Ex-Stern-Chefredakteur Jürgs zu Gast bei „Auf ein Wort mit...”

Von: Petra Wolters
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Ex-Sternchef Michael Jürgs (rechts) und Rainer Herwartz, verantwortlicher Redakteur dieser Zeitung, gingen nicht nur bierernst zu Werke.

Heinsberg. „Ich weiß ja nicht, wie es um Ihren Intellekt steht, da Sie ja angeblich gerade dabei sind, hemmungslos zu verblöden”, provozierte Rainer Herwartz schelmisch bei seiner Begrüßung das Publikum quasi wie es im Buche steht, wie es nachzulesen ist in den „Seichtgebieten” von Ex-Stern-Chefredakteur Michael Jürgs.

Der Autor war in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede Gast bei der jüngsten Auflage der Gesprächsreihe „Auf ein Wort mit...”. Der verantwortliche Redakteur unserer Zeitung dankte gleich zum Auftakt auch Inhaber Reiner Gollenstede, mit Jürgs erneