Ferien in Heinsberg für Kinder aus Albanien

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Kinder aus Albanien mit ihren
Kinder aus Albanien mit ihren Gastfamilien: Jedes Jahr organisiert der Verein Children Care Albania dreiwöchige Ferien im Kreis Heinsberg. Foto: asgb

Selfkant-Tüddern. Reindert Brink ist normalerweise nicht um die richtigen Worte verlegen. In diesem Moment fehlen sie ihm - wenn auch nur kurz. Er strahlt, streift seine Hände an den Hosenbeinen ab und rutscht auf dem Stuhl hin und her.

Vermutlich würde er in diesem Augenblick am liebsten die ganze Welt umarmen, so glücklich wirkt er. Stattdessen wechselt er aber schnell zu den Fakten, schließlich hat er ein ernstes Anliegen. Die Kinder aus Albanien, die aus ärmsten Verhältnissen stammen.

Jedes Jahr ermöglicht Reindert Brink, der von den meisten nur Rein genannt wird, es bis zu 15 Kindern und Jugendlichen, drei Wochen in Deutschland bei Gastfamilien zu verbringen. Heute sind alle Teilnehmer dieses Jahres zum Grillen zusammengekommen, bei der Familie Prinz aus Tüddern. Brink sitzt mit ihnen und den Gasteltern am Tisch, während Xhina erzählt, wie für sie alles anfing und was es für sie bedeutet hat, an dem Angebot von Children Care Albania teilnehmen zu können. Das zwölfte Mal ist sie in diesem Jahr schon im Selfkant. Inzwischen aber mehr als Unterstützung für den Verein denn als Teilnehmerin.

„Deutschland hat mich nicht verändert, aber Rein und Sabine”, waren die Worte, die sie eben gesagt hatte und die den Vereinsgründer etwas verlegen gemacht hatten. Wenn sie die Rolle beschreibt, die das Ehepaar Brink für sie eingenommen hat, spürt man Wärme und Herzlichkeit, aufgesetzt ist da nichts.

Xhina war acht, als sie zum ersten Mal in eine deutsche Gastfamilie kam, damals noch über eine niederländische Organisation. Reindert Brink hatte diese unterstützt, Kinder aufnehmen wollte er eigentlich nicht - bis um 4 Uhr nachts plötzlich das Telefon klingelte: Ein Gastelternteil musste ins Krankenhaus, Xhina brauchte eine andere Unterkunft. Reindert Brink und seine Frau Sabine holten Xhina ab, die fiel ihren neuen Gasteltern um den Hals.

„Ich hab mich dort sofort wohl gefühlt”, erzählt Xhina. Mit Worten zum Ausdruck bringen konnte sie das nicht, die Verständigung verlief mit Händen und Füßen. Kurz darauf gründete Brink seinen eigenen Verein. Die meisten Gasteltern stammen aus dem Selfkant, gesucht werden aber immer welche aus dem gesamten Kreisgebiet. „Im Moment ist es sehr schwierig, Menschen zu finden, die bereit sind, die Kinder aufzunehmen. Warum, weiß ich auch nicht”, sagt Brink. Derzeit sind es nur acht.

Die 20-jährige Xhina spricht heute fließend Englisch, die Brinks haben ihr einen Sprachkurs ermöglicht und finanzieren ihr Wirtschaftsstudium in Tirana. Logisch, dass sie dem Ehepaar dankbar ist, aber die Verbindung nach Süsterseel, wo die Brinks wohnen, geht deutlich über reine Dankbarkeit hinaus. „Travel Assistent” hat Brink sie getauft, sie hilft ihm bei der Organisation der Aufenthalte, dolmetscht, wenn es Probleme mit Behörden gibt.

Reindert Brink wurde vor 67 Jahren in Amsterdam geboren. 1977 nahm er einen neuen Job bei einer Firma in Alsdorf an, deshalb zog der Niederländer mit seiner Frau, die aus Berlin stammt, nach Selfkant-Süsterseel. Bis vor einem Jahr arbeitete er als Sales Manager. 60 oder auch 80 Stunden die Wochen waren keine Seltenheit. Trotzdem nahm er sich immer Zeit für die Kinder. Er selbst hat drei Kinder und vier Enkel.

