Gegen „Gegner ohne Gesicht”

Von: hewi
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Ein interessiertes Publikum lauschte der Lesung von Ingrid Bachér, die in ihrem Roman „Die Grube” das Schicksal der Umsiedler des Tagebaus Garzweiler thematisiert. Foto: Kleiner

Erkelenz. Ingrid Bachér hat einen ergreifenden Roman über den Tagebau in der Region und dessen Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen geschrieben. Auf Einladung der Grünen war die Autorin nach Erkelenz gekommen, wo sie im Foyer der Stadthalle aus dem Buch las.

Auf einer Leinwand über der Autorin wurden Aufnahmen des längst vergessenen Ortes Garzweiler gezeigt, von dessen Sterben Bachérs Roman handelt.

Bachér berichtet in ihrem Roman „Die Grube” vom langen Sterben des Ortes Garzweiler. Verwoben ist diese Geschichte mit der des Landwirts Simon, der 18 Jahre nach seinem Verschwinden für tot erklärt werden soll. Nur seine Schwester Lale und ein paar enge Freunde wissen, dass er längst tot und in seinem untergegangenen Ort begraben ist.

Im Rückblick lässt die Ich-Erzählerin Lale die Ereignisse seit den 50er Jahren bis heute Revue passieren. Dabei malte sie bedrückende Bilder über den Untergang einer Heimat und von einem aussichtslosen Kampf gegen einen „mächtigen Gegner ohne Gesicht”.

Einen großen Teil der Lesung nahm die Beschreibung einer Versammlung ein, zu der 1989 tausende Gegner und Befürworter des Tagebaus nach Erkelenz gekommen waren. Viele der Zuhörer konnten sich noch daran erinnern, weil sie dabei waren. Bachér beschrieb das Sterben und Verschwinden der Orte, das vielen der Zuhörer noch bevorsteht.

Umzug mit 85 Jahren

In der anschließenden Diskussion schilderten einige Zuhörer, die ebenfalls von der Umsiedlung betroffen sind, ihre Eindrücke. Ein Zuhörer berichtete, dass er mit 85 Jahren noch einmal umziehen und neu anfangen müsse. „Unser Fehler ist, dass wir auf einem Berg Kohle leben”, erklärte der grüne Ratsherr Hans Josef Dederichs.

Garzweiler stehe stellvertretend für den Umgang mit Menschen. Dabei räumten die Anwesenden ein, dass die Situation für Nichtbetroffene durchaus eine gewisse Faszination habe.

„Die Entwicklung macht die Orte für Fremde angenehm nostalgisch”, erklärte Bachér. Sie verglich die Zerstörung der gewachsenen Ortschaften mit der Missionierung brasilianischer Indianer, deren Dorfstrukturen, die ihnen Halt gegeben hatten, zuerst zerstört wurden.

Bei Außenstehenden stoße die Haltung der Betroffenen oft auf Unverständnis. „Es ist nicht möglich, über 20 Jahre lang Widerstand zu leisten”, erklärte eine Zuhörerin. Das Gefühl der Ohnmacht habe die Menschen mürbe gemacht.

Maria Meurer von den Grünen dankte der Autorin und erklärte, sie habe mit ihrem Buch den Tagebaubetroffenen ein literarisches Denkmal gesetzt.

Ingrid Bachér wurde 1930 in Rostock geboren und wuchs in Berlin auf. Ihre erste Romanveröffentlichung hatte sie 1958. Bachér gehörte der einflussreichen Gruppe 47 an und war in den 90ern auch Präsidentin des westdeutschen Pen-Zentrums. Die Schriftstellerin und Journalistin lebt heute in Düsseldorf.

Die Proteste gegen den Braunkohletagebau begleitet sie seit den 80er-Jahren. Ihr Roman „Die Grube” ist im Dittrich-Verlag erschienen.
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