifik haben sowohl an Häufigkeit als auch an Stärke immens zugenommen, und zwar analog dem weltweiten Temperaturanstieg. Das Jahr 2013 brachte den Philippinen den stärksten Taifun aller Zeiten: Mit 378 Stundenkilometern traf der Sturm die Inseln.

A.G. Saño hat in seinem Heimatdorf genau diesen Taifun erlebt. Er nennt sein Dorf „Ground Zero des Supertaifuns 2013“. Die Statistik (16 000 tote Kinder, Frauen und Männer, zwei Billionen Dollar Schaden) wurde für ihn anschaulich und konkret, als er durch die steigenden Wasser im Haus eingeschlossen war. Nach seiner Rettung traf er einen Bekannten, der 36 von 37 Angehörigen verloren hatte.

Und sein eigener Freund wurde zusammen mit seiner kompletten Familie getötet. A.G. Saño half mit bei der Bergung und Bestattung ungezählter Toter. Dieser Taifun sei erst der Anfang, war zu erfahren. 2015 und 2016 gab es mehrere Supertaifune gleichzeitig. Da sie außer Menschen und Häusern auch Ernten vernichten, steht die Lebensgrundlage ungezählter Menschen infrage.

„Der Klimawandel bedroht unsere Art zu leben“, so A.G. Saño. „Ich suche Gerechtigkeit für meine Familie und für mein Land.“ Er zitierte Papst Franziskus, der mahnt, die Welt als Ganzes zu sehen, als Heimat aller Menschen, in der alles mit allem zusammenhängt und alle mit allen zu tun haben.

Deutschland: Superintendent Jens Sannig beschrieb die Haltung des evangelischen Kirchenkreises Jülich, der einen baldmöglichen Stopp der Förderung und Verbrennung von Braunkohle fordert. Man habe sich in den vergangenen 30 Jahren intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt, und an der Haltung habe sich seit Mitte der 1980er Jahre nichts geändert.

Man wisse sich mit diesen Erkenntnissen und dieser Einstellung auf einer Linie mit dem Club of Rome, der deutlich gemacht habe, dass eine Fortsetzung des ungebremsten Wachstums und des damit verbundenen Ressourcenverbrauchs die Erde unbewohnbar machen werde. Dem 1983 begonnenen „konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ hätten sich die Evangelische Kirche im Rheinland und der Kirchenkreis Jülich angeschlossen.

Kirche sei auch in Zukunft ein wichtiger Akteur auf dem Weg zu einer klimagerechten Welt. Die Botschaft für die Menschen in der Region lautete: „Es gibt nach dem Ende der Braunkohle eine gute Zukunft, nicht zuletzt auch im Blick auf die Arbeitsplätze.“ Sannig forderte nachdrücklich den Erhalt des Hambacher Forstes in seinen Restbeständen: „Das wäre ein Symbol für den Beginn des Wandels in unserem Denken und Verhalten.“

Sannig dankte Chinma George und A.G. Saño für ihre eindrücklichen Berichte. Und er dankte Bastian Neuwirth und Svenja Bachran von Oxfam sowie Dirk Jansen vom BUND für ihren Einsatz.

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