Fracking-Pläne: Protestbrief unterwegs nach Den Haag

Von: dawin
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Ein Bohrturm zur Schiefergasförderung erhebt sich aus der Landschaft. Wenn es nach den Plänen der niederländischen Regierung geht, sieht es künftig in der Grenzregion auch so aus wie auf diesem Bild. Die Prostete im Selfkant gegen dieses Vorhaben sind groß. Foto: stock/imagebroker
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Corsten hat ein Protestschreiben gegen die Fracking-Pläne nach Den Haag geschickt. Foto: dawin

Selfkant. Fracking – das ist eine neudeutsche Wortschöpfung, die in den USA ihren Ursprung hat und bislang hierzulande kaum Beachtung fand. Doch seitdem die Niederlande das Fracking, das Aufbrechen von unterirdischem Gestein, als sehr reale Option der Energiegewinnung betrachten und auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel über die Förderung von Schiefergas laut nachdenkt, sind auch viele Bürger und Kommunen in der Grenzregion aufgeschreckt.

Am 6. Juni bekam Herbert Corsten, Bürgermeister der Gemeinde Selfkant, Post vom Umweltministerium und Wirtschaftsministerium in Den Haag. Über das offizielle Schreiben von höchster Stelle konnte er sich allerdings überhaupt nicht freuen. Ihm wurde mitgeteilt, dass die Niederlande im Zuge der „Strukturvision Schiefergas“ eine strategische Umweltprüfung anstreben, die zum Ziel hat, das Fracking im Nachbarland zu realisieren.

„Aus den mir zur Verfügung stehenden Planungsunterlagen wird deutlich, dass der Selfkant – ebenso wie die umliegenden Gemeinden Gangelt und Waldfeucht – grenzumfassend betroffen sein wird“, fürchtet Corsten das Fracking unmittelbar vor der kommunalen Haustür. Immerhin bildet der Westzipfel, der in die Provinz Limburg wie ein Katzenkopf hineinragt, auf einer Länge von 27 Kilometern eine gemeinsame Grenze mit den Niederlanden.

Angesichts dieser brisanten Kulisse wehrt sich der Selfkant gegen die Pläne. Eine Stellungnahme gegen das Fracking, die der Grenzkommune EU-rechtlich zusteht, wurde bereits nach Den Haag geschickt. In dem Protest hat der Bürgermeister sein Unverständnis darüber formuliert, dass die mit dem Fracking einhergehenden, erheblichen Umweltschädigungen für Mensch und Natur billigend in Kauf genommen würden. „Zu befürchten sind vor allem wegen des Einsatzes der unterschiedlichen Chemikalien nicht überschaubare Auswirkungen auf unser Grundwasser“, moniert der Bürgermeister der Gemeinde Selfkant, deren Trinkwasser das Verbandswasserwerk Gangelt liefert.

Corsten hat sich in einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung kundig gemacht und die kritischen Aussagen in seiner Stellungnahme gebündelt. „Die Daten aus der Industrie zeigen, dass die für die Schiefergasgewinnung erforderlichen, enormen Flüssigkeiten Substanzen enthalten, die offiziell als krebserregende, erbgutverändernde, reproduktionstoxische Stoffe, Nervengifte, Allergene und Chemikalien mit endokriner Wirkung klassifiziert werden – darunter Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole“, erklärt der Bürgermeister.

Er bemüht riesige Zahlen, um die Dimension des Fracking plastisch zu machen: Bei einem Bohrloch würden etwa 15 Millionen Liter Wasser erforderlich, 0,5 bis zwei Prozent der eingepumpten Flüssigkeit seien Chemikalien; dies bedeute, dass ein einziges Fracking-Projekt bis zu 300 000 Liter hochtoxischer Substanzen schlucke. Was den Bürgermeister besonders ärgert, ist dabei, „dass die Einzelheiten der Mixtur von den Betreibern in aller Regel nicht offen gelegt werden“. Vermutlich würden an einem typischen Fracking-Standort in den USA etwa 133 Tonnen Chemikalien wie Salzsäure, Ammoniumpersulfat und Kalilauge eingesetzt.

Nach den Erkenntnissen Corstens verbleibe der größte Teil der Flüssigkeit, etwa 80 Prozent, im Untergrund; Studien hätten gezeigt, dass diese in Richtung natürlicher Trinkwasservorkommen wandern können, und das häufig im Laufe nur weniger Jahre. In seiner Stellungnahme warnt Corsten auch vor dem Risiko, dass die Gifte auch nach technischen Pannen, nach Unfällen etwa bei Gefahrguttransporten oder nach Leckagen in das Grundwasser dringen können.

Und da gibt es noch eine Befindlichkeit, die Herbert Corsten buchstäblich stinkt und die er argumentativ in die Waagschale wirft: „Neben den latenten Gefahren durch Fracking wird unser Grundwasser bereits jetzt durch die laufende Überdüngung unserer Äcker und Wiesen mit Gülle niederländischer Landwirte ganz erheblich und mit ungewisser Zukunftsausrichtung in Mitleidenschaft gezogen, die Nitratwerte steigen stetig.“

Für den Bürgermeister gibt es nur ein Fazit, und das lässt er Den Haag in seiner Stellungnahme wissen: „Die wirtschaftlichen Belange für die Gewinnung von Schiefergas sind sicherlich für die niederländische Industrie wichtige Faktoren, die nachvollziehbar sind. Sie können aber die damit für Mensch und Natur verbundenen realen Gefahren nicht wegwägen.“

Die Gemeinde Selfkant ist bislang die einzige Kommune, die offiziell und schriftlich gegen die Fracking-Pläne protestiert hat. Der Kreis Heinsberg wird auch tätig werden. Die Gemeinde Waldfeucht will sich dieser Stellungnahme anschließen. Die Provinz Limburg haben sich bereits klar gegen das Fracking positioniert.

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