Holocaust-Überlebende zieht Zuhörer in ihren Bann

Von: Petra Wolters
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Mucksmäuschenstill war es, als Margot Friedländer in der Buchhandlung Gollenstede vor über 70 Gästen vom 20. Januar 1943 berichtete, dem Tag, der ihr ganzes Leben verändern sollte. Foto: agsb

Heinsberg. Was ihre Mutter ihr 1943 hinterlassen hatte, trug Margot Friedländer auch bei ihrem Besuch in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede um den Hals: „eine halblange Kette aus mattpolierten Bernsteinen, die zur Mitte hin größer werden”.

Die 1921 in Berlin geborene Jüdin beschreibt sie so selbst in ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen - Als Jüdin versteckt in Berlin”. Es war Grundlage der jüngsten Gesprächsrunde „Auf ein Wort mit”, die Rainer Herwartz, Redaktionsleiter unserer Zeitung, in der Buchhandlung vor über 70 interessierten Zuhörern moderierte.
Zierlich, schlicht gekleidet im schwarz-weißen Kostüm schien die mittlerweile 89-Jährige fast ein wenig zu versinken in dem eigentlich nicht sehr großen, schwarzen Ledersessel. In sich versunken wirkte sie auch, wenn sie den Fragen lauschte, die ihr Herwartz stellte, und dabei mit der Verpackung der Papiertaschentücher knisterte, die sie während des ganzen Gesprächs fest in ihrem Schoß hielt.

Ihre Antworten beeindruckten dann um so mehr, zum Beispiel die auf die Frage, warum sie nach 60 Jahren in den USA ganz nach Deutschland zurückgekehrt ist und seit dem vergangenen Jahr wieder in Berlin lebt. „Weil es auch Deutsche waren, die mir geholfen haben”, erklärte sie spontan. „Weil ich immer wusste, dass es auch gute Deutsche gibt. Darüber zu sprechen, wie ich zu Deutschland stehe, ist wie eine Mission für mich.” Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde sie noch einmal ganz deutlich: „Ich versuche, meine Hand auszustrecken”, betonte sie. „Und ich bin nicht böse auf die mittlerweile zweite und dritte Generation.”

Dabei sei Deutschland für sie nicht Heimat, ebenso wenig wie die USA es gewesen seien. „Eine Heimat habe ich nicht. Nur ein Zuhause, da wo meine Möbel stehen, jetzt in Berlin”, lautet Friedlanders nüchterne Bilanz nach dem Verlust von Vater, Mutter und Bruder durch die Ermordung in Auschwitz, 15 Monaten im Untergrund, der eigenen Inhaftierung im Lager Theresienstadt und schließlich ihrer Emigration in die USA.

Berührt waren die Zuhörer in der Buchhandlung vor allem, als sich Margot Friedländer erinnerte an den 20. Januar 1943, als ihr Bruder von der Gestapo abgeholt wurde, ihre Mutter sich freiwillig stellte und sie allein zurückblieb. „Ich kannte doch nur Juden. Und die wurden dauernd abgeholtÉ” Zweifel seien ihr gekommen, ob ihre Mutter ihren Bruder vielleicht ihr vorgezogen habe, ob sie ihr vielleicht hätte folgen sollen. Beeindruckend dann die Schilderungen all dessen, was sie unternahm, um zu überleben, bis hin zu einer Nasen-Operation, die sich nicht mehr wie eine Jüdin aussehen lassen sollte. „Ich wollte gerne leben”, schilderte sie knapp, aber stark in der Aussage ihre Motivation dazu.

Anders als in den USA setze man sich hier in Deutschland auch heute noch mit der Thematik auseinander, kehrte Friedländer dann mit Herwartz wieder in die Gegenwart zurück. „Es ist wichtig, dass man sich damit beschäftigt”, erklärte sie. Ob Menschen so etwas noch einmal mitmachen würden? Ob sie wieder die Augen verschließen würden? „Das sollte sich jeder fragen!”, forderte sie. „Ich bin ganz offen, ich erzähle Ihnen alles, das Gute und das Schlechte und meine Meinung.” Das beherzigte sie dann auch in der anschließenden Diskussion, wo ihre Zuhörer ganz besonders interessierte, warum es damals Menschen gab, die sich selbst in Gefahr brachten, um jüdischen Mitmenschen zu helfen. „Die wollten einfach etwas gegen Hitler tun”, lautete darauf die Antwort von Margot Friedländer.

Nach dem Gespräch und der anschließenden Diskussion nahm sie sich noch ausgiebig Zeit, zahlreiche Exemplare ihres Buches zu signieren. Viele Zuhörer zeigten sich dabei sehr beeindruckt von den eineinhalb Stunden, die sie mit Margot Friedlander in der Heinsberger Buchhandlung verbracht hatten.
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