Familienfreundlichkeit? Fehlanzeige!

Von: Sonja Essers
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Chancengleichheit ist nicht nur für Frauen oft ein Problem. Gerade alleinerziehende Männer haben im Beruf oft Schwierigkeiten. Das soll sich in Geilenkirchen allerdings ändern. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Freuen sich, dass das Job Café gut angenommen wird (v.l.): Monika Savelsberg, Anneliese Wellens, Petra Büschgens, Andrea Hilger und Heike Becker. Foto: Sonja Essers

Geilenkirchen/Kreis Heinsberg. Anita M. (Name von der Redaktion geändert) ist Mutter von zwei Kindern. Sie hat die Schule nach der zehnten Klasse beendet, einen Berufsabschluss hat sie allerdings nicht. Mit Aushilfsjobs hält sie sich über Wasser. Doch dann wendet sich das Blatt.

Mit 33 Jahren entschließt sich die Frau aus Erkelenz dazu, noch einmal von vorne anzufangen. Sie entscheidet sich für eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement – in Teilzeit. Auf diese Weise kann sie Job und Familie unter einen Hut bringen. Eine Seltenheit ist der Fall von Anita M. keineswegs. Eine familienfreundliche Personalpolitik hingegen ist jedoch längst nicht in jedem Unternehmen selbstverständlich.

Das wissen Andrea Hilger, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, Anneliese Wellens, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Heinsberg, sowie ihre Stellvertreterin Petra Büschgens. Seit 2015 bieten sie im Kreis Heinsberg das Job Café an. In lockerer Atmosphäre können Frauen und Männer, die einen Job suchen, sich beraten lassen. „Wir waren damals mutig und haben einfach etwas anderes ausprobiert“, blickt Hilger zurück. Mit Erfolg: „Die Teilnehmerzahlen steigen stetig an“, sagt sie.

Viele Vorurteile

Im Geilenkirchener Bürgertreff waren die Frauen nun zum ersten Mal zu Gast. Etliche Interessierte nutzten die Gelegenheit – darunter auch einige Männer. Schließlich spielt das Thema Chancengleichheit nicht nur im Berufsleben der Frauen eine wichtige Rolle. „Mit Ungerechtigkeiten im Job haben auch Männer zu kämpfen“, sagt Anneliese Wellens. Wenn auch auf eine andere Weise als Frauen, erklärt Hilger und spielt damit auf das Thema Elternzeit an. „Männer, die diese Möglichkeit in Anspruch nehmen wollen, stoßen oft auf viele Vorurteile“, sagt Hilger.

Was ebenfalls oft unterschätzt werde: Die Anzahl der alleinerziehenden Väter steige immer weiter an. Im Kreis Heinsberg sind derzeit 70 alleinerziehende Männer bei Arbeitsagentur und Jobcenter gemeldet. Die Dunkelziffer liege allerdings viel höher, schätzt Hilger. Nur vereinzelt suchen alleinerziehende Männer allerdings Hilfe bei den Gleichstellungsbeauftragten. „Das Wort Gleichstellung hat für viele immer einen etwas bitteren Nachgeschmack. Es gibt Menschen, die damit noch immer die lila Latzhose verbinden“, spielt Wellens auf einige Vorurteile an. Hilger, Wellens und Büschgens wollen sich allerdings dafür einsetzen, dass sich das bald ändert.

Den 70 alleinerziehenden Vätern stehen übrigens 723 alleinerziehende Mütter im Kreis Heinsberg gegenüber. Die Frauenbeschäftigungsquote im Kreis Heinsberg liegt derzeit bei 46 Prozent, deutschlandweit beträgt der Wert 53,4 Prozent. „Im Kreis Heinsberg hat sich diesbezüglich schon einiges getan“, sagt Hilger. Trotzdem sei die Quote noch niedrig.

Mutter-Kind-Büros

Ein Grund dafür: Nicht jedes Unternehmen betreibe eine familienfreundliche Personalpolitik. Dazu zählen unter anderem die Möglichkeit in Teilzeit oder von zu Hause aus zu arbeiten, Mutter-Kind-Büros, eine Ferien-Betreuung für den Nachwuchs oder auch die Betreuung der Kinder bei Weiterbildungen. Ein weiteres Thema, das immer beliebter werde: das sogenannte Führen in Teilzeit. „Zwei Personen teilen sich eine Führungsstelle in Teilzeit“, erklärt Andrea Hilger. Zu den positiven Beispielen gehörten die IT-Branche, die Pflegebranche und auch der Öffentliche Dienst.

Hinzu komme, dass der Kreis Heinsberg eine enorm hohe Auspendlerquote habe. Sie liegt bei 43,2 Prozent. In Nordrhein-Westfalen liegt der Wert bei 19 Prozent. Auch die Städteregion Aachen liegt bei unter 20 Prozent. „Es ist also wichtig, dass man auch den Arbeitsmarkt der angrenzenden Gebiete betrachtet“, sagt Hilger.

Mit dem ersten Job Café in Geilenkirchen sind die Verantwortlichen, zu denen auch Monika Savelsberg (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Geilenkirchen) und Heike Becker (Ehrenamtlerin im Geilenkirchener Bürgertreff) gehören, mehr als zufrieden. „Es ist eine tolle Erfahrung mit anderen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen“, sagt Becker. Sie lernte das Trio im vergangenen Jahr beim Job Café in Wassenberg kennen und setzte sich dafür ein, dass sie auch nach Geilenkirchen kommen. „Egal, ob Mann oder Frau: Wenn man sich um seine Kinder kümmert, ist es immer schwierig, wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, und hier kann man einen neuen Weg finden“, sagt Becker.

Das nächste Job Café findet übrigens am Dienstag, 23. Mai, ab 10 Uhr im Café Lebensart in der Dr.-Ruben-Straße 34 in Hückelhoven statt.

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