Grenzschmuggel im Selfkant: „Für viele war es wie ein Spiel“

Von: Daniel Gerhards
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Ein Bild aus vergangenen Tagen: Im Jahr 1963 gehörten Schlagbäume an den Grenzen noch zum Alltag. Der Schmuggel florierte im Selfkant vor dem Schengenabkommen. Foto: Kreisarchiv Heinsberg

Selfkant. Wenn man mit Brigitte Geradts-Wimmers über den Feldweg am Rande Saeffelens geht, dann kann man sich vorstellen, wie es dort vor einigen Jahrzehnten zugegangen ist. Auf diesem Weg kamen viele Kilogramm Kaffee, etliche Packungen Zigaretten und auch Schweine und Kälber ins Land. Der Weg war die direkte Verbindung von Saeffelen in die Niederlande, die grüne Grenze.

Unmittelbar hinter der Grenze gab es ein Geschäft. Ideale Voraussetzung für den Schmuggel. Brigitte Geradts-Wimmers schaut hinüber zu den Häusern, in denen einst die Zöllner wohnten, und zu den Feldern, in denen sich die Schmuggler früher versteckten, um nicht erwischt zu werden. Brigitte Geradts-Wimmers kann etliche Geschichten zum Schmuggel erzählen: manche sind kurios, manche machen nachdenklich, manche sind romantisch. Die Gästeführerin des Vereins Westblicke hat zu dem Thema recherchiert und viele Zeitzeugen befragt. Die Geschichten erzählt sie bei ihren Führungen. Zum heutigen Welttag der Zollunion haben wir uns mit Brigitte Geradts-Wimmers an der Grenze getroffen.

Die meisten Geschichten, die Brigitte Geradts-Wimmers erzählt, spielen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Über diese Zeit ist noch vieles bekannt. Darüber können die Leute, die sich den Kaffee selbst untergebunden haben, noch erzählen. Andere Quellen über den Schmuggel im Selfkant gibt es wenige. Über Kaffeepanzer, die im Aachener Raum Absperrungen durchbrachen, gibt es ganze Bücher, Ausstellungen und Fernsehdokumentationen.

Die Schmuggelgeschichte des Kreises Heinsberg ist weniger gut dokumentiert. Vielleicht auch, weil es hier weit weniger schwere Fälle gab. Es sei mal ein gepanzertes Fahrzeug voll beladen mit Kaffee in Waldfeucht durchgebrochen und Saeffelener haben auch mal wegen Schmuggels im Aachener Gefängnis gesessen. Aber größtenteils schmuggelten die Selfkänter im kleinen Stil – sozusagen für den Hausgebrauch. Kaffee, Zigaretten und Vieh. „Die Leute haben die Preisunterschiede ausgenutzt“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers, deren Elternhaus nahe des ehemaligen Grenzübergangs in Saeffelen steht.

„Die Leute hatten nicht so ein Unrechtsbewusstsein. Das lag vielleicht auch daran, dass im Selfkant im Zweiten Weltkrieg so viel zerstört worden ist. Deshalb war die Bevölkerung hier besonders arm“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers. Weil die Front mehrere Monate im Selfkant stand, wurden viele Häuser zerstört, andere wurden geplündert. Solche Zeiten machen erfinderisch. Und so klingen die Geschichten vom Kinderwagen mit doppeltem Boden oder dem Kälbchen, das auf der Rücksitzbank eines Autos über die Grenze gefahren wurde, eher nach Sozialromantik als nach Kriminalität. „Für viele war es wie ein Spiel“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers. Wenn die Zöllner ein Versteck entdeckten, musste man sich eben etwas neues ausdenken.

Eine goldene Nase verdient

Hatte da niemand etwas dagegen? Doch! Der Staat. Die Zöllner. Und weil die Zöllner den Schmugglern auflauerten, um ihnen ihre Ware abzunehmen, genossen sie kein hohes Ansehen. Beliebter seien nur die gewesen, die schon mal ein Auge zudrückten, sagt Brigitte Geradts-Wimmers. Die Zöllner lebten etwas außerhalb der Orte, waren evangelisch, schlecht bezahlt und schlecht ausgerüstet. Und in einer Nacht konnten sie beim vielleicht größten legalen Schmuggel der Geschichte nur zuschauen.

Kurz vor dem 1. August 1963 wurde alles in den Selfkant gekarrt womit sich Geld sparen ließ: Eier, Butter, Käse, und, und, und. In den Lagerhallen der Gemeinden stapelten findige Geschäftsleute Waren, die sie um 0.00 Uhr in die Bundesrepublik einführten, ohne sie auch nur einen Meter zu bewegen. Denn um Mitternacht trat der Holland-Vertrag in Kraft. Der Selfkant – mit Ausnahme von Saeffelen – stand zuvor unter niederländischer Auftragsverwaltung. In dieser Nacht wurde das Gebiet wieder deutsch – und alle Waren demnach auch: Zollfrei, durch Grenzverschiebung. „Manch einer hat sich dabei eine goldene Nase verdient“, sagt Brigitte Geradts-Wimmers. Auch wenn einige honorige Familien davon heute nichts wissen wollen.

Und dann erzählt sie noch eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann: An der Grenze zwischen Karken und Posterholt wurde ein junger Mann beim Schmuggeln erwischt. Der niederländische Zöllner sagte, er wolle ihn nicht anzeigen, wenn er eine seiner drei Töchter heiratet. Er könne sich auch eine aussuchen. Das tat der junge Mann dann auch, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen. Und das war wohl ein Glücksfall. Die beiden sind noch immer verheiratet.

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