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Kaffee, Kirche, Kühe: Der Stoff für Grenzgeschichten

Von: ger
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Nah und doch so fern: Für die Schüler vom St.-Ursula-Gymnasium sind geschlossene Grenzen kaum vorstellbar. Foto: Gerhards
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Geschichten, die das Leben an der Grenze schreibt: Brigitte Geradts-Wimmers spricht über den Schmuggel im Selfkant. Foto: Gerhards

Selfkant. Brigitte Geradts-Wimmers hat sich für diesen Morgen einiges vorgenommen: Die Gästeführerin des Vereins Westblicke ist im deutsch-niederländischen Grenzgebiet unterwegs. Bei ihr ist eine Gruppe, bestehend aus Schülern des Geilenkirchener St.-Ursula-Gymnasiums und deren Gastschülern aus dem polnischen Lubin.

Brigitte Geradts-Wimmers spricht über den Schmuggel, der einst im Selfkant florierte. Sechs Kilometer Weg, drei Stunden Zeit und neun Stationen mit Informationen: ein straffes Programm.

Bei der Wanderung von Tüddern nach Millen und wieder zurück wird schnell deutlich, dass die jungen Teilnehmer sich keineswegs ablenken lassen. Die Geschichten aus der für sie so fernen Zeit der geschlossenen Grenzen scheinen die Oberstufenschüler zu faszinieren. Sie sind sehr weit weg und doch so nah.

Und Brigitte Geradts-Wimmers kann viele dieser Geschichten erzählen. Geschichten vom Wettlauf der Zöllner und Schmuggler. Geschichte von einer Zeit großer Not, in der man etwas Geld verdienen konnte, indem man günstigen niederländischen Kaffee unbemerkt über die Grenze brachte. Die von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführte Kaffeesteuer machte die Tasse Bohnenkaffee in Deutschland zum Luxusgut. Zehn D-Mark Steuer auf das Kilogramm Rohkaffee und sogar 13 D-Mark auf das Kilogramm Röstkaffee waren als Steuer abzudrücken. „Deshalb war die Gewinnspanne für die Kaffeeschmuggler so groß. Es gab – vom Rauschgift abgesehen – weltweit keine Ware, die so eine große Gewinnspanne hatte“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers.

Sie erzählt auch von einem Bus voller geschmuggelter Hühner, vom unter der Kleidung versteckten Kaffee, von Kühen, die über Nacht auf den Weiden auftauchten, und von der Haltung der Katholischen Kirche zum Schmuggel. Letzteres tut sie passender Weise vor der mehr als 1000 Jahre alten Kirche in Millen.

Brigitte Geradts-Wimmers ist erst kürzlich auf einige neue Schmugglergeschichten gestoßen. Nach einem Beitrag in unserer Zeitung, in dem sich Geradts-Wimmers zur Hochzeit des Schmuggels im Selfkant äußerte, meldeten sich viele Zeitzeugen bei ihr. „Ich bin selber Saeffelerin und habe an der Grenzstraße gewohnt. Was da alles vor meiner Nase passiert ist, ohne dass ich es gemerkt habe, das hätte ich nicht gedacht“, sagt sie.

Spannende Geschichten hat sie auch zum Thema Menschenschmuggel gehört: In den 80er Jahren wurden die Tamilen während des Bürgerkrieges in Sri Lanka verfolgt. Und sie kamen – auf welchem Weg auch immer – nach Sittard. Von dort aus schickten die Schleuser sie in den Wald, über die grüne Grenze, nach Tüddern. „Das sollen Hunderte oder Tausende gewesen sein“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers. Sie habe zwei Zeitzeugen, die das bestätigten – einer von ihnen war Zöllner. Auf diesem Weg kamen die illegal einreisenden Tamilen vorbei am Grenzstein 302. Und dieser Stein soll bis ins ferne Asien bekannt gewesen sein.

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