Kreis Heinsberg - Grüne Jugend: Vom Standby wieder in die Politik

Grüne Jugend: Vom Standby wieder in die Politik

Von: Naima Wolfsperger
Letzte Aktualisierung:
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„Jung.Grün.Stachelig“ ist das Motto der Grünen Jugend in Deutschland. Im Kreis Heinsberg formiert sich die Jugendorganisation derzeit neu.

Kreis Heinsberg. Die Grüne Jugend ist online kaum auffindbar. Es gibt kein Facebook-Profil, keine unabhängige Webseite, keinen direkten Ansprechpartner – zumindest auf den ersten Blick. Carmen Vondeberg hat 2015 ein Praktikum bei der Wassenberger Landtagsabgeordneten der Grünen, Ruth Seidl, absolviert.

Kurz darauf wurde sie Parteimitglied mit dem Ziel, die Grüne Jugend im Kreis Heinsberg wiederzubeleben. Seit Oktober 2016 ist sie im Kreisvorstand der Jugendorganisation. Die Heinsbergerin studiert in Düsseldorf Sozialwissenschaft. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt sie, was die Grüne Jugend im Kreis plant.

Die Grüne Jugend im Kreis Heinsberg ist schwer zu finden – sie ist weder mit einer eigenen Webseite vertreten noch auf Facebook…

Vondeberg: Die Grüne Jugend ist da – sie war in den vergangen Jahren nur eher auf Standby-Modus. Es gab keinen Vorsitz, dementsprechend ist auch wenig passiert. Am 7. Oktober wurde der Vorstand der Grünen Jugend gewählt. Jetzt formieren wir uns neu. Von 20 Mitgliedern sind derzeit etwa neun aktiv dabei. Wir haben auch eine Facebook-Gruppe, die ist momentan aber noch privat. Wir wollen damit erst öffentlich werden, wenn mehr Veranstaltungen geplant sind.

Woran liegt es, dass die Grüne Jugend so inaktiv war?

Vondeberg: Für viele Menschen ist es anstrengend, wählen zu gehen, sich Gedanken zu machen, wen man wählt, oder seine Meinung zu vertreten. Vor allen Dingen ist es anstrengend, in eine Partei einzutreten – wo man ständig seine Meinung vertreten muss. Das wird als zusätzliche Belastung gesehen. Wie eine zweite Schule quasi: Man hat mehr Aufgaben, mehr Verpflichtungen, denen man nachkommen muss. Das kann zu viel sein.

Es liegt also nicht am Desinteresse einer unpolitischen Jugend?

Vondeberg: Das glaube ich nicht. Jeder junge Mensch hat eine Meinung und auch Interesse daran, was jetzt passiert. Zumindest, wenn es ihn selbst betrifft. Ich glaube, das Problem besteht in dem Mangel an Motivation und dem fehlenden Glauben, etwas verändern zu können. Nach dem Motto: Das war schon immer so, das wird auch immer so sein. Also dass ihre Stimme nur eine von vielen ist und auch nichts ausrichten kann, nicht gehört wird.

Dieses Gefühl wird mit dem Erfolg populistischer Parteien immer mehr Menschen unterstellt. Ist das Gefühl falsch, kann die eigene Stimme etwas ausrichten?

Vondeberg: Ich habe das früher auch nicht geglaubt. Während meines Praktikums im Düsseldorfer Landtag bei Ruth Seidl (Grüne) habe ich an einer Parteisitzung des Ausschusses für Schule teilgenommen. Mit lauter Experten. Die haben mich alle gefragt, was ich zu den einzelnen Themen denke – da war ich noch nicht mal in der Partei. Das hat mich damals sehr überrascht und mir das Gefühl gegeben, dass man auch etwas bewirken kann.

Worin besteht dann das Kommunikationsproblem zwischen Partei und Jugend?

Vondeberg: Es ist kein Problem der Jugend. Das gibt es in jeder Generation. Ich vermute, dass das gesellschaftlich bedingt ist. Früher ging man in die Kirche, machte dies und jenes auf eine bestimmte Art und Weise. Heute löst man sich von den gesellschaftlichen Regeln und Strukturen. Dadurch wird Wählen nicht mehr als eine Pflicht wahrgenommen, sondern als eine Option. Politikverdrossenheit ist keine Frage von Jungsein. Ich glaube, dass man von der Jugend auch auf die Erwachsenen rückschließen kann, dass auch ihnen das Gefühl fehlt, verstanden und gehört zu werden. Das führt zu Unzufriedenheit mit dem System. Im Ergebnis wird die AfD gewählt.

Warum schafft es die Politik nicht, die jungen Menschen abzuholen – ihnen das Gefühl zu geben, dass ihre Stimme zählt?

