Funsport läuft Klassikern den Rang ab

Von: Verena Müller
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Kein Bild mit Seltenheitswert.
Kein Bild mit Seltenheitswert. Immer mehr Sportvereine sind froh, wenn sie noch genügend Aktive haben, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten.

Erkelenz. Zwei Männer um die 30 stellen auf der Terrasse des Vereinsheims ihre Sporttasche ab, setzen sich und ziehen ihre Turnschuhe an. Gerd Lochten und Karl-Heinz Harz heben die Köpfe, als sie hören, wie draußen die Plastikstühle gerückt werden.

„Ah”, sagt Harz, der Geschäftsführer des Post-Sportvereins Erkelenz, „das sind zwei von denen.” Beide lächeln. Da draußen, auf den weißen Plastikstühlen, sitzt die Hoffnung der Tennisabteilung. Die Hoffnung, dass ihr Verein die derzeitige Vereinsmüdigkeit - um nicht zu sagen: das Vereinssterben - überleben wird.

„Von denen”, von den Mittdreißigern, na ja, eigentlich von allen unter 50, braucht der Post-Sportverein dringend mehr. Die meisten Mitglieder haben dieses Alter überschritten, diejenigen, die den Verein am Leben halten, allemale. Lochten ist 64 Jahre alt, Harz 66. Sie spielen in einer der beiden 60er-Mannschaften, die früher mal 30er-Mannschaften waren und „durchgewachsen” sind.

Mit dem Problem der Überalterung und des fehlenden Nachwuchses steht der Erkelenzer Verein nicht alleine da. Ob Fußballverein oder Trommlerkorps: Immer weniger Menschen sind hier aktiv - und immer weniger von denen, die kommen, sind bereit, sich im Verein über Training und Proben hinaus zu engagieren. Sprich: Vorstandsarbeit zu leisten.

Friedrich Milius vom Tennisverband Mittelrhein, dem der Post-Sportverein angehört, hat für das Phänomen nicht nur eine Erklärung: „Es wird immer gesagt, dass große deutsche Tennisgrößen fehlen und die Präsenz des Tennissports in den Medien nicht mehr da ist”, setzt er an. Ein ständig steigendes Freizeitangebot, Funsportarten, die den traditionellen Sportarten den Rang ablaufen, häufigeres Feiern und Verreisen - „da bleibt zwangsläufig etwas anderes auf der Strecke”, meint Milius.

Was die anderen Gründe anbelangt, drückt sich der Organisator und Verantwortliche für die Verbandszeitschrift vorsichtig aus: „Es gibt ein gewisses Problem mit dem Ehrenamt. Die Attraktivität eines Vereins hängt immer vom Engagement des Vorstands ab. Und es liegt in der Natur der Sache, dass man nach vielen Jahren im Vorstand nicht mehr so den drive hat wie am Anfang”, sagt Milius. „Es fehlt einfach an frischem Blut, vielleicht auch an zündenden Ideen.”

Als Lochten in jungen Jahren von Mönchengladbach und Harz von Baesweiler nach Erkelenz zogen, suchten sie sich einen Sportverein, „um Anschluss zu kriegen”, wie Harz erzählt. „Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn alleine reichte mir nicht”, sagt Lochten. Als er sich beim Post-Sportverein erkundigte, hieß es, dass man gerade im Begriff sei, eine Tennisabteilung zu gründen. Ein halbes Jahr später war Lochten eines der ersten Mitglieder. Das war 1982.

Vor 30 Jahren erlebte der Tennissport dank Boris Becker und Steffi Graf einen regelrechten Hype. Dass in Erkelenz mehrere Vereine räumlich nah beieinander lagen, war damals kein Problem.

Fünf gepflegte Plätze, ein Vereinsheim, das sich mit gemütlichem Gemeinschaftsraum, modernen Duschen und Sauna sehen lassen kann - die Voraussetzungen stimmen. 180 aktive Mitglieder, die sich auf 17 Mannschaften verteilten, zählte der Post-Sportverein zu Spitzenzeiten, heute sind es nicht einmal mehr die Hälfte. „Es war alles mal größer und mehr”, so Lochten. „Aber vielleicht wird das noch mal was.” Wenn er redet, versucht er Optimismus zu verbreiten, wenn Harz Gegenteiliges tut, winkt er ab, als wolle er das alles nicht hören. Auch wenn in der Gruppe der um die 30-Jährigen, die mehr oder weniger geschlossen zum Verein gekommen war, „viel Bewegung” sei, sagt Lochten, hoffe er, wenigstens ein paar langfristig binden zu können.

