„House of Sound”: Das Tonstudio mit Familienanschluss

Von: Verena Müller
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Ron LIeberton in seinem „Hous
Ron LIeberton in seinem „House of Sound” in Schalbruch: Viele niederländische Künstler nehmen hier ihre CDs auf, aber inzwischen auch deutsche Gruppen wie Sang & Klanglos. Im Hintergrund zu sehen ist Bandmitglied Guido Meurers. Foto: agsb

Selfkant-Schalbruch. Wer Ron Liebertons Haus des Klanges in Schalbruch sucht, findet erst einmal Stille. Der 1000-Seelen-Ort ist wohl das, was man als verschlafenes Dorfidyll bezeichnet und selbst wenn man vor „Rons House of Sound” steht, ist von „Sound” noch nichts zu hören. Noch nicht.

Guido Meurers läuft über den Hof, aus dem Haus kommt Ron, „hey Ron!”, die beiden betreten das Aufnahmestudio, das Haus des Klanges. Ron setzt sich zwischen Computer, Keyboards und Mischpult. Während der letzten Tage hat er mit Guido Meurers von der Stimmungsband Sang & Klanglos die Musik aufgenommen und abgemischt. Jetzt hören Ron und Guido mal das Ergebnis an, bevor später noch der Gesang dazugemischt wird.

Schlagzeug, Akkordeon, Flöten, Geige, Gitarre - jedes Instrument kann Ron auf seinem Bildschirm einzeln anwählen. Zusammen klingt es ziemlich nach „Viva Colonia” von den Höhnern, also nach irisch angehauchter Stimmungsmusik, die im Karneval genauso funktioniert wie im Bierzelt oder auf Mallorca. „Das ist tierisch erfolgreich gerade”, sagt Ron, der den Takt immer im rechten Fuß hat und recht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit zu sein scheint. Niederländer haben „Viva Colonia” in „Viva Hollandia” umgewandelt. „Das ist der Sound, mit dem du das Zelt auf den Kopf stellen kannst”, sagt Ron und nickt.

Am Mittwochabend wird Guido Meurers auf der anderen Seite der Glasscheibe am Mikro stehen und die ersten Lieder einsingen.

Früher ist der gebürtige Amsterdamer Ron Lieberton mit dem blond gefärbten Haar und den hellblauen Augen selbst als Musiker durch die Welt getourt, mit seiner Band Zinatra. Das war in den 80er und 90ern. Fast wäre er nach seinem Musikstudium bei Fred Snel, dem Bassisten von Don McLean („American Pie”), Mitte der 80er aufs Konservatorium gegangen, um klassisches Klavier zu studieren, aber da war Zinatra schon zu erfolgreich.

Parallel zu der Bühnenkarriere machte er stattdessen sein Diplom als Tontechniker. 1985 begann er in den Wisseloord-Studios von Erwin Musper in Hilversum zu arbeiten, produzierte mit den Scorpions, Van Halen, David Bowie und vielen anderen Künstlern Platten.

Als die Zeit von Zinatra abgelaufen war, stieg Ron in Weert bei Telstar ein, hier waren es vor allem niederländische Künstler, die ins Studio kamen: Henk Wijngaard, Normaal, Ernst Jans und so weiter. 17 Jahre blieb er hier, produzierte überwiegend Schlagermusik. Als sich abzeichnete, dass Studiobesitzer Johnny Hoes seinen Job an den Nagel hängen würde, baute Ron in Schalbruch parallel sein eigenes Studio auf. Die Steinwände im Studio sind türkis gestrichen, der Boden ist hell. „Ich habe es bewusst was gemütlicher gemacht, dieses Plüschige in Rot und Schwarz, was man sonst oft sieht, mag ich nicht so”, erzählt Ron.

Bis zu 40 Musiker haben in dem Raum Platz, bei noch größeren Orchestern oder Chören holt er seinen Kollegen Wolfgang Neumann von Sound Performance Lab mit ins Boot, um mit dem mobilen Studio die Aufnahmen zu machen und das Material abzumischen.

Wer bei Ron eine CD aufnimmt, geht nicht einfach zu einem Termin und abends wieder raus - in der Regel gibt Rons Frau Henny, eine Indonesierin, die Gastgeberin, kocht und bewirtet die Gäste. Nein. Kunden. Letztens kam ein ganzer Bus aus dem Norden der Niederlande - „alles kein Problem”, sagt Ron. Direkt neben dem Studio gibt es eine Bar, einen Aufenthaltsraum, eine Küche. Im Haus nebenan, unberührt vom Trubel im Studio, betreibt seine Frau einen Kosmetiksalon. „Das ist schon mal ganz gut, dass die lärmenden, biertrinkenden Künstler nicht die Frauen stören, die nebenan mit Gesichtsmasken sitzen und Elfenklängen lauschen”, meint Ron im Spaß, aber ein bisschen was Wahres ist schon dran. Aber um 22 Uhr ist grundsätzlich Schluss, aus Rücksicht auf die Nachbarn.

Die Klänge, die im Aufnahmestudio entstehen, beschreibt Ron so: „Das ist eindeutig amerikanischer Sound. Alles etwas fetter, mit viel Druck dahinter. Richtung East-Coast-Rock.” Auch eine Schlagerband könne heutzutage so klingen. Gesangsparts, bei denen kein einziger Ton getroffen wird, so hinzubiegen, dass es sich zumindest auf CD gut anhört, gehört zu Rons Alltag. „Motivieren, mitdenken, dafür Sorgen, dass noch Kaffee da ist, so ungefähr”, erzählt er.

Das Pult, an dem er arbeitet, stammt aus Irland. Es gehörte mal U2 und kam über Umwege nach Schalbruch. Es ist mit seinen 72 Kanälen der analoge Teil der Aufnahmen, der Rest wird am PC gemacht. 15.000 Produktionen hat Ron schon hinter sich, die Bank durch von Jazz bis Karnevalsmusik, von Singer-Songwritern bis zu großen Orchestern. Im Moment sind es an die hundert Aufträge im Jahr. Kosten: je nach Aufwand, Umfang und Arrangement 350 bis 10.000 Euro. Auch wenn es nicht mehr die ganz Großen sind, mit denen Ron zusammenarbeitet, ist er mit der Auftragslage und den Resultaten doch zufrieden: An der Wand hinter dem Pult hängen Platin und Gold für das Album „Mooi Limburg” (Schönes Limburg).

Die meisten Kunden kommen aus den Niederlanden, kürzlich war Reincarnatus da, Musikerinnen aus dem Dunstkreis von André Rieu. Nicht nur durch seine alten Kontakte finden die Musiker nach Schalbruch. „Da kann man auch sagen: Die Platte habe ich im Ausland produzieren lassen, in Deutschland. Das ist was Besonderes”, sagt Ron und zwinkert kurz.

Auch für ihn bleibt Schalbruch was Besonderes. Ab und zu ist der 55-Jährige noch mal in Amsterdam, wo er aufgewachsen ist, um seine Mutter zu besuchen. „Aber wenn ich wieder zurückkomme, denke ich jedes Mal: ,Aaaah, jetzt bist du wieder zu Hause. Für einen Amsterdamer ist das hier ein Traum: so grün”, erzählt Ron. Mal ganz davon abgesehen, dass das Haus in Amsterdam kaum zu bezahlen sei.

Wie das Lied heißen wird, das er mit Sang & Klanglos, steht noch übrigens nicht fest. Text gibt es auch noch nicht. Aber vielleicht spielt das am Ende auch keine allzu große Rolle, denn so viel ist sicher: Der Sound ist festzelttauglich.
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