Vondeberg: Ich glaube, dass junge Menschen sich manchmal so fühlen, als würden sie in der Politik untergehen. Politik ist an sich schon sehr komplex, und wenn man niemanden hat, der einen heranführt, dann fehlt die Motivation, sich der Sache anzunehmen. Und vor allem Jugendliche fühlen sich von der Politik nicht gehört und ernstgenommen. Mir ging das ja genauso. Man muss ihnen also die Möglichkeit bieten, sich einzubringen. Man muss aktiv auf sie zugehen. Anders sind sie nicht zu erreichen, weil sie sich sonst immer mehr zurückziehen. Interesse besteht eigentlich von beiden Seiten. Junge Menschen sind die Zukunft und sollten sich aktiv an der Gestaltung ihrer Zukunft beteiligen. Für die Partei sind sie schon allein als Wähler wichtig. Andersherum bestimmen die Politiker die Systeme, in denen die jungen Menschen leben müssen.

Wie kann das gelingen, die jungen Menschen zu begeistern?

Vondeberg: Das ist ja jetzt meine Aufgabe, zumindest bei den Grünen. Wichtig ist, dass wir jetzt wieder in die Politik einsteigen. Wir haben Schüler, Abiturienten und Studenten im Alter von 17 bis 22 Jahren. Da möchte ich erst den Kontakt zur Partei wiederherstellen. Man braucht einfach jemanden, der einen an die Hand nimmt und zeigt, wie es geht. Dann kann man auch Vorschläge entwickeln. Jetzt besuchen wir mal den Landtag. Mit Diskussion bei Ruth Seidl.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Grüne Jugend aktiv bleibt?

Vondeberg: Beide Seiten – die Jugend, aber auch die Grünen – müssen sich darum kümmern. Natürlich ist es auch die Aufgabe des Vorstands, engagiert zu sein und neue Mitglieder zu finden. Alleine geht das aber nicht. Wir brauchen da immer noch den Rückhalt der Partei. Und den habe ich auch.

Was steht jetzt an?

Vondeberg: Gemeinsame Treffen. Weitere Leute erreichen. Bisher lief das so ganz gut. Ich erreiche drei Leute und diese drei erreichen wieder drei. Durch die regelmäßigen Treffen ist bisher jedes Mal ein neues Mitglied dabei. Bisher läuft das über persönliche Kontakte. Natürlich hat auch irgendwann das seine Grenze. Aber bis dahin sind wir, denke ich, auch so selbstständig, dass wir dann auch Veranstaltungen planen und Ideen umsetzen können. Und so gewinnt man natürlich auch Mitglieder. Durch werben. Und dadurch, dass man auf die Menschen zugeht, sie abholt und mitnimmt.

Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke dabei?

Vondeberg: Online wird grundsätzlich immer wichtiger. Es ist wichtig, dass jeder Zugriff auf unsere Inhalte und Veranstaltungen hat. Heutzutage ist es immer wichtiger, auch Menschen über das Internet zu erreichen. Da ist fast jeder vertreten, und so erreicht man die meisten Menschen auch.

Warum wollten Sie Ihre Stimme gerade bei den Grünen erheben?

Vondeberg: Meiner Meinung nach umfassen die Grünen alle wichtigen Themen. Vor allem die Umweltpolitik – sie wurde von den Grünen in die Debatte mit eingebracht. Danach wurde dieses Thema zunehmend wichtig für alle anderen Parteien. Aber auch: Tierschutz. Die Grünen sind eine Partei, die für hohe Werte wie Menschlichkeit und Gerechtigkeit steht. Das finde ich besonders wichtig. Bei mir hat sich auch immer wieder bestätigt, dass man nicht bei den Grünen ist, um möglichst viel Geld zu verdienen oder eine besondere Karriere zu machen. Man ist bei dieser Partei nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung.

Ausblick auf das Superwahljahr 2017 – was hat sich die Grüne Jugend konkret vorgenommen?

Vondeberg: Wir wollen unsere Kandidaten unterstützen und uns von den Grünen sehen lassen. Vor allen Dingen in Zeiten des Terrors, in denen sich die Bürger oft spalten, wird der Wahlkampf zu einer besonderen Herausforderung. Ein erstes Hoffnungszeichen war nach der Trump-Wahl die Wahl von Alexander Van der Bellen als positives Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Sexismus. Ich will mich mit dafür einsetzen, dass Deutschland weiterhin diesem Beispiel Österreichs folgt.

Und nicht aus Angst oder Hass oder anderen Motiven heraus auf rechtsradikale Parteien wie etwa die AfD oder die NPD zurückgreift. Die AfD ist für mich genauso eine Alternative, als würden wir die Zeit 100 Jahre zurückdrehen. Eine Alternative des Rückschrittes in Zeiten vor dem Feminismus, Antirassismus und in Zeiten vor der Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

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