Jung-Nazis sollen wegen versuchtem Totschlag vor Gericht

Von: Rainer Herwartz
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Wassenberg/Aachen. Schon seit dem 21. Juli dieses Jahres befinden sich drei junge Männer und eine Frau aus Heinsberg und Wassenberg in Untersuchungshaft.

„Wir unterhalten uns hier über den Tatvorwurf eines versuchten Totschlags. Ein Tatvorwurf, den man nicht bagatellisieren kann”, sagt der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller.

Wegen eben diesem Vorwurf und gefährlicher Körperverletzung habe die Staatsanwaltschaft gegen die Vier im Alter von 16, 18, 24 und 26 Jahren Anklage erhoben. Und weil das kein Pappenstiel ist, wurden auch die beiden Jüngeren bis zum etwaigen Prozessbeginn nicht der Obhut ihrer Eltern überlassen, sondern eingesperrt.

Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Angeschuldigten am 28. September 2011 den Außenbereich des Jugendtreffs „Am Kahnweiher” in Wassenberg aufsuchten, um dort Mitglieder für die sogenannte Kameradschaft Aachener Land anzuwerben, wobei sie mehrfach nationalsozialistische Grußformeln riefen.

Mit massivem Polizeieinsatz wurden die Kameradschaft Aachener Land (KAL), der Nationale Widerstand Dortmund und die Kameradschaft Hamm im letzten August übrigens im Rahmen einer Großrazzia mit 900 Beamten in 32 NRW-Städten zerschlagen.

Der Rechtsextremismus-Experte Prof. Fabian Virchow, Leiter der Arbeitsstelle Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf, sprach damals von einer engen Verflechtung von NPD und der Aachener KAL. Sie sei vor zehn Jahren aus dem NPD-Kreisverband Aachen entstanden und habe die Partei weiterhin unterstützt.

„Die Aachener Kameradschaft ist - oder war - sehr gewaltaffin, besonders umtriebig, einflussreich und hat eine lange Tradition in NRW.” 2010 waren bei der neonazistischen Gruppierung selbst gebaute Sprengsätze gefunden worden - zwei Bombenbauer wurden 2011 in Aachen zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Während der Unterhaltung mit anwesenden Jugendlichen am Wassenberger Kahnweiher hätten die jetzt Angeschuldigten zwei in der Nähe befindliche Personen bemerkt, so die Staatsanwaltschaft. Unter anderem das spätere Tatopfer. „Ohne nachvollziehbaren Grund entstand zwischen den Angeschuldigten und den beiden Personen eine zuerst verbale Auseinandersetzung, die schließlich eskalierte und in heftigen körperlichen Attacken endete. Einer der Angeschuldigten schlug dem Tatopfer eine Flasche gegen den Kopf, darüber hinaus schlugen und traten sämtliche Angeschuldigten auf das zu diesem Zeitpunkt bereits wehrlose Opfer ein.”

Der Geschädigte, ein 48-jähriger Mann, trug eine Platzwunde, Schnittwunden sowie mehrere Prellungen und Schwellungen davon. Dem Vernehmen nach soll der 48-Jährige die jungen Leute missbilligend auf ihr Treiben hin angesprochen haben.

Das Quartett habe zwar eingeräumt, zum fraglichen Zeitpunkt am Tatort und an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen zu sein. Der konkrete Ablauf des Geschehens werde von den einzelnen Angeschuldigten allerdings unterschiedlich geschildert, so Deller. Einer der Angeschuldigten habe bislang keine Angaben gemacht.

Die Große Jugendkammer des Landgerichts Aachen ist zurzeit mit der Entscheidung über die Eröffnung des gerichtlichen Hauptverfahrens befasst. Bei Zulassung der von der Staatsanwaltschaft erhobenen Anklage ist in wenigen Monaten mit einer gerichtlichen Verhandlung des Falles zu rechnen.

„Die beiden 18 und 24 Jahre alten Männer haben bereits Vorstrafen wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung”, erklärt der Oberstaatsanwalt auf Nachfrage. Der 16-Jährige und die 26-jährige Frau seien hingegen bislang offiziell unbescholten. Grundsätzlich sei es schwierig, eine Mitgliedschaft in der KAL zu beweisen, da keinerlei Mitgliederlisten existierten. Die Ermittler stützen sich in diesem Fall auf beobachtete Verhaltensweisen. So lägen beispielsweise über die beiden 18 und 24 Jahre alten Täter Erkenntnisse vor, dass sie an Veranstaltungen der rechten Szene teilgenommen hätten.

Sollte sich das Gericht in einem Prozess dem Vorwurf eines versuchten Totschlags anschließen, erwarten zumindest die erwachsenen Täter Haftstrafen bis maximal elf Jahre und drei Monate.
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