Junge Mütter und Depressionen: Hilfe in der Fachklinik

Von: Udo Stüßer
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Zufriedene Kinder, glückliche Eltern: Allerdings kann eine Geburt auch Schattenseiten haben. Bei 25 bis 40 Prozent der jungen Mütter tritt eine postpartale Depression ein. Foto: imago
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Sie wollen alleinstehenden Müttern und jungen Elternpaaren helfen: Chefarzt Dr. Michael Plum (rechts), Kursleiter Oliver Katterbach und Psychotherapeutin Merle Weitz, Bereichsleiterin der Jugendhilfe Schloss Dilborn. Foto: Udo Stüßer

Gangelt. Wer kennt nicht die Bilder aus der Werbung, die eine junge, strahlende Mutter mit ihrem zufriedenen Baby zeigen. Das Glück scheint dem Betrachter förmlich entgegenzuspringen. Doch die Kehrseite der Medaille wird niemals gezeigt: das Geschrei des Neugeborenen, die schlaflosen Nächte der Eltern, aufkommende Probleme in der Partnerschaft, die nicht selten in Streit enden, Ängste um die Gesundheit und Zukunft des Kindes.

Das erwartete Mutterglück will sich oftmals gar nicht richtig einstellen. Was kommt, ist das große Elend. „Der Babyblues ist keine Seltenheit. Von diesem Stimmungstief, das zu Depressionen führen kann, sind viele junge Mütter betroffen“, sagt Dr. Michael Plum, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Via Nobis-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Gangelt.

Ursachen für das Tief seien die hormonelle Umstellung, die neue Lebenssituation und fehlende Vorbereitung auf die veränderte Situation. „Dann ist es kein Einzelfall, wenn die Mutter nach der Entbindung traurig ist. Es kommen Ängste auf. Ängste beispielsweise, das Kind könnte nicht gesund sein. Aber es kommen auch Fragen: Was ist mit dem Klimawandel? Was ist mit der Entwicklung dieser Welt?“, sagt Plum.

Im Umfeld der jungen Mutter müsse deshalb das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass sie sich in einer schwierigen Situation befinde. „Die junge Mutter muss vorbereitet sein auf eine Lebenskrise. Sie muss wissen, dass es nach der Geburt keinen Jubelzwang gibt.“ Dieses in Fachkreisen als „postpartale Störung“ bezeichnete Phänomen sei auch für die spätere Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung. „Erlebt das Kind in dieser frühen Phase eine sinkende Bindung an die Mutter, ist das für die spätere psychische Stabilität ein wesentlicher Faktor“, erklärt Plum.

Neues Angebot im Kreis

„Die Geburt des ersten Kindes sorgt für eine dramatische Wende in der Partnerschaft. Das Kind kommt plötzlich als dritter Partner ins Spiel. Die überraschend auftretende Krise hat dann genug Sprengkraft für die Beziehung der Eltern. Ein Drittel der Ehepaare trennt sich“, sagt der Chefarzt.

Wie wichtig Aufklärung über das Krankheitsbild ist, zeigt ein Blick in die Statistik: In der ersten Woche nach der Geburt tritt bei 25 bis 40 Prozent der Frauen eine postpartale Depression auf. „Ist die Mutter depressiv, wird sie sich nicht freuen, und der Beziehungsaufbau zum Kind gelingt schlecht oder gar nicht“, sagt der Klinikchef.

Die Depression werde von der Mutter als Schuld empfunden. Sie frage sich: „Warum freue ich mich nicht?“ Plum: „Dieser Teufelskreislauf führt zur Verstärkung der Depression.“ Plum betont, dass es sich nicht um schuldhaftes Versagen der jungen Mutter handele, jede Frau könne es treffen. Die Geburt eines Kindes bezeichnet der Psychiater und Psychotherapeut als eine „raue Stromschnelle des Lebens“. „Zwei Drittel der Mütter bewältigen sie fröhlich, ein Drittel tut sich schwer.“

Ein Kind glücklicher Eltern sei später bei Problemen stabiler. Bemerkbar mache sich dieses Phänomen bei Kindern von alleinerziehenden Müttern: „Wenn Kinder vaterlos aufwachsen, haben sie nach 50 Jahren noch das zweieinhalbfache Risiko, an einer Depression zu erkranken“, erklärt er und macht aber deutlich: „Auch nach einer Trennung können Mutter und Vater gute Eltern sein.“

Bei einer postpartalen Depression, bei einem postpartalen Stimmungstief oder gar bei einer postpartalen Psychose, die mit Depression, Manie oder Schizophrenie verbunden ist, sind Haus- und Fachärzte erste Ansprechpartner.

Weiterführende Hilfe finden Betroffene auch in der Psychiatrischen Institutsambulanz von Via Nobis, die sich mit einem neuen Angebot an alleinerziehende Mütter, die oft dazu noch unter materieller Not und sozialem Rückzug leiden, und junge Elternpaare wendet: Die beiden Kursleiter Britta Müller und Oliver Katterbach bieten unter der Überschrift „Wir 2“ ein 20 Unterrichtseinheiten umfassendes Training an, das zu mehr Selbstsicherheit im Alltag führen soll.

Das Angebot ist kostenlos. Infos unter Telefon 02454/59386. Bei Bedarf werden weitere Seminare im Kreis Heinsberg angeboten.

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