Hückelhoven im Visier der Rechtsradikalen

Von: Norbert F. Schuldei
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In der Moschee an der Ludovici
In der Moschee an der Ludovicistraße in Hückelhoven treffen sich Muslims jede Woche zum Freitagsgebet. Dabei geht es allerdings nicht um politische Themen. Die werden danach beim Tee Foto: N. Schuldei

Hückelhoven. Der Brief des „Landrat als Kreispolizeibehörde Heinsberg” ist an den Türkischen Arbeitnehmerverein Hückelhoven adressiert.

„Am 4. November 2011 wurden in Eisenach zwei Tatverdächtige eines Bankraubes tot in einem Wohnmobil aufgefunden. Darin sowie in der Wohnung der Beiden in Zwickau stellten die Ermittlungsbehörden Beweismaterial sicher, das darauf hindeutet, dass die Personen sowie weitere Mittäter für eine Reihe von Banküberfällen sowie Tötungsdelikte und Sprengstoffanschläge verantwortlich sind. Es liegen konkrete Anhaltspunkte dafür vor, dass die Personen einer rechtsterroristischen Gruppierung namens „Nationalsozialistischer Untergrund” zuzurechnen sind.” Und weiter heißt es dann in dem Schreiben: „Im Zuge der Ermittlungen wurden auch umfangreiche Daten von Personen und Institutionen aufgefunden. Darunter befinden sich auch Daten von Ihnen.”

Satilmis Tavsan ist noch immer betroffen, als er das Schreiben vorzeigt: „Hückelhoven war jahrelang ein friedliches Pflaster, wir sind alle miteinander ausgekommen”, sagt der Sprecher des Türkischen Arbeitnehmervereins. „Und dann sowas.”

Nach Information unserer Zeitung haben etwa 15 Personen oder Institutionen im Kreis Heinsberg ein solches Schreiben vom Landrat erhalten. „Wir wissen alle, wen die Rechtsradikalen auch bei uns hier im Fokus haben”, sagt Christian Ehlers von der Integrationsagentur für Migranten im Kreis Heinsberg. „Das sind nicht die Schweden oder die Kanadier oder die Dänen, die hier auf der Nato-Air-Base stationiert sind. Auch die Holländer hier bei uns brauchen keine Angst zu haben. Wer Angst haben muss, sind vor allem die Türken und die Schwarzafrikaner”.

Seit 1973 lebt Satilmis Tavsan in Deutschland, er hat seit langem schon die deutsche Staatsbürgerschaft „Ich habe noch nie Schwierigkeiten gehabt”, sagt er. „Aber wenn man das liest, dann kommt Solingen oder Mölln wieder ins Bewusstsein. Das ist schlimm”. Zu welchem Zweck die Daten dienten, heißt es in dem Schreiben weiter, „ist noch nicht geklärt. Nach Bewertung des Bundeskriminalamtes liegen derzeit aber keine Anhaltspunkte dafür vor, dass sie im Zusammenhang mit Anschlagsplanungen stehen könnten”. Das, sagt Satilmis Tavsan, „ist nur wenig tröstlich. Das können Sie sich ja denken.”

„Meine Beobachtung ist, dass die Migranten im Stadtgebiet Hückelhoven nach dem Bekanntwerden der rechtsextremistischen Terroranschlägen und Morde extrem verunsichert sind”, sagt Ralf Schwarzenberg, Leiter des Jugendamtes der Stadt Hückelhoven. Susanne Bronner, Pfarrerin der Friedenskirche in Ratheim, geht sogar noch weiter, wenn sie feststellt: „Es ist mehr noch als Verunsicherung. Es ist Entsetzen und das Gefühl von im-Stich-gelassen-werden, das ich bei den Mitgliedern der Türkisch-Islamischen-Gemeinde (DITIB) in Hückelhoven beobachte.”

Das ist eine Moscheegemeinde, die sich in ihren Versammlungsort an der Hilfarther Straße treffen. „Ja, viele von uns haben nach dem Bekanntwerden dieser Sachen richtig Angst”, sagt deren Vorsitzender Adem Onur.

„Die Ereignisse der letzten Tage über die rechtsextremistische Terrorzelle und deren Deck- und Hintermänner”, sagt Onur, „haben die Migranten und die muslimischen Gemeinden tief erschüttert. Die Ratlosigkeit vor der aktuellen Situation und ihrer immer tiefer gehenden Hintergründen und Details, stören das jahrelange Vertrauen der Migranten und Muslime in den Staatsapparat erheblich”.

Mehmet Yilmaz ist seit 1980 deutscher Staatsbürger. Er lebt mit seiner Familie seit Ende der 70er Jahre in Hückelhoven. Yilmaz ist stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes der Islamischen Kulturzentren. Auch Yilmaz ist über die Dinge, die jetzt im Zuge der Ermittlungen über das rechtsradikale Netzwerk an Licht kommen, entsetzt: „Ja, wir verfolgen das mit großer Betroffenheit. Und ja, wir haben auch Angst.” Für ihn ist es unverständlich, dass die Rechtsextremisten so lange Zeit unerkannt bleiben konnten: „Es scheint fast so, als seien die Ermittlungsbehörden auf dem rechten Auge blind gewesen.” In der Moschee des VIKZ an der Ludovicistraße treffen sich jeden Freitag Hückelhovener Muslime zum Gebet. „Nein”, sagt Yilmaz, „beim Freitagsgebet werden diese Dinge nicht thematisiert. Wir sprechen aber natürlich anschließend beim Tee darüber”.

Adem Onur blickt nach vorn, wenn er sagt: „Unsere Betroffenheit über die Taten und das Ausmaß des braunen Terrornetzwerkes ist tief. Die Details, die täglich hinzukommen, lassen hoffen, dass nachhaltig Maßnahmen getroffen werden, die geeignet sind, dass sich Vergleichbares nicht wiederholen kann”.

In der Friedenskirche in Ratheim findet am 10. Dezember ein ökumenischer Buß- und Bittgottesdienst statt. „Wir wollen Zeichen der Verbundenheit setzen; Gott bitten, Angst in Mut und Zivilcourage zu wandeln, damit jede Form des Rechtsextremismus und des Rassismus entschieden entgegengetreten wird”, sagt Pfarrer Jens Sannig, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Jülich.

Der 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte.
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