Ansätze, dem allgemeinen Trend entgegenzuwirken, sind, verstärkt in die Schulen zu gehen und Kinder früh gezielt zu fördern. „Aber auch das ist kein Garant für langfristige Mitgliedergewinnung”, sagt Milius. Dass die Kinder bis in den Nachmittag in der Schule bleiben, statt schon um 15 Uhr auf dem Tennisplatz zu stehen, ist nur die halbe Wahrheit, meinen Lochten und Harz: „Bei den Eltern fehlt die Bereitschaft, sich zu engagieren. Früher waren sie selbst im Verein, verbrachten ganze Wochenenden mit der Familie hier. Heute ist der Tennisverein so etwas wie eine Kinderverwahranstalt”, sagt Lochten.

Dem Elternhaus fehle die Bindung an den Sport. Die gingen vielleicht ins Fitnesscenter, wo Themen wie Mitgliederversammlung, Teamgeist, Vorstand oder Beköstigung von Gastmannschaften keine Rolle spielen, wo man eher etwas für sich statt für die Gemeinschaft tut - und wo eine Mitgliedschaft auch billiger ist? Nicht unbedingt.

Früher sprach man gerne vom Tennisclub - meinte das Elitäre, die weißen, schicken Tennissachen, die Ärzte oder Anwälte, die noch für was standen. Wer früher in bestimmten Zirkeln Kontakte knüpfen wollte, trat einem Tennisclub bei. Wartelisten wurden da geführt, und wer aufgenommen werden wollte, brauchte einen Bürgen. Heute haben die Golfclubs den Tennisclubs, die längst normale Vereine für „die gute Mittelschicht” sind, wie es Milius sagt, in puncto Prestige und Kontaktpflege den Rang abgelaufen.

Wer beim Post-Sportverein Mitglied wird, dem wird ein halber Jahresbeitrag geschenkt, 195 Euro zahlt ein Erwachsener normalerweise. Das ist weniger als die meisten Fitnesscenter verlangen.

Mehr Öffentlichkeit, die Menschen einladen, „Spielberichte an die Presse, auch wenn das nicht unbedingt zu mehr Mitgliedern führt, aber alleine schon, um präsent zu sein”, sagt Lochten, seien Maßnahmen, aber keine Allheilmittel. „Wir bemühen uns, die Schwierigkeiten zu bewältigen”, sagt er am Ende und das klingt etwas ratlos. Eine Marketingabteilung hätten sie ja nun nicht. „Je nachdem, wie die Entwicklung ist, werden wir über Fusion nachdenken.” Damit wird der Mitgliederschwund zwar nicht gelöst, aber der Spielbetrieb kann aufrecht erhalten werden.

Wissenswertes aus den Statistiken des Tennisverbands Mittelrhein

Mit 122.661 Mitgliedern hatte der Tennisverband Mittelrhein im Jahr 1993 seine höchste Mitgliederzahl erreicht. In etwa 420 Vereinen wurde damals Tennis gespielt. Die Entwicklung sieht wie folgt aus: 1951: 38 Vereine, 4609 Mitglieder. 1971: 137 Vereine, 28.393 Mitglieder. 1991: 405 Vereine, 120.220 Mitglieder. 2012: 376 Vereinen, 81.462 Mitglieder (Stand 1. Januar 2012). Das sind 44 Vereine weniger als noch vor 19 Jahren.

„Interessant ist, dass von 1990 (586) die Mitgliederzahlen der bis Sechsjährigen kontinuierlich anstiegen. Heute sind es 820 Kinder. „Das dürfte auch auf die erfolgreiche Kooperation der Vereine mit Schulen, und zudem auf die Jüngstensichtung des TVM in den vier Bezirken zurückzuführen sein”, sagt Milius.

Die zweite Altersgruppe, die ständig zunehme, seien die über 60-Jährigen. Von 5294 (1990) ist ihre Zahl 2011 auf 19.961 angewachsen.

Besonders deutlich sind die Abnahmen der 27- bis 40- und der 41- bis 60-Jährigen. Von 21.420 Mitgliedern der 27- bis 40-Jährigen blieben nur noch 8321 (2011) übrig, das sind rund 61 Prozent weniger. Bei den 41- bis 60-Jährigen ging die Zahl von 47.847 (1997) auf 26.501 (2011) zurück - ein Minus von mehr als 45 Prozent. Diese beiden Altersklassen waren immer die größten.
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