Integration: Eine Generallösung kann niemand parat haben

Von: jwb
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Im Dialog: Nicole Abels, Stephan Pusch, Helmi Meisters, Achim Kück und Franz Xaver Huu Duc Tran (v. l. n. r.). Foto: Bindels

Kreis Heinsberg. Das Bewusstsein für eine Willkommenskultur ist sowohl Thema in den Medien wie auch dank ausgeprägter Hilfsbereitschaft vieler Menschen auch im Kreis Heinsberg ein Bestandteil der praktischen Umsetzung.

Was aber die Aufenthaltskultur und die Integration der neuen Mitbürger in das normale Leben betrifft, stellen sich viele Fragen, die auch den Menschen, den hier lebenden wie auch den neu dazu kommenden, Ängste und Sorgen bereiten. Wo sollen sie wohnen? Wo können sie arbeiten? Wie können beide Seiten miteinander auskommen? Was brauchen beide Seiten an Hilfen?

Der Film „Willkommen auf Deutsch“, der im Corso-Filmpalast in Hückelhoven-Hilfarth gezeigt wurde, und ein anschließendes Gespräch mit Landrat Stephan Pusch, Pfarrer Franz Xaver Huu Duc Tran von St. Martin in Wegberg, Nicole Abels vom Caritasverband und Helmi Meisters von der ehrenamtlichen Flüchtlingsbegleitung aus Geilenkirchen sollten darauf erste Antworten geben.

Der Trägerkreis aus Katholikenrat der Region Heinsberg, Bildungswerk der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) der Diözese Aachen und Flüchtlingsseelsorge der Region Heinsberg war Initiator der Filmvorführung, und Achim Kück moderierte als Flüchtlingsseelsorger das Gespräch.

Der Film ließ anschaulich nachvollziehen, wie die Arbeit und das gesetzliche Verwaltungshandeln der Behörden einerseits und die Vorstellungen der Einheimischen andererseits anfänglich weit auseinander lagen. Dazwischen die traumatisierten Flüchtlinge und Asylanten mit ihren schrecklichen Erlebnissen, vertrieben von Krieg und Armut, ohne Sprachkenntnisse und Kenntnisse der Lebensgewohnheiten im neuen Land völlig auf die wohlwollenden Hilfen der Menschen angewiesen.

Sowohl im Film wie auch im Gespräch zeigten die Erfahrungen, dass nur das Miteinanderreden weiterführe und Probleme lösen helfe. Die anfänglichen spontanen Hilfen der ehrenamtlichen Kräfte, indem sie erste Sprachübungen organisieren oder mal Begleitungen zu Ämtern vornehmen oder Kinder der Flüchtlinge betreuen, seien notwendig und richtig, müssten aber auf Dauer durch eine koordinierte und professionelle Hilfe ergänzt oder ersetzt werden.

Landrat Pusch stellte noch einmal die konkrete Situation für den Kreis dar. Er wies auf die besondere Situation durch die große Zahl in kurzer Zeit aufzunehmender Menschen hin, weil aktuell auch die Kreise und Städte die Erstaufnahmesituation mit zu bewältigen helfen, die bisher in Landes- oder Bundesverantwortung lägen. Deswegen gebe es auch Erstunterkünfte wie in der Selfkantkaserne in Geilenkirchen.

Er spüre dabei eine überwiegende positive Stimmung und könne keine spürbaren Aggressionen im Umfeld verzeichnen. Die Unterbringung in dauerhafte Einrichtungen sei im Wesentlichen Aufgabe dann der Städte und Gemeinden. Er fordere aber von Bund und Land, dass die Kommunen finanziell nicht im Regen stehen gelassen werden dürften.

Marathonläufer in Koordination

Gemeindereferentin Nicole Abels von der Caritas betonte, dass die Hilfsbereitschaft zu koordinieren, eine enorme Herausforderung sei, die auf Dauer nicht ohne weitere hauptamtliche Kräfte zu leisten sei. Die Gefahr, dass ansonsten einerseits das Ehrenamt sich verschleiße und auch die bisherigen hauptamtlichen Helfer ausbrennen würden, sei groß.

Pfarrer Franz Xaver Huu Duc Tran formulierte bestätigend, dass keine Sprinter, sondern Marathonläufer in der Koordination benötigt würden. Und Helmi Meisters mit ihren mehr als 20 Jahren Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe forderte ergänzend von Politik und Staat mehr die Nachteile der zentralen Unterbringungen in den Fokus zu nehmen, weil die Integration nur gelinge, wenn dezentrales Wohnen stärker berücksichtigt und zudem mehr sozialpädagogische Kräfte eingestellt würden und damit den Ehrenamtlern die notwendige Stärkung zur Seite gestellt werde. Denn Flüchtlinge seien keine Belastung, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft.

Offene Fragen blieben dennoch, weil niemand der Gesprächsbeteiligten eine Generallösung parat haben konnte. Denn die Fakten sind nicht aus der Welt zu bringen, die auch aus dem Publikum angesprochen wurden: dass bezahlbarer Wohnraum in den Städten und Gemeinden nicht vorhanden sei oder immer knapper werde, dass Sprachunterricht und Ausbildung finanziert werden müssten, dass Schulbesuche nicht ohne Ressourcenerweiterung gelingen könne und für alle Arbeit bereitgestellt werden müsse.

Und bei aller berechtigten Hilfestellung für die Flüchtlingsthematik dürften auch die bisherigen Aufgaben – zum Beispiel der Armen- und Altenhilfe – nicht vernachlässigt werden, verwies Nicole Abels auf wichtige Leistungen der Wohlfahrtverbände.

Alle Beteiligen signalisierten, dass Vernetzung der Hilfen und Professionalisierung der Koordination der ehrenamtlichen Hilfen notwendig seien, aber man zuversichtlich sei, dass es gelingen werde. Dass dafür vorhandene Strukturen wie das Kommunale Integrationszentrum des Kreises bekannt gemacht und genutzt werden müssten, damit nicht das Rad mehrfach erfunden werde, war eine gemeinsame Erkenntnis.

Am besten gelinge dies, wenn die Koordination jeweils unter dem Dach der Verwaltungen in Städten und Gemeinden geschehe und diese vom Kreis mit seinen strukturellen Einrichtungen Unterstützung erhielten.

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