Geistvoller Streifzug auf der Suche nach „glücklichem Satz”

Von: kl
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Roger Willemsen in Erkelenz: Fasziniert hörte ihm das Publikum zu, als er über die glücklichen Sätze in der Literatur redete. Foto: Koenigs

Erkelenz. Sie seien Opfer eines Etikettenschwindels geworden, bekannte Roger Willemsen augenzwinkernd, als er seinen Zuhörern in der vollen Erkelenzer Stadthalle erläuterte, er werde keine Lesung zum Thema „Der glückliche Satz” halten.

Der 56-jährige Publizist und Fernsehmoderator war als Gast des Pädagogischen Beirates der Kreissparkasse Heinsberg und der Anton-Heinen-Volkshochschule eingeladen worden, am Tag der Weiterbildung im Rahmen der kreisweiten Pädagogischen Woche zum Thema „Erlesen”, seine Gedanken in Erkelenz vorzustellen.

Willemsen könne mit seinem Vortrag dazu beitragen, den Bürgern im Kreis das Lesen näher zu bringen, meinte VHS-Leiter Franz Josef Dahlmanns bei der Begrüßung des Gastes. Für ihn ist Willemsen eine der „renommiertesten Persönlichkeiten Deutschlands im Bereich der Literatur”.

Willemsens Suche nach dem glücklichsten Satz wurde zu einem Streifzug durch die Welt der Literatur, anekdotisch, nachdenklich, amüsant. Das Publikum folgte dem Sucher gerne bei diesem Streifzug, der zu einem 75-minütigen Monolog wurde. Niemals gelangweilt, immer hochkonzentriert und stets aufnahmebereit folgten die über 500 Zuhörer dem Vortrag mucksmäuschenstill. Sie tauchten ein in eine Welt der Sprache und der Literatur und lernten, genau zuzuhören.

Willemsen, ganz allein auf der großen Bühne hinter einem einfachen Tisch auf einem einfachen Stuhl sitzend, erzählt, berichtet, philosophiert, lässt Bilder im Kopf der Zuhörer wachsen und macht damit deutlich, was glücklich machen kann. Er bringt das Beispiel der vergeblich bettelenden Blinden, der das Schild mit der Aufschrift ?Ich bin blind in den Händen hält. Die Spenden fließen üppig, als ein Weiser ihm eine andere Aufschrift schreibt: „Der Frühling kommt bald, aber ich werde ihn nicht sehen.”

Literatur sei nicht das rein Informatorische, sie beinhalte erfahrbare Sätze. Sie biete die Möglichkeit an, anders zu sein und zu denken, was wäre, wenn ... „Dadurch erweitert sie den Bereich, den wir wahrnehmen können” und dadurch fänden sich immer wieder „glückliche Sätze”. Einige dieser Sätze, die für ihn glückliche Sätze sind, zitiert Willemsen: „Das gehört verschwunden!” oder „Eigentlich hatte ich ein wunderschönes Leben, aber ich habe es sehr spät gemerkt”.

Ohne Literatur, so Willemsen, gäbe es kein Wissen von längst vergangenen Ereignissen. „Die Welt wird in Sätzen geboren.”

Bisweilen ist Willemsen melancholisch, wenn er etwa über seine Reisen nach Afghanistan berichtet und von dem Kind, das im tief verschneiten Hindukusch einen Drachen steigen lässt. Aber er lässt auch den Humor nicht außer acht, wenn er etwa Lukas Podolski zitiert mit der Bemerkung „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.”

Das Publikum lauscht begeistert, wartet auf den Satz, der der glücklichste ist, und muss erkennen, dass er sehr individuell ist. Willemsen hat seinen eigenen glücklichen Satz. „Ich stieg abends in meine Kutsche, nahm sie auf meinen Schoß, spielte mit ihren Brüsten und sang”, von Samuel Pepys, einem englischen Autor aus dem 17. Jahrhundert.

Der lange Applaus des Publikums zeigte, dass ihm der vermeintliche Etikettenschwindel gefallen hat. Man war angetan von dem Vortrag und der stets freundlichen Art von Willemsen. Auch er war nach der Veranstaltung zufrieden mit der Atmosphäre, mit der uneingeschränkten Bereitschaft der Zuhörer, ihm Gehör zu schenken. „Danke”, schrieb er in am Büchertisch erstandene Bücher. „Danke”, sagten ihm viele, die Literatur neu erfahren hatte.


Rolly Brings und Bänd in Betty-Reis-Gesamtschule

Am Donnerstag wird die Reihe der zentralen Veranstaltungen im Rahmen der Pädagogische Woche im Forum der Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg fortgesetzt.

Zu Gast sind am „Tag der Sekundarstufen I und II” Rolly Brings und Bänd. Der Abend mit Gesang, Bildern und Wortbeiträgen beginnt um 19 Uhr.

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