Frau Tümmers fährt mit Sonne im Tank

Von: Marie Eckert
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Monika Tümmers neben ihrem E-Smart, den sie aus ihrer privaten Photovoltaik-Anlage „betankt“. Mit verschiedenen Schriftzügen hat sie das vier Jahre alte Auto aufgehübscht. Foto: Marie Eckert
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Insgesamt 75 Quadratmeter Solarplatten liegen auf der Sonnenseite des Dachs der Familie in Gangelt.

Gangelt-Birgden. Lautlos steht der kleine Smart in seiner Garage, Besitzerin Monika Tümmers sitzt am Steuer. „Der Motor läuft schon“, sagt sie und lacht. Zu hören ist nichts. Der kleine Stadtflitzer fährt mit Strom. Aber nicht mit irgendwelchem, sondern mit Tümmers‘ ganz eigener Energie. „Ich lade das, was von Licht und Sonne kommt, in mein Auto und fahre damit herum – genial, oder?“

Tümmers‘ Begeisterung ist ansteckend. Auf einer kompletten Seite des Spitzdaches ihres Hauses befindet sich eine private Photovoltaik-Anlage, rund 75 Quadratmeter fassen die Platten. Der Strom, der in Tümmers‘ Haushalt nicht verbraucht wird, wird gegen eine Vergütung ins öffentliche Netz eingespeist. Das heißt im Umkehrschluss: Die Anlage produziert mehr Energie als Tümmers braucht, trotz des E-Autos.

So begeistert, wie Tümmers über „ihren“ Strom und den Smart spricht, so verärgert ist sie über den Dieselskandal. Vor fast einem Jahr gab ihr das den Anstoß, das kompakte E-Fahrzeug zu kaufen. Einige Monate zuvor installierte die Familie die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. „Plötzlich hatten wir jede Menge Strom“, erinnert sie sich. „Da habe ich mir erst mal einen elektrischen Wasserkocher gekauft.“

Stromerzeugung in App

Die private Anlage ist über eine App auf dem Tablet der Familie steuerbar. Sie zeigt in verschiedenen Säulendiagrammen an, wie viel Strom aus der Sonne gewonnen worden ist – der Mai war der bisher stärkste Monat in diesem Jahr, fast 1600 Kilowattstunden hat der Haushalt da insgesamt erzeugt.

Das entspricht in etwa dem durchschnittlichen Jahresverbrauch eines Ein-Personen-Haushalts. Wann sich die Anlage auf dem Dach amortisiert, spielt für Tümmers keine entscheidende Rolle, da es ihr um umweltbewusstes Verhalten gehe. Grob überschlagen dauere es aber rund zwölf Jahre, bis die Anlage sich rentiere, schätzt sie.

Schon immer sei sie sehr umweltbewusst gewesen, sagt Tümmers. Ironischerweise sei genau das zuvor auch ein Argument gegen ein elektrisch betriebenes Auto gewesen. „Das bringt ja nichts, wenn der Strom für das Auto dann aus Atom- oder Kohlekraftwerken kommt“, erklärt sie. Jetzt ist die Sonne ihr Kraftwerk.

Um Strom zu gewinnen, braucht es nicht unbedingt Sonne, Licht an sich reicht schon. So produziert die Familie auch im Winter Strom – da aber nicht immer genug. Für das Auto muss Tümmers dann mit Strom aus dem Netz aufstocken, das liegt aber vor allem daran, dass sie im Moment die Energie, die tagsüber aus dem Licht gewonnen wird, nicht speichern kann, um abends dann den Akku ihres Smarts aufzuladen.

Das wird sich bald ändern: Als nächste Anschaffung ist eine Batterie geplant, die genau das kann: Strom speichern. „Betankt“ wird das kleine Auto mit Hilfe eines herkömmlichen Steckers in der eigenen Garage. Sieben Stunden dauert es, bis das Auto vollgeladen ist.

