Historisches Klassenzimmer: Schulbank drücken wie damals

Von: Mirja Ibsen
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Griffeldose, Schiefertafel und Häkellappen: So sah Schulmaterial vor 100 Jahren aus. Foto: mib
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Chemie: Filigran und zerbrechlich ist das Material für den Chemieunterricht auch heute noch. Foto: mib
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Die Taschenrechner vor hundert Jahren arbeiteten nicht mit Bits und Bites, sondern mit Kugeln. Foto: mib
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Handarbeit: Älteren weiblichen Besuchern fällt beim Anblick dieser Exponate immer eine Anekdote ein. Während die Jungen beim Turnen schwitzten, lernten die Mädchen sticken, stricken, stopfen, flicken. Foto: mib
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Im Museum in der Ringstraße 9 in Immendorf wird die Schulzeit vergangener Tage wieder lebendig, wenn Rudolf Müller unterrichtet. Im nächsten Jahr feiert das Historische Klassenzimmer sein 25-jähriges Bestehen. Foto: mib

Kreis Heinsberg. Die Schulglocke klingelt, bunt bemützte Kinder sausen lachend und quatschend über den Schulhof der Katholischen Grundschule Immendorf und durch die Flure. Gleich beginnt der Unterricht. Nur in einem Klassenzimmer bleibt es an diesem Morgen still. Kein Po rutscht auf den harten Holzbänken herum, die Lesefibeln bleiben zugeklappt, die Griffel in ihren Holzdosen.

Griffel? Ja genau Griffel, diese schmalen Stifte aus Schiefer zum Beschreiben von Tafeln. Wie vor hundert Jahren. Dieses Klassenzimmer ist nämlich historisch. Hier wird es erst am Nachmittag lebendig, und zwar immer donnerstags und sonntags, wenn Rudolf Müller zur Geige greift und Unterricht macht wie anno dazumal.

Die Geige gehört dazu, denn früher durfte nur Lehrer werden, wer auch ein Instrument beherrschte, erklärt der ehemalige Schulleiter. „Gitarre spielen zählte nicht.“ Müller ist längst pensioniert, aber der Schule immer noch treu, und zwar als Leiter des Schulmuseums. Das wurde 1992 von dem Verein „Museum Historisches Klassenzimmer“ gegründet. Material dafür gab es genug dank der Sammelleidenschaft des ehemaligen Lehrers Peter Kück und der Initiative von Karl-Heinz Gast. Meist stammt es aus Schulauflösungen.

„Wir kaufen selten etwas an, das Allermeiste wird uns gebracht“, sagt Müller. So wie der originelle Spickzettel eines Pädagogikstudenten. Die eng beschriebene mehrseitige Zettelsammlung wurde mit Sicherheitsnadel und Gummiband im Inneren des Sakkos befestigt und verschwand so blitzschnell im Ärmel.

Der Spender, der kurioserweise in den 70er Jahren bei dem gleichen Professor studiert hat, wie Müller seinerzeit, hatte sich so viel Arbeit damit gemacht, dass er ihn nicht einfach entsorgen wollte. Der Verfasser hat ihn zwar niemals benutzt, aber der Zettel ist in der Tat etwas besonderes. Deshalb hängt jetzt auch er im kleinen Flur, der zum Historischen Klassenzimmer führt, so wie eine alte Schülerlotsenuniform, alte Klassenfotos, Zeugnisse, Musikinstrumente, Federkiele, Tintenfässer und Handarbeiten.

Der Klassenraum ist mit all dem ausgestattet, was eine Dorfschule früher ausmachte: Tafel, Katheder, Holzschulbänken und einem Bärenklauenofen. Einige dieser Möbel sind mehr als hundert Jahre alt. Wobei es wohl in der Ringstraße 9 um einiges gemütlicher ist als in einem zugigen Klassenzimmer vor 100 Jahren, wo es eine Strafe war, nah am Ofen zu sitzen. Dort war es viel zu heiß – und an der Klassentür zu kalt.

Von den Regalen blicken präparierte Wildtiere auf die Besucher herunter. Die Wände sind mit alten Karten, Märchen- und Wandbildern behängt. Eine Leihgabe aus dem Heinsberger Begas-Haus ist auch dabei: eine Original-Lithografie von Hans Kempter aus dem Jahr 1890, die einen Hausgarten zeigt.

Sogar ein Harmonium steht im Klassenraum in der ehemaligen Hauptschule in Immendorf, den die Stadt Geilenkirchen zur Verfügung stellt. „Das klingt sehr schön“, sagt Museumsleiter Müller. Für ein Klavier war früher meist kein Platz und kein Geld. Manchmal spielt heute ein Besucher darauf. Denn das unterscheidet dieses Museum von vielen anderen: Absperrbänder gibt es nicht. Berühren ist erlaubt.

Wer will, kann sich in die Bänke setzen, auf denen frühere Generationen in den Fächern Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion schwitzten, sich vorstellen, wie die Schüler versucht haben, die Füße still und den Rücken gerade zu halten, während der stets zu respektierende Lehrer ihnen erzählte, dass der Storch zuständig für die Zustellung der Babys sei.

Im Gegensatz zu so manch anderem Heimatmuseum leidet das Historische Klassenzimmer weder unter Mitgliederschwund noch unter einer schwindenden Besucherzahl. Im Gegenteil: Der Verein hat inzwischen mehr als 200 Mitglieder und in diesem Jahr haben schon mehr als 2150 Menschen das Museum besucht. Der Eintritt ist frei.

Nur wenn Rudolf Müller einer Gruppe zeigt, wie eine Klasse vor 100 Jahren unterrichtet wurde, kostet das einen kleinen Obolus. Die Schüler lernen bei ihm dann nicht nur ihren Namen in Sütterlin-Schrift zu schreiben, sondern auch mit dem Wert Mandel zu rechnen.

Die Besucher kommen aus der ganzen Region. Die weiteste Anreise hatte ein Mann aus München, der über ein Gebäude recherchierte. Im Archiv des Museums wurde er fündig. Oft kommen auch Seniorengruppen, sagt Müller. Gerade die ältere Generation erinnere sich sehr intensiv an die vergangenen Schultage und beginne Anekdoten zu erzählen. Das sei dann wie eine Therapie. Die nächsten Tage im Seniorenheim liefen danach ganz anders, erzählen ihm Betreuer hinterher oft.

Das Museum hält aber auch Kontakt zu den Schulen der Region und betreibt so lebendigen Geschichtsunterricht. „Höhere Klassen können hier das Recherchieren mit Originalquellen lernen“, sagt Müller. Denn das Museum beherbergt eine umfassende historische Chronik und sammelt Schul- und Klassenfotos aus allen Geilenkirchener Ortsteilen. Das älteste Foto stammt aus dem Jahr 1908.

Rudolf Müller leitet das Museum seit vier Jahren. Ein Fulltime-Job wie er sagt. Es gibt noch so viel zu archivieren, zu sichten, zu organisieren. Er hofft, dass er zu gegebener Zeit einen Nachfolger finden wird. Ob der wie er, ein ehemaliger Schulleiter oder eine Schulleiterin ist? Praktisch wäre es.

Schule, wie wir sie heute kennen, ist morgen wahrscheinlich schon wieder reif fürs Museum. Und dann kann auch die nächste Generation wieder staunen, wie es war – damals.

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