Hofnachfolge: Meistens überleben nur Großbetriebe

Von: Rainer Herwartz
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Ein noch junger Landwirt bei der Ernte. Ob eines seiner Kinder später einmal den Hof übernehmen wird, steht allerdings noch in den Sternen. Der Beruf des Landwirts wird nicht leichter. Foto: stock/people
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Tja, viele Gründe für die Probleme bei der Hofnachfolge lägen durch die zunehmend schlechteren Rahmenbedingungen quasi auf der Hand, meint Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris. Foto: Herwartz

Heinsberg. Die Landwirte haben ein Problem mit dem Nachwuchs. Nicht etwa in den Ställen, sondern eindeutig wenn es um die Frage geht, ob es für ihre Höfe einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gibt.

Im Rahmen der letzten Landwirtschaftszählung im Jahr 2010 wurden zu diesem Problem bundesweit Landwirte befragt, die 45 Jahre und älter waren, was immerhin auf 67 Prozent aller Inhaber von Einzelunternehmen zutraf. Die Hofnachfolge war für nur 31 Prozent der betreffenden Unternehmen geregelt. Jeder Fünfte Inhaber ohne Hofnachfolger war bereits 60 Jahre und älter. Und wie sieht derzeit die Situation im Kreis Heinsberg aus?

„Über 50 Prozent der Betriebe im Kreis Heinsberg haben keinen Hofnachfolger beim Erreichen der Altersgrenze des Besitzers“, sagt Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris. „Die Erhebung aus dem Jahr 2010 ergab 802 Betriebe im Kreisgebiet. Jedes Jahr werden aber drei bis vier Prozent der Höfe aufgegeben.“ Bei den 802 im Jahr 2010 gezählten Höfe seien im Kreis 576 Betriebsinhaber 45 Jahre und älter gewesen“, erläutert Joeris. Von diesen war in 149 Fällen die Nachfolge geregelt. Keine oder eine ungewisse Hofnachfolge gab es demnach in 427 Fällen.“

Die Gründe hierfür seien vielschichtig, weiß der Kreislandwirt aus vielen Gesprächen mit Betroffenen. Ein Aspekt seien sicher die hohe Arbeitsbelastung und das Fehlen geregelter Arbeitszeiten. Der Beruf sei nicht gerade sehr familienfreundlich. Einen Urlaubsanspruch wie bei einem normalen Angestelltenverhältnis gebe es vor allem in der Tierhaltung nicht. Außerdem müsse ein Landwirt hohe Investitionen in den eigenen Arbeitsplatz tätigen. Die Absicherung des eigenen Einkommens gelinge letztlich nur durch Wachstum, „bedingt durch die niedrigen Erlöse pro Einheit“. Mit Einheit meint Joeris etwa die Ackerfläche, die Kuh, das Schwein oder etwa ein Ei. „Bei der Eierproduktion wird zum Beispiel mit Zehntel-Cent-Gewinnmargen gerechnet.“ Ein Doppelzentner Weizen habe in den 1960er Jahren umgerechnet noch rund 23 Euro erbracht. Heute seien es etwa 16 Euro. „Zwischendurch lag der Betrag sogar schon unter zehn Euro.“ In naher Zukunft werde sich an der Situation wohl nichts ändern, glaubt der Kreislandwirt. „Die Prognose sieht im Hinblick auf die Erlöse bis Mitte 2016 keine Entspannung.“

Doch es sind offenbar nicht nur die rein wirtschaftlichen Aspekte, die so manchen potenziellen Hofbesitzer mittlerweile davor zurückschrecken lassen, sich für ein Leben als selbstständiger Landwirt zu entscheiden.

Die Rahmenbedingungen würden in den letzten Jahren immer komplizierter, meint Joeris. Ständig erwüchsen aus Politik und Gesellschaft neue Anforderungen, ob nun in Sachen Tierschutz oder Flächenverbrauch. Der Beruf des Landwirts leide zudem unter einem Image-Verlust. Die Bauern befinden sich laut Joeris schon in einer „permanenten Verteidigungshaltung“. Mal seien es die Nitratwerte im Boden, dann die Haltungsbedingungen der Nutztiere, ein anderes Mal gehe es um die angebauten Pflanzen generell.

Vielleicht war das entstandene Misstrauen ein Grund dafür, dass keiner der sechs Landwirte, die Joeris für unsere Zeitung zu einem Gespräch bat, die Zeit fand, daran teilnehmen wollte.

Was die Anforderungen angehe, dürfe auch nicht vergessen werden, wie vielseitig die Ausbildung eines Landwirts sei, schob Joeris nach. „So wie in früheren Zeiten, ist jetzt wieder eine Phase, in der potenzielle Hofnachfolger dadurch auch gute Aussichten haben, außerhalb der Landwirtschaft einen Job zu finden.“ Das Spektrum der Möglichkeiten reiche von genossenschaftlichen Unternehmen bis zum Landmaschinenbau und der Futtermittelindustrie bis hin zu großen Chemiekonzernen wie zum Beispiel Bayer.

In Haupterwerbsbetrieben ist der landwirtschaftliche Ausbildungsgrad mit 87 Prozent laut Landwirtschaftszählung relativ hoch. Von den Betriebsleitern mit abgeschlossener landwirtschaftlicher Berufsausbildung weisen zehn Prozent sogar einen Hochschulabschluss auf.

Aber was geschieht denn nun mit den Höfen, für die sich kein Nachfolger finden lässt?

Letztlich, sagt Joeris, würden sie meist durch Verpachtung in größeren Betrieben aufgehen. Am Ende werde die Zahl der Betriebe so stetig abnehmen, die Größe der noch bestehenden im Gegenzug weiter wachsen, ebenso die Tierbestände. Denn nur so seien auf Dauer noch tragfähige Gewinne zu erzielen. Vielleicht erklärt dies ja auch, dass bundesweit mehr als die Hälfte der Einzelunternehmen mit 100 und mehr Hektar bereits einen Hofnachfolger gefunden haben.

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