Josef Ravnak lebt „amerikanischen Traum” in Heinsberg

Von: Rainer Herwartz
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Mit lebendem Fischfutter hat die Erfolgsgeschichte des gebürtigen Slowenen Josef Ravnak in Heinsberg angefangen. Heute ist er mit seiner Firma sera im Bereich Aquaristik, Terraristik und Gartenteiche der zweitgrößte Vollanbieter Europas. Foto: Dettmar Fischer

Heinsberg. Es ist der berühmte „amerikanische Traum” - vom Tellerwäscher zum Millionär. Er hat ihn gelebt, wahrscheinlich ohne sich wirklich darüber Gedanken zu machen. Und das nicht etwa in New York oder San Francisco, sondern im beschaulichen Heinsberg.

Wenn man Josef Ravnak im Hinblick auf seine Erfolgsgeschichte mit diesem Vergleich konfrontiert, zeichnet sich in sein Gesicht ein kleines Schmunzeln. „Na ja, Tellerwäscher war ich nie”, meint er nur lakonisch. Recht hat er, denn in seinem Fall waren es Mückenlarven, die er gewaschen hat. Diese, bei Aquarianern als Lebendfutter geschätzten Insektenbabys, und kleine Würmer namens Tubifex bildeten den Grundstein für Ravnaks Bilderbuchkarriere. Mit seinem Unternehmen „sera” ist er heute in Europa der zweitgrößte Hersteller von Futter, Heil- und Pflegemitteln im Bereich der Aquaristik, der Gartenteiche und Terraristik. „Wir sind Vollanbieter in allen drei Bereichen, weil wir auch die Technik noch dazu liefern”, sagt er.

Dass der 72-Jährige eher aussieht wie 62, wenn man ihm gegenübersitzt, mag an der vielen frischen Luft liegen, die er bei der Gartenarbeit in seiner Freizeit genießt, an einer leichten Jugend sicher nicht. Schon mit 17 wagte Ravnak mutterseelenallein und quasi ohne einen Cent in der Tasche den Sprung aus Slowenien in den Westen.

Aus einem Auffanglager in Österreich sei er damals als Arbeitskraft für ein Essener Steinkohlebergwerk angeworben worden, erzählt Ravnak. Zwei Jahre habe er in Essen gelebt, ehe er zu Sophia-Jacoba nach Hückelhoven gewechselt sei. Hier verbrachte er weitere acht Monate unter Tage, bevor er bei den damaligen Glanzstoffwerken in Heinsberg anheuerte. Lediglich eine abgebrochene Ausbildung zum Chemielaboranten, die er noch in seiner Heimat Slowenien begonnen hatte, diente ihm als berufliche Qualifikation. Doch dies sollte den genialen, charakterstarken Autodidakten mit einem ausgeprägten Gespür für gute Geschäfte nicht stoppen. Schon als junger Bursche handelte er in Slowenien mehr oder minder erfolgreich mit Holz und Wein.

In Heinsberg richtete sich sein Augenmerk jedoch schnell auf eine andere viel versprechende Einnahmequelle. „Ich hatte schon früh Vögel und Aquarien. Als sich die Gelegenheit bot, damit auch etwas Geld zu verdienen, habe ich mich entschlossen, in diesen Bereich einzusteigen.” Ein Bekannter hatte ihn auf die Idee gebracht. Durch den Fang und Verkauf von Lebendfutter für Aquarien entwickelte sich rasch ein schwunghafter Handel.

„In der Rur oder in Bächen habe ich angefangen, Mückenlarven und Tubifex zu fangen. Wir haben sie zunächst gewaschen, abtrocknen lassen, auf Eierwaben verteilt, in Kartons verpackt und verschickt.” Die Rur habe sich damals noch als hervorragender Nährboden erwiesen, da die Larven durch die industrielle Verschmutzung früherer Jahre prächtig gediehen. Heute sei dies nicht mehr der Fall. Die Entwicklung vom Ein-Mann-Betrieb zum späteren Global Player erfuhr im strengen Winter 1965/66 einen entscheidenden Schub. Der Rhein, der sich vor allem für Tubifex als gute Fangquelle für größere Mengen erwiesen hatte, war nahezu komplett zugefroren.

Doch Ravnak gelang es dennoch, die Tierchen in großen Mengen aus dem Strom zu fischen, so dass er in der Lage war, auch die Händler zu beliefern, die von der Konkurrenz nicht mehr bedient werden konnten. „Die größten Kunden saßen in der Schweiz und in Berlin”, erinnert sich der 72-Jährige. „Wer einmal bestellt hatte, ist auch geblieben, wegen der Zuverlässigkeit und der Qualität”, sagt er nicht ohne Stolz. Das Geschäft brummte so, dass er nach diesem Winter die ersten drei Mitarbeiter einstellen konnte.

1970 gründete Ravnak gemeinsam mit seiner aus Heinsberg stammenden Frau Anny, die auch heute noch als Betriebsleiterin mit voller Kraft mitarbeitet, schließlich die Firma sera und erreichte mit Erfindergeist, Engagement und einem Höchstmaß an Qualität ein rasantes Wachstum. Mit einem innovativen Gefrier-Vakuum-Verfahren verarbeitete sera verschiedene Lebendfuttersorten erstmals so, dass diese bei Raumtemperatur lange haltbar wurden und ihre Nährstoffe und Vitamine behielten. Für sera wohl das „Ei des Kolumbus”, das den internationalen Erfolg begründen sollte.

Die sera-Produkte sind mittlerweile so gefragt, dass das mittelständische Unternehmen seine Produkte heute in mehr als 80 Ländern der Welt vertreibt und sich stetig vergrößert. Neben der Firmenzentrale in Heinsberg hat sera elf internationale Niederlassungen in den USA, Frankreich, Italien, Japan, Tschechien, Niederlande, Portugal, Spanien, Belgien, England und China. Der Exportanteil beträgt 60 Prozent. Allein am 16.000 Quadratmeter großen Firmensitz in Heinsberg beschäftigt das Unternehmen rund 170 Mitarbeiter.

Ein Ende der Erfolgsstory ist nicht in Sicht. „Ich hatte noch nie Visionen, größer werden zu wollen”, bleibt der sera-Chef zwar bescheiden, „aber es war einfach immer notwendig.” Um weiter erfolgreich am Markt agieren zu können, hat sera zum 1. September Ton Jansens aus Belgien eingestellt, einen weiteren Geschäftsführer.
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