Fertigstellung der JVA Heinsberg verzögert sich: Sagen Sie Ihre Meinung

Von: Rainer Herwartz
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Die Leiterin der JVA Heinsberg
Die Leiterin der JVA Heinsberg, Ingrid Lambertz, atmet derzeit selbst „gesiebte Luft”, da sich ihr Büro in einer der beiden neuen Werkshallen befindet. Beim Blick durch die Gitterstäbe kann sie ihren zukünftigen Verwaltungstrakt sehen, der sich noch im Rohbau befindet. Foto: Rainer Herwartz

Heinsberg. Eigentlich sollte sie schon in diesem Frühjahr eröffnet werden, spätestens jedoch im Sommer würden die Sektkorken knallen, so dachten die Bauherren. Doch die Schlagzeilen, zu denen die bald größte Jugendhaftanstalt in Nordrhein-Westfalen Anlass gab, zeugten nicht von freudigen Festen mit obligatorischen Lobesreden auf Planer, Arbeiter und Belegschaft, sondern von verärgerten Anwohnern.

Grund sind krakelende und pöbelnde Häftlinge über die Gefängnismauer hinweg.

Nicht nur in der Fläche wuchs die Heinsberger Anstalt von rund 75.000 Quadratmetern auf 126.000, auch in der Höhe überragte sie plötzlich den Betonring um zwei Etagen. Was sich seit vielen Jahren nahezu unbemerkt auf der anderen Seite der Wand abspielte, schwappte plötzlich herüber in Gärten und sogar bis ins Schlafzimmer manch braven Bürgers.

Aber: „In den Monaten August und September hat es kaum noch Anwohnerbeschwerden im Hinblick auf den Lärm gegeben”, sagt JVA-Chefin Ingrid Lambertz. Auch der Strahler an Haus Nr. 9, der einigen Anwohnern die Nachtruhe raubte, wurde tiefergesetzt. Ob die Ruhe nur die vor dem Sturm ist, wird sich spätestens zeigen, wenn bei einer Vollbelegung die oberen beiden Etagen des Hafthauses 9 wieder belegt werden müssen. Derzeit stehen sie leer, weil die U-Häftlinge vorübergehend nach Siegburg ausgelagert wurden. 352 Jugendliche sind momentan in Heinsberg untergebracht, doch am Ende werden es 573 sein. Eine abschließende Lösung ist da wohl noch nicht gefunden. Anfang Oktober wird sich der Petitionsausschuss des Landes mit den Klagen der Anwohner befassen, und auch der Justizvollzugsbeauftragte von NRW wird gegenüber dem Justizministerium noch seine Empfehlungen für eine gangbare Lösung des Problems formulieren.

Keine leichte Aufgabe bei diesem kaum überschaubaren 75-Millionen-Euro-Projekt, dessen Kosten wahrscheinlich klammheimlich durch Verzögerungen und Neuausschreibungen weiter in die Höhe geklettert sind. „Die erste Umplanung erfolgte aufgrund neuer Regelungen in der Wärmedämmung”, erklärt die Leitende Regierungsdirektorin Lambertz. „Außerdem gab es ja keinen Generalunternehmer. Auch viele Firmen aus der Region wurden beteiligt. Hin und wieder kam es vor, dass eine Firma ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen konnte, so dass europaweit neu ausgeschrieben werden musste.”

Am Ende soll es sich gelohnt haben, so die Hoffnung der Verantwortlichen. „Nach Vollendung der Bauphase befindet sich die JVA Heinsberg auf dem neuesten Stand der Sicherheitstechnik”, sagt Lambertz. Die Mauer wurde um einen halben Meter erhöht und mit einem nach innen gewölbten Rucksackprofil versehen. „Wir haben einen Zaun, der kameradetektiert ist.” Gleiches gilt auch für die Fassaden. Zwischen dem Zaun und der fünfeinhalb Meter hohen Mauer patrouillieren die Vollzugsbeamten.

Für Lambertz ist die Technik aber nur ein Aspekt der Sicherheit. „Ich persönlich lege noch mehr Wert auf eine soziale Sicherheit, bei der erst gar keine Fluchtgedanken aufkommen. Diese ist natürlich sehr personalintensiv”, sagt sie. Und da wären wir auch schon bei einem drängenden Thema. Denn ihre 300 Mitarbeiter haben im Zuge der Um- und Ausbauphase schon 20.000 Überstunden angehäuft. Die 224 Kollegen im allgemeinen Vollzugsdienst arbeiteten seit Jahresbeginn zwölf Tage am Stück, um sich dann zwei zu erholen. Neben den stark gestiegenen Bewachungsaufgaben ergebe sich das Problem der Dauerkranken. „Ein Großteil der Belegschaft ist 1978 eingestellt worden und befindet sich nun kurz vor der Pensionierungsgrenze”, erläutert Lambertz.

Sicherheitschefin Almuth Mercedes ergänzt, dass zudem der Kontakt zu den bis zu 100 Arbeitern auf der Großbaustelle Schwierigkeiten berge. „Alle mussten geschult werden, sie dürfen ja keinen Kontakt zu den Gefangenen aufnehmen.” Nicht immer leicht, bewegen sie sich doch zum Teil im laufenden Betrieb der Haftanstalt. Die Sicherheit, und darauf ist Ingrid Lambertz stolz, sei dennoch nie gefährdet gewesen. Eine Feststellung, die sich auf die letzten zehn Jahre ausdehnen lasse. „Wir prüfen sehr genau, wen wir in den offenen Vollzug verlegen oder wem wir Hafterleichterungen wie Ausgang und Urlaub gewähren. Daher gab es auch in den letzten zehn Jahren nur eine Versagerquote von knapp über null Prozent.” Mit Versager bezeichnet sie solche Häftlinge, die nicht oder nicht freiwillig zurückgekehrt seien.

Klagen über „Freigänger” habe es in der Bevölkerung seit ihrem Amtsantritt im Jahr 1999 noch nicht gegeben. Vielleicht wird es ja auch bald keine mehr geben über diejenigen, die in ihren Zellen sitzen.

Die höchste Zahl derjenigen, die nach einem Hafturlaub nicht freiwillig in die JVA Heinsberg zurückgekehrt sind, stammt innerhalb der letzten Dekade aus dem Jahr 2002. Damals kehrten bei 760 Urlauben die Häftlinge in sieben Fällen nicht zurück (Quote 0,9 Prozent). Das beste Ergebnis resultiert aus dem letzten Jahr, als bei 645 Urlauben nur ein einziges Mal jemand fern blieb (0,16 Prozent).

Derzeit befinden sich 352 Straftäter in Gewahrsam. Bei einer Vollbelegung werden es 573 sein.

Ein Prozent der Insassen ist 25 Jahre und älter, drei Prozent zwischen 14 und 16 Jahren, elf Prozent zwischen 23 und 24 Jahren, 19 Prozent zwischen 17 und 18 Jahren, 32 Prozent zwischen 19 und 20 Jahren und 34 Prozent zwischen 21 und 22 Jahren.

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