Heinsberger Griechen haben die Heimat immer im Blick

Von: Rainer Herwartz
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Dimitrios Koutrobinas (2.v.re.), Georg Chilitis (li.) und Charilaos Verlios (2.v.li.) treffen sich regelmäßig mit ihren griechischen Landsleuten. Dabei wird auch die Lage in der Heimat rege diskutiert. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Über fünf Jahre ist es nun schon her, dass die drohende Pleite Griechenlands in Politik und Medien zum Dauerbrenner avancierte. Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht über die düsteren Entwicklungen in dem sonnigen Mittelmeerstaat, Schuldenberge und den Versuch der Euro-Zone, das schwarze Schaf wieder in die Herde zurückzuführen, berichtet wurde.

Beinahe ausnahmslos sind es jedoch die Stimmen von Regierungsvertretern, Kommis- sionsmitgliedern oder hohen Beamten, die hier ihren Widerhall fanden. Zur Illustration der sich gerade in den letzten Wochen zuspitzenden Situation kreisten Fotos und Filmaufnahmen von Rentnern an leeren Geldautomaten um die Welt, die verzweifelt versuchten, zumindest die 60 Euro zu ergattern, die ihnen pro Tag noch ausgezahlt werden durften.

Dass die Situation in Wahrheit für die Menschen noch viel schlimmer ist, erfuhr unsere Zeitung jetzt im Gespräch mit einigen Vertretern der Griechischen Gemeinde Heinsberg. Sie zählt derzeit 130 Mitglieder. Im gesamten Kreis Heinsberg leben laut Einschätzung von Geschäftsführer Dimitrios Koutrobinas über 600 Landsleute.

Druck ist zu hoch

Besonders gut zu sprechen auf Ministerpräsident Alexis Tsipras und Ex-Finanzminister Gianis Varoufakis sind die seit vielen Jahren in Heinsberg lebenden Griechen nicht gerade. So viel steht schon nach wenigen Minuten fest. „Das Problem ist ja, wenn du keine Sparmaßnahmen willst, woher soll denn Geld kommen?“, sagt Koutrobinas. Doch die Art der Vorgehensweise sei falsch, im Land wie bei den Euro-Partnern.

„Der Druck ist zu hoch in Griechenland. Es kann nicht sein, dass die Rentner wieder Kürzungen hinnehmen sollen.“ Gerade in den kleinen Dörfern sei die Lage fatal. „Dort hat bislang der Postbote die Rente gebracht, doch der kommt jetzt ohne Geld“, sagt Koutrobinas. „Die Alten haben keine Möglichkeit, sich Geld am Automaten zu ziehen.“ Das sei, wenn überhaupt, nur in größeren Städten noch möglich.

Bis zum heutigen Tag habe die griechische Regierung kein vernünftiges Programm vorlegen können, bemängelt der Senior. „In den letzten Jahren hat sich die Situation zunehmend verschlechtert. Über drei Millionen Griechen sind ohne Krankenversicherung. Was machst du jetzt, wenn du ins Krankenhaus musst und nicht an Geld kommst?“

Charilaos Verlios hat ein anderes Beispiel parat. Seine Verwandten wohnen in einem Dorf namens Kozani in Mazedonien, etwa so groß wie Unterbruch, meint er. „Dort geht ein 43-jähriger Mann nicht heiraten, weil er keine Arbeit hat. Er lebt bei den Eltern, weil er sonst nichts zu essen hätte.“ Und das sei kein Einzelfall. „In meinem Dorf herrscht 30 Prozent Arbeitslosigkeit, obwohl es in einem Umkreis von rund 20 Kilometern eine Zeche, eine Düngemittelfabrik und ein Elektrizitätswerk gibt.“

Doch in den letzten fünf Jahren seien aufgrund der Entwicklung im Land viele Menschen entlassen worden. „Gerade junge, qualifizierte Leute suchen verstärkt ihr Glück im Ausland“, sagt Koutrobinas. Australien, Kanada, Deutschland, England und Holland seien bevorzugte Zielgebiete. Allein schon vor diesem Hintergrund störe ihn die Polemik, mit der die Griechen in manchen Medien überschüttet würden. „Oftmals werden sie lächerlich gemacht und als Faulenzer abgestempelt.

Das haben die Leute nicht verdient! Dass viele plötzlich mit dem Finger auf dich zeigen, ist das Schlimmste.“ Dennoch glaubt Koutrobinas nicht, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen wirklich gelitten habe. „Ich bin froh, hier in Deutschland zu leben, aber die Situation in der Heimat zu sehen, tut schon weh.“

Georg Chilitis aus Dremmen, der als Grieche für die CDU im Heinsberger Stadtrat sitzt, spricht nach eigenem Bekunden für viele griechische Volksvertreter in Deutschland, wenn er sagt: „Für das kleine Kulturland Europas hätte längst eine europäische, tragfähige Lösung erarbeitet werden sollen und somit wären die jetzigen Erfahrungen allen Bürgern Europas erspart geblieben.

Es steht nicht nur die Zukunft Griechenlands auf dem Spiel, sondern auch die Glaubwürdigkeit einer solidarischen und zukunftsweisenden Eurozone.“ In Griechenland seien in der Vergangenheit Fehler begangen worden. Die neue Regierung habe Probleme mit der Zustimmung von Maßnahmen, die ohne Verbindung mit einem Schuldenschnitt keine nachhaltige Wirkung haben könnten.

„Gleichzeitig verschlechtert sich die Situation der ärmeren Menschen, denen wichtige Grundlagen zum Leben fehlen.“ Allerdings müsse allen bewusst sein, dass ohne weitere Strukturreformen und Sparanstrengungen der Weg aus der Krise in Griechenland nicht möglich sei.

„Das Problem hat schon vor vielen Jahren begonnen, als Griechenland in die EU kam“, resümiert Koutrobinas. „Damals ist viel Geld nach Griechenland geflossen, aber niemand hat kontrolliert wohin.“ Bleibt zu hoffen, dass dies bei weiteren Finanzspritzen nicht erneut geschieht.

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