Jagd auf Azubis: Wie Bäcker neuen Nachwuchs finden

Von: Rainer Herwartz
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So stellt man sich das alte Handwerk noch vor. Bei Jürgen Dick in Heinsberg verbindet sich Tradition mit Moderne. Rechts im Bild Jannik Dohmen, der gerade seine Gesellenprüfung erfolgreich hat. Foto: Andreas Valiotis

Kreis Heinsberg. Wie sich doch die Zeiten ändern. Buhlten vor Jahren nach die Jugendlichen nach dem Schulabschluss darum, mit einer bisweilen stolzen Zahl von Bewerbungen in einem Unternehmen einen Ausbildungsplatz zu ergattern, so reißen sich heutzutage vor allen im Handwerk viele Betriebe geradezu ein Bein aus, um einen geeigneten Bewerber zu finden. Bei den Bäckern in Südwestfalen treibt dies besondere Blüten.

Sie versuchen sogar, den Nachwuchs mit E-Bikes oder Lustreisen auf der Aida zu locken. Werden also bald die Headhunter auch im Kreis Heinsberg eine neue Zielgruppe entdecken und versuchen, potenziellen Bäcker-Azubis die Vertragsunterzeichnung mit allerlei Nettigkeiten zu versüßen?

„Ich weiß von einem Filialisten, dass er bis zu 1000 Euro für eine gute Gesellenprüfung zahlen soll“, erzählt Innungs-Obermeister Edwin Mönius, der seine Bäckerei in Wassenberg betreibt. Kleinere Prämien soll es wohl auch schon mal zwischendurch geben. „Für die bloßen Vertragsabschlüsse habe ich das aber noch nicht gehört.“ Gleichwohl weiß Mönius, wie schwer es ist, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Wer heute einen Auszubildenden nehmen möchte, um eine billige Arbeitskraft zu haben – das funktioniert nicht mehr.“

Solange er das Bäckereigewerbe betreibe, und das sei als Selbstständiger mittlerweile immerhin seit 37 Jahren, „kämpft das Bäckerhandwerk mit einem Image-Problem“. Dabei sei der Beruf des Bäckers heute noch kreativer als früher. „Der Auszubildende sieht von der Planung bis zur Fertigstellung alles. In vielen Jobs hat man ja gar keinen Bezug mehr zum Produkt.“

Der Wille zählt

Mönius beschäftigt derzeit ein junges Mädchen als Auszubildende, auf das er große Stücke hält. „Ich hatte sechs Bewerbungen, von denen ich gleich vier aussortieren konnte.“ Der Lebenslauf, die Zeugnisse und der Gesamteindruck, den die Bewerbungen vermittelt hätten, hatten bei dem erfahrenen Bäckermeister gleich Zweifel geweckt. „Einer, der es nicht wirklich will, steht die dreijährige Ausbildung auch nicht erfolgreich durch.“ In Kleinbetrieben wie dem seinen starte die Arbeit noch morgens um vier, in mittleren aber meist schon gegen ein Uhr, sagt Mönius.

Wer noch keine 18 Jahre sei, der brauche aber noch nicht ganz so früh aus den Federn, denn in diesen Fällen ist Arbeitsbeginn nicht vor 5 Uhr. Für viele Jugendliche ist dies offenbar dennoch schon ein KO-Kriterium, was den Bäckereien zu schaffen macht. „Die einen klagen, die anderen haben resigniert und suchen gar keine Auszubildenden mehr“, weiß Mönius.

Auch Daniel Plum aus Übach-Palenberg, der im Jahr 2015 Deutscher Meister der Bäckermeister wurde, kennt die Probleme. „Es ist auf jeden Fall schwierig, Nachwuchs zu finden. Ich kenne Leute, die den Azubis deshalb schon den Führerschein bezahlen.“ Er selbst zahle seinen Auszubildenden – im Augenblick sind es sechs – für jede Eins auf dem Zeugnis „eine Summe X“. Doch bis dahin müssen die neuen Auszubildenden ja erst einmal gelangen, denn: „Diejenigen, die sich bewerben, sind oft vom Schulzeugnis her sehr schlecht oder haben gar keinen Abschluss.“

Einen wahren Glückstreffer habe er unlängst jedoch mit einem Flüchtling aus Guinea gelandet. Er habe ihm zunächst ein Praktikum angeboten, doch ab August startet der junge Mann jetzt ins erste Lehrjahr. „Er spricht fließend Englisch und Französisch und in deutsch sind wir auf einem guten Weg“, sagt Plum. „Er ist hundert Mal engagierter als viele, die wir über die Arbeitsvermittlung bekommen, weil die sich oft nur vorstellen, damit ihnen nicht die Unterstützung gekürzt wird. Viele wollen sich nicht mehr körperlich betätigen und mit Nichtstun möglichst viel Geld verdienen.“ Im ersten Lehrjahr erhalten die Bäcker-Azubis übrigens derzeit 500 Euro, im zweiten 640 und im dritten 770 Euro.

Frauenpower

Jürgen Dick aus Heinsberg setzt in diesem Jahr wie Edwin Mönius auf Frauenpower. „Wir haben zum ersten August ein talentiertes junges Mädchen eingestellt, das Bäckerin werden möchte.“ Durch ein modernes Marketing, das Jugendliche anspreche, konnte Dick bislang noch immer guten Nachwuchs finden. Gerade erst habe Jannik Dohmen seine Gesellenprüfung mit einer Top-Leistung hingelegt. In Oberbruch sei Dick in der Jugendarbeit engagiert, sagt er.

Hier ergebe sich auch der eine oder andere Kontakt. „Für uns ist die Situation daher gleich geblieben, weil wir unsere Bemühungen erhöht haben. Aber es wird in Zukunft schwerer werden, weil wir ja fast eine Vollbeschäftigung haben.“ Von Geschenken schon vor der Vertragsunterzeichnung hält Dick nichts. „Dann bekommen sie nur einen Vorteilsdenker und keinen, der den Beruf wirklich liebt. Nur wem es Spaß macht, der bleibt auch dabei. Wir haben hier Leute, die 15, 20 und 25 Jahre bei uns beschäftigt sind.“

Also sollte sich niemand von den frühen Arbeitszeiten schrecken lassen? Jürgen Dick glaubt, dass viele Jugendliche das viel zu dramatisch sähen. „Im Schnitt fangen die Bäcker bei uns um 4 Uhr an und haben eine rotierende Fünf-Tage-Woche.“ Und dann gebe es ja auch noch einen klaren Vorteil, meint Daniel Plum: „Gerade wenn Sommer ist, sind meine Jungs die ersten im Freibad.“

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