Kreis Heinsberg - Hochriskante Anlagen intensiv vertrieben

Hochriskante Anlagen intensiv vertrieben

Von: Rainer Herwartz
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Dr. Bernd Nenninger, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in Heinsberg, glaubt, dass noch weit mehr Bankkunden im Kreis Heinsberg - als bislang bekannt - von ihren Anlageberatern schlecht beraten wurden. Foto: Rainer Herwartz

Kreis Heinsberg. Die Experten sind sich weitgehend einig: Das vor wenigen Tagen ergangene Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) gegen die Deutsche Bank, die wegen riskanter Zinswetten Schadenersatz an ihre Kunden zahlen muss, dürfte auch bei anderen Kreditinstituten oder freien Anlageberatern zu einer Klagewelle führen.

Im Fall der Großbank ging es um einen sogenannten „Spread Ladder Swap”, um eine Wette auf die zukünftige Zinsentwicklung.
Das Problem, das die Richter sahen: Die Bank wettet bei der komplizierten Anlage gegen ihren Kunden, wobei der Verlust der einen Seite den Gewinn der anderen bedeutet.

Die Bank habe „die Risikostruktur des Geschäfts bewusst zu Lasten des Kunden und zu ihrem Vorteil gestaltet”, hatte der Vorsitzende Richter Ulrich Wiechers laut dpa formuliert. Da sich nach Aussage von Dr. Bernd Nenninger, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in Heinsberg, auch Kreditinstitute und Anlageberater in der Heinsberger Region „in erheblichem Umfang” mit dem Verkauf ähnlich hochriskanter Produkte befassten, sind die Kunden offenbar gut beraten, sich noch einmal genau anzuschauen, was ihnen ihr Berater da ins Depot gelegt hat.

„Allein mit den Alpha-Express-Zertifikaten des Emittenten Merrill Lynch ist der Schaden in der Region, den wir kennen, deutlich sechsstellig”, bestätigt Nenninger. Die Dunkelziffer bei diesen und ähnlichen Anlagen werde zweifellos ein Vielfaches betragen. Bei den Zertifikaten wurde auf die unterschiedliche Entwicklung von verschiedenen Aktien-Indizes gesetzt. Während es Kreditinstitute gab, die sich ausdrücklich geweigert hätten, das Produkt an ihre Kunden zu verkaufen, habe eines es intensiv vertrieben. „Dabei ist besonders bemerkenswert, dass die Rückvergütungen dem Anlageberater bekannt waren, dem Anleger jedoch planmäßig verschwiegen wurden.”

Auch bei Alpha-Express-Zertifikaten des Emittenten Barclays Bank hätten die Kunden das Nachsehen gehabt, nennt Nenninger ein weiteres Beispiel. „In diesem Jahr haben wir außergerichtlich auch sehr gute Erfolge bei einer anderen Wette erzielt, die in der Region häufiger von Bankberatern verkauft wurde.

Es handelt sich um eine Wette auf die Lebenserwartung von Versicherten durch die Fonds GAF Active Life 1 und 2. Beide Fonds investierten in den Kauf von Policen US-amerikanischer Lebensversicherungen. Nach allem, was wir wissen, kalkulierten die Emittenten der Fonds auf der Grundlage veralteter Sterbetafeln aus dem Jahr 2001. Inzwischen hatte sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Versicherten verlängert.

Daher bleiben die Ausschüttungen deutlich hinter den Prognosen zurück.” Beim Verkauf der Anlage seien zuletzt nur noch etwa 35 Prozent des Nominalwertes erzielbar gewesen. Die Position der Anleger-Anwälte sei zudem noch durch eine häufig mangelnde Risikoaufklärung der Kunden gestärkt worden und die Tatsache, dass hohe „Kick-backs” mit bis zu 7,4 Prozent der Anlagesumme berechnet worden seien.

Bei diesen „Kick-backs” handelt es sich um Rückvergütungen wie z. B. Bestandsprovisionen. Zur Erläuterung: Eine Fondsverwaltung erhält beispielsweise für ihre Verwaltungstätigkeit eine jährliche Vergütung, von der sie einen Teil verdeckt der Bank abgibt, so dass diese natürlich ein gesteigertes Interesse an dem Geschäft hat, das sie aber vor dem Kunden verbirgt.

Seit einem BGH-Urteil vom Dezember 2006 müsse die Bank über solche Interessenkonflikte aufklären, sagt Nenninger. „Erfolge konnten wir aber deswegen erst so richtig Mitte/Ende 2009 erzielen.” Schon im Zuge der „Bond-Entscheidung” des BGH aus dem Jahr 1993 müsse eine Anlageberatung zwar anlagegerecht und anlegergerecht sein, fährt er fort, doch unterm Strich habe dies für die Kunden meist nicht viel gebracht.

„Wenn man vor Gericht mehr als 50 Prozent in erster Instanz im Vergleichswege erhält, dann ist das schon ein schöner Erfolg. Noch vor zwei Jahren war dies unvorstellbar.” Obwohl der BGH zu diesem Zeitpunkt das Wett-Argument noch nicht formuliert hatte, habe er es bereits erfolgreich vor Gericht und außergerichtlich ins Feld geführt.

„Zu meiner persönlichen Freude hat der BGH jetzt solche Papiere wie die Spread Ladder Swaps erstmals als das bezeichnet, was sie sind, nämlich schlichte Wetten. Es sind Produkte, die niemand kauft, wenn man es ihm richtig erklärt, ihm sagt, dass die Bank dem Kunden sicher kein Produkt empfehlen wird, bei dem sie verliert.”
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