Immer im Januar fliegt er hin, besucht eine Schule in Deviake und spricht mit den Lehrern. „Gebt mir die Ärmsten der Armen”, sagt er dann. Ob die Angaben der Lehrer stimmen, überprüft er persönlich. Er fährt raus in die Dörfer, besucht die Familien, schaut sich die Verhältnisse an. Wie viele Kinder er am Ende mit nimmt, hängt letztlich davon ab, wie viele Gastfamilien zur Verfügung stehen. „In diesem Jahr musste ich zwei Kinder da lassen, das war wirklich hart”, erzählt Brink. „Das war so ein Elend.” Elend, dessen Anblick nicht jeder ertragen kann.

„Als meine Frau mit mir 2001 bei der Familie von Xhina war, hat sie den Schock ihres Lebens gehabt”, erzählt Brink. Er breitet Fotos aus: Die Kinder laufen bis zu zwei Stunden zu Fuß zur Schule - und wieder zurück. Manche auch im Winter ohne Schuhe, weil ihre Eltern mittellos sind. Eine Heizung oder fließendes Wasser gibt es nicht, Betten ebenso wenig. Die Kinder schlafen auf Decken auf dem Boden. Dass Häuser halb verfallen sind oder kein Dach haben, ist keine Seltenheit.

Und die Toilette in der Schule ist ein verdrecktes Loch. „Da muss man doch was machen”, sagte sich Brink damals. Gar nicht so einfach, denn wer mit dem Auto von A nach B will, drohte bis vor ein paar Jahren noch in tiefem Schlamm stecken zu bleiben, befestigte Straßen gab es lange nicht. Fehlende Infrastruktur, Korruption, Arbeitslosigkeit, das sind die mächtige Probleme in Albanien.

„Die meisten Menschen in der Gegend von Deviake versuchen sich als Selbstversorger über Wasser zu halten”, erzählt Brink. Jugendliche würden häufig in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben nach Italien oder Griechenland gehen - „gehen” im wörtlichen Sinne.

Rund hundert Kindern hat es Brink in den vergangenen elf Jahren ermöglicht, die „katastrophalen Verhältnisse”, wie der Niederländer sagt, für ein paar Wochen hinter sich zu lassen. In den Gastfamilien werden sie aufgepäppelt, erleben Positives. Auf dem Weg dorthin gibt es oft ungeahnte Hürden. „15 Kinder zeitweise aus dem Land zu holen, ist nicht leicht”, erzählt Brink. „Zum Glück”, schließlich werden aus Albanien auch viele Mädchen verschleppt und zur Prostitution gezwungen.

„Früher brauchten wir noch Visa. Wenn man Pech hatte, saß da ein fieser Typ in der Botschaft, das wegen eines falschen Kommas kein Visa ausstellen wollte”, erzählt der Wahl-Süsterseeler. Aber Brink wäre nicht Brink, wenn er sich von so etwas einschüchtern ließe. „Ein Anruf beim Botschafter, dann lief es”, erzählt er. Viele Kinder kämen nur mit einer Plastiktüte in Deutschland an, fliegen dann aber mit zwei Koffern zurück. Dank Brink ist das kein Problem, er hat einen guten Draht zu der Fluggesellschaft.

Wenn Brink später von den Lehrern in Deviake hört, dass sich die Kinder mehr anstrengen, wenn er sieht, dass sie sich öffnen, dann, sagt er, wisse er, dass sich die Mühen gelohnt hätten. „Das ist ein gutes Gefühl. Ein sehr gutes.”

Dass ein Kind nicht mehr zu seinen leiblichen Eltern zurückwollte, sei noch nie vorgekommen. „Sobald wir die Kinder aus dem Kleinbus aussteigen und ihre Eltern sehen, sind wir vergessen”, sagt er, winkt ab und lächelt. „Das”, sagt er, „ist auch gut so.”

Children Care Albania e.V. wurde im Jahr 2003 gegründet. Mit Hilfe von Spenden ermöglicht es der Verein maximal 15 Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre, drei Wochen Ferien in Deutschland zu machen. Mehr sollen es laut Verein nicht werden, um den Überblick zu behalten. Den Transport und alles weitere Organisatorische übernimmt der Verein, den Gastfamilien ist es überlassen, was sie mit den Kindern unternehmen. Eine Aufwandsentschädigung gibt es nicht. Eigene Kinder sollten die Gasteltern haben und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen können. Und: Der Glaube darf keine Rolle spielen.

Kontakt per E-Mail über info@cca-selfkant.de oder die Rufnummer 02456 /506167.

Spendenkonto: Raiffeisenbank Heinsberg, Kontonr. 510 440 001 0, BLZ 370 694 12.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert