Heinsberg - Hirnforschung: Spannender Gesprächsstoff mit Ralf Caspary

Radarfallen Bltzen Freisteller

Hirnforschung: Spannender Gesprächsstoff mit Ralf Caspary

Von: Petra Wolters
Letzte Aktualisierung:
caspar3fo
Durch Ironie und Humor ließen Rainer Herwartz, Redaktionsleiter der Heinsberger Zeitung (links), und Wissenschaftsjournalist Ralf Caspary beim anspruchsvollen Thema Hirnforschung die Spannung nicht versanden. Foto: agsb

Heinsberg. Es war ein hoch wissenschaftliches Thema, gewürzt mit einer Prise Humor und Ironie, wurde jedoch zu einem spannenden Gesprächsstoff, bei dem wohl jeder Gast in der Buchhandlung Gollenstede schnell erkannte, dass auch er ganz persönlich betroffen war.

Mit der Erforschung des Gehirns befasste sich die Gesprächsrunde „Auf ein Wort mit...” mit Rainer Herwartz, Redaktionsleiter der Heinsberger Zeitung, in ihrer fünften Auflage. Das Buch „Alles Neuro? Was die Hirnforschung verspricht und nicht halten kann”, vor allem aber sein Autor Ralf Caspary, standen dabei im Mittelpunkt.

Caspary arbeitet als Wissenschaftsjournalist und ist verantwortlich für das Wissensmagazin „Impuls” im SWR-Hörfunk. Dass Hirnforschung absolut „in” ist, hat er im Rahmen seiner Arbeit immer wieder erfahren und sich daher selbst auf die Suche gemacht nach einer Antwort auf die Frage, ob es sich dabei wirklich um eine neue faszinierende Wissenschaft, gar eine Leitwissenschaft handelt. Für ihn mitnichten. Und wie in seinem Buch, so rechnete er auch im Gespräch vor rund 50 Zuhörern mit so einigen Vertretern dieser Disziplin ab, die in ihren Labors seiner Meinung nach derzeit auf Basis ganz einfacher, teilweise mit Tieren durchgeführter Experimente gar ganz neue Menschenbilder kreierten.

Den Grund für die Popularität dieses Forschungsgebiets sieht Caspary in den USA, wo George Bush sen. die Dekade der neunziger Jahre zur Dekade des Gehirns erklärt hatte. Dieser Boom sei dann auch „nach Deutschland geschwappt”, so der Autor. Gemeinsam mit Herwartz diskutierte er Theorien der Forschung, die davon ausgehen, dass jeder menschliche Gedanke ein sogenanntes neuronales Korrelat im Gehirn hat. „Das würde heißen, dass kein Denken jenseits neurochemischer Vorgänge im Gehirn möglich sei”, so Caspary.

Forscher wie Gerhard Roth würden sogar noch weiter gehen. „Das Unbewusste hat, bevor wir denken, dass wir etwas bewusst tun, bereits eine Entscheidung getroffen”, erklärte Caspary seinen Zuhörern das, was in der Wissenschaft als „limbisches System” bezeichnet wird. Seine Annahme, dass dieses System nur bis zum zehnten Lebensjahr eines Menschen beeinflussbar sei, habe weitreichende Konsequenzen für das Menschenbild. „Aber bisher hat noch niemand einen freien oder einen unfreien Willen gesehen. Das ist ein Spiel mit Begriffen, die sich nicht naturwissenschaftlich auflösen lassen”, konterte er.

Der Begriff „Neuro” habe mittlerweile in viele Wissensgebiete Einzug gehalten. „Viele wollen auf einen Zug aufspringen, der gute Forschungsgelder bringt.” Dabei entstünden zum Teil ganz skurrile Experimente, die dann auch noch ganz willkürlich interpretiert würden, erläuterte er zwei Beispiele aus der sogenannten Neuro-Theologie. Hier gehe es darum, Gott als metaphysisches Wesen nachzuweisen oder genau dies ad absurdum zu führen. So habe man bei Menschen mithilfe spezieller Helme Halluzinationen hervorgerufen, buddhistische Mönche oder Nonnen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht.

Auf die Frage von Herwartz, warum es gar keine negative Kritik der kritisierten Hirnforscher an seinem Buch gebe, hatte Caspary eine einfache Antwort: „Die sitzen auf einem sehr hohen Ross.” Angeblich könnten sie ja alles empirisch beweisen. Ihr naturwissenschaftliches Wissen werde als objektiv angesehen. „Ist es nicht so, dass der Mensch manipulierbarer wird, je mehr wir über ihn wissen?”, so Herwartz. Caspary räumte ein, dass genau dies auch ihm Sorgen bereite, wenn etwa verhaltensauffällige Kinder verstärkt mit Medikamenten behandelt würden.

In der Didaktik etwa seien aus ein paar Experimenten, die allesamt mit Ratten und Mäusen durchgeführt worden seien, weitreichende Schlussfolgerungen gezogen worden, die eins zu eins auf das Lernen von Menschen übertragen worden seien. Und so würden heute schon Dreijährige in den USA Mandarin lernen oder einen Aborigine-Dialekt von Ureinwohnern Australiens.

Schließlich angesprochen auf die Umstellung der Unterrichtszeit auf 60 Minuten in der Realschule Erkelenz, basierend auf Erkenntnissen der Hirnforschung, hatte Caspary dann auch eine eindeutige Antwort: „Neuro-Didaktik schießt hier übers Ziel hinaus.”

Im Anschluss an das Zweiergespräch entspann sich noch eine angeregte Diskussion des Autors mit seinen Zuhörern, zu denen gleich mehrere Pädagogen gehörten. Hier stellte Caspary klar, dass Hirnforscher „nicht alles Scharlatane” seien, dass es unter ihnen aber eben einige gebe mit einem „wahnsinnigen Sendungsbewusstsein. Wenn sie übers Gehirn schreiben, vertreten sie auch gleich ihre gesellschaftspolitischen Ansichten!”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert