Kreis Heinsberg - Heinsberger Anwärter büffeln lange für den Jagdschein

Heinsberger Anwärter büffeln lange für den Jagdschein

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
9018381.jpg
Öfter mit dem Fernglas als mit der Flinte unterwegs: Jäger müssen das Wild in ihrem Revier kennen und erkennen, bevor sie einen Schuss abgeben. Die Ausbildung zum Jäger ist sehr komplex. Foto: Imago/Sven
9001903.jpg
Jäger mit Hund: Franz-Heinrich Coersten, Geschäftsführer der Kreisjägerschaft mit seinem Jagdhund Artos. Foto: Mirja Ibsen

Kreis Heinsberg. Grüner Hut, Dackel am Strick, Gewehr über der Schulter. Na? Wer ist das? Genau. Schublade aufgemacht, das Bild des Jägers herausgekramt und da liegen sie auch schon, die hübschen fertigen Vorurteile: Schießwütig sind sie, die Jäger, vorgestrige Traditionshüter und Tiermörder. Stimmt’s?

Über solche Klischees kann sich Franz-Heinrich Coersten so richtig schön aufregen. Obwohl er schon lange Jäger ist und Kummer gewohnt.

Ja, das Bild des Jägers in der Gesellschaft habe sich gewandelt. Längst sind die Jäger nicht mehr so anerkannt, wie früher. Anti-Jagd-Initiativen präsentieren im Internet Untersuchungen, die belegen sollen, dass sich die Natur selbst reguliere und keine Jäger brauche. Außerdem will die NRW-Regierung jetzt das Jagdrecht ökologisch reformieren. Ganz ohne Not, wie Coersten findet. Auch heute gehe keiner so einfach in den Wald und ballere herum. „Wir schießen nicht um des Schießens willen.“ Der Erkelenzer muss es wissen, er ist als Geschäftsführer der Kreisjägerschaft des Kreises Heinsberg zuständig für die Ausbildung der Jungjäger.

„Wer heute den Jagdschein machen will, muss sich warm anziehen“, sagt auch Heiner Breikmann, Vorsitzender der Kreisjägerschaft. Das so genannte „grüne Abitur“ ist umfangreich, teuer und zeitintensiv. So ein Schmöker, in dem das Grundwissen für die Jägerprüfung steht, wiegt 1351 Gramm. Schwere Kost. Darin steht nicht nur im Detail, wie die Myxomatose („Löwenkopfkrankheit“) den Körper der Kaninchen anschwellen lässt, wie ein Wald gedeiht und gepflegt werden muss, wie eine Waffe zusammengesetzt ist, sondern auch, wie eine Leiter, für einen Hochsitz gebaut wird.

Denn ein Jungjäger muss sich auskennen mit Wildbiologie, Wildhege, Wildschadensverhütung, Land- und Waldbau, Waffenrecht, Führung von Jagdhunden, Wildbrethygiene, Jagdbetrieb, Jagdschutz, Tierschutz, Naturschutz und Landschaftspflege. Acht Monate büffeln die Heinsberger Anwärter für die staatliche Prüfung, die sie am Ende schriftlich, mündlich und praktisch ablegen müssen.

Ganz wichtig ist natürlich auch die Waffenkunde. „Es soll ja niemand zu Schaden kommen“, sagt Heiner Breikmann ernst. Viele Stunden verbringen die Jungjäger auf dem Schießstand. Wobei es später im Alltag zum Schießen gar nicht so oft kommt, sagen die Experten.

Coersten, der sein Revier in Alt-Immerath hat, sagt, man könne ihn eher mit dem Futtereimer, als mit der Flinte antreffen. Und Breikmann kann sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann er in seinem Gangelter Revier zuletzt ein Gewehr angefasst hat. Stunden-, tage-, manchmal wochenlang beobachten und zählen die Jäger das Wild nur. „Bewaffneten Spaziergang“ nennt Coersten so etwas. Und wenn sie dann schießen, dann geht es nicht nur darum, frisches Wildbret auf dem Teller zu haben. Sie wollen Wildschaden vermeiden.