Trotz aller Begeisterung und Zuversicht war das Projekt Elektroauto für Monika Tümmers ein Experiment. „Anfangs war ich schon ängstlich und dachte ‚Hoffentlich bleibst du nicht liegen‘“, räumt sie ein. Das ist nie passiert, eine kritische Situation gab es aber: „Ich bin im Winter zu einem Konzert in Mönchengladbach gefahren“, erinnert sie sich. Die Strecke war hart an der Grenze der Reichweite, auch weil die Heizung zusätzlich Energie fraß. „Das war so ein Stressmoment“, sagt Tümmers. „Aber ich habe es geschafft.“

Reichweite als Wermutstropfen

Die Reichweite des Autos sei für sie dann auch das einzige Manko. Im Sommer schafft es bis zu 130 Kilometer, im Winter nur 75. „Sehr viel ist aber auch durch das Fahrverhalten steuerbar und durch Heizung und Klimaanlage“, sagt sie. Und sobald das Auto bergab rollt, wird die freigesetzte Energie in die Batterie eingespeist. „So kann ich die Reichweite durch vorausschauendes Fahren um zehn bis 30 Kilometer strecken.“

Trotzdem ist eine sorgfältige Planung nötig. Eine repräsentative Onlineumfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey mit knapp 18500 deutschen Teilnehmern hat eben diesen Aspekt als den elementarsten gegen E-Autos ausgemacht: 37 Prozent würden sich aus diesem Grund kein Elektroauto kaufen. Dicht darauf folgt das Argument „zu teuer“ mit knapp 29 Prozent, für knapp 14 Prozent sprechen fehlende Ladestationen in der Nähe gegen ein elektrisch betriebenes Fahrzeug. Im Kreis Heinsberg sind aktuell 210154 Autos angemeldet, davon nur 128 Elektroautos und 530 Hybrid-Fahrzeuge.

Tümmers hat sich als Obergrenze für ihr Fahrzeug 10.000 Euro gesetzt und ist mit ihrem vier Jahre alten, gebrauchten Smart in diesem Rahmen geblieben. Ladestationen sind für sie kein Argument – sie möchte sowieso ihre eigene Energie nutzen. Um durch die geringe Reichweite nicht eingeschränkt zu sein, parkt in der Garage hinter dem E-Smart ein benzinbetriebener Mini. Der kommt beispielsweise bei Urlaubsfahrten zum Einsatz, aber ihren Alltag bestreitet Tümmers mit dem E-Auto. 20 bis 80 Kilometer am Tag legt sie zu ihrer Arbeitsstelle bei der Sparkasse in Heinsberg und auch zu Kundenterminen zurück. „Für den Stadtverkehr ist es einfach ideal.“

Neben den Umweltaspekten zieht sie vor allem eins aus ihrem E-Auto: den Fahrspaß. „Das kommt viel zu wenig raus in der Werbung“, findet sie. Eine Runde im E-Smart zeigt, was sie meint: Das Fahrzeug beschleunigt in wenigen Sekunden nahezu lautlos auf 100 Kilometer in der Stunde, benzinbetriebene Autos haben wenig Chancen, da mitzuhalten. Nach oben sind dem kleinen Smart dann aber doch enge Grenzen gesetzt: Bis zu 130 Stundenkilometer schafft er.

„Es gibt schon mal Drängler, die den Smart unterschätzen – die hänge ich dann aber schnell ab“, sagt sie. Zwei Anzeigen stellen, ähnlich wie bei herkömmlichen Autos, in Echtzeit dar, wie hoch der Verbrauch und wie wie groß die verbleibende Reichweite ist – auf diese Anzeigen sei 100-prozentig Verlass. „Ich glaube, das ist die Zukunft“, sagt Monika Tümmers. „Zumindest, wenn die Probleme der Reichweite und der wenigen Ladestationen gelöst werden.“

Für Tümmers ist das E-Auto aber längst keine Zukunftsmusik mehr. Dass sie irgendwann ganz auf ihr Benzinauto verzichten möchte, ist für sie der nächste logische Schritt. Gespannt schaut sie auf die neue Generation der E-Fahrzeuge, die mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern angekündigt sind. „Zum Beispiel der neue Tesla – das wäre schon was für mich“, sagt sie und lächelt.

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