„So ein Wildschwein kann einen kompletten, geschotterten Waldweg umpflügen, wenn es darunter Engerlinge wittert“, sagt Heiner Breikmann. Die wilden Schweine trampeln ein ganzes Maisfeld platt, um sich satt zu fressen. Kaninchen knabbern die zarten Spitzen der Feldpflanzen ab, die dann nicht mehr wachsen. Und an wen wendet sich dann der Bauer? An den Jagdpächter. Der muss ihm laut Gesetz den finanziellen Schaden bezahlen. Oder eben dafür sorgen, dass es gar nicht dazu kommt, dass sich die Tiere an den Feldfrüchten gütlich tun. Sie also woanders füttern oder erlegen.

Wie viele Tiere allerdings geschossen werden, das bestimmt nicht der Revierpächter, sondern die untere Jagdbehörde. Der Jäger gibt an, wie viel Wild er in seinem Revier hat und die Jagdbehörde sagt, wie viel geschossen werden muss. Und dann darf immer noch nicht einfach jedes Tier, zu jeder Zeit, überall geschossen werden. In der Nähe von Straßen und Häusern ist das Schießen zum Beispiel tabu, und es gibt ganz bestimmte Zeiten an denen Tiere geschont werden, weil sie ihren Nachwuchs großziehen. All das muss ein Jungjäger lernen.

Auch wann er einen sogenannten „Hegeschuss“ abgeben darf, der ist nämlich die einzige Ausnahme von den engen Regeln, in denen geschossen werden darf. Ein krankes oder verletztes Tier muss von seinen Leiden erlöst werden. Aber bevor ein Jäger seinen Finger am Abzug krumm macht, muss er genau wissen, was für ein Tier er im Visier hat: eine hinkende Ricke (weibliches Reh), die von einem Auto angefahren wurde, aber eventuell ein Junges hat, oder ein junger Bock, der an einer Darmverschlingung leidet?

Es hat sich einiges geändert, seit Corsten 1972 seine Jagdausbildung abgelegt hat. Das Jagdrecht wurde regelmäßig reformiert, die Ausbildung ist umfangreicher geworden, Schwerpunkte haben sich verlagert. Zum Beispiel sind die Fachbereiche „Jagdhundewesen“ und „Land- und Waldbau“ viel wichtiger geworden, dafür muss heute niemand mehr ein Horn blasen können. Das gehört zwar zum Jagdlichen Brauchtum, ist aber nicht mehr zwingend erforderlich. Wobei das Brauchtum für Coersten und Breikmann trotzdem wichtig ist.

Die waidmännischen Traditionen, die für Außenstehende manchmal etwas seltsam anmuten, hätten etwas mit dem Respekt den Tieren gegenüber zu tun. Dem erlegten Wild einen Bruch (einen abgebrochenen grünen Zweig) anstecken, zum Beispiel. Jägerlatein? Ja. Auch das lernen die Anwärter. Es ist eine ganz eigene Sprache, die die Jäger pflegen. Da heißen die Ohren des Hundes „Behang“, das Maul heißt „Fang“, der Schwanz heißt „Rute“. Das Wild wird nicht „erschossen“, sondern „erlegt“ und dem Hasen wird nicht das Fell abgezogen, sondern er wird abgebalgt.

Trophäen als Erinnerungen

Ein paar Klischees bedient Coersten dann doch. Einen grünen Hut hat er und auch ein Gewehr, nur sein Dackel, das ist ein großer schwarz-weißer Münsterländer. Einer, der manchmal vergisst, dass er keine Schmusekatze, sondern ein Jagdhund ist und – außer im Bett zu schlafen – fast alles darf. Trophäen besitzt Coersten auch, obwohl er den Begriff nicht mag, weil es so klingt, als würde er sie sammeln. In Coerstens Hausflur hängen die Gehörne (weidmännisch für Geweihe) der Rehböcke, die er erlegt hat.

Für ihn sind die präparierten Schädel der Tiere Erinnerungen an ein besonderes Erlebnis. Er weiß noch bei jedem Tier, wie lange er dafür ansitzen musste, wie das Wetter war, wie das Licht stand, wie das Tier gefallen ist und – er ist mit sich im Reinen, wenn er die Trophäen betrachtet. Keines dieser Tiere habe leiden müssen, sagt er. Das ist ihm wichtig.

Leserkommentare

Leserkommentare (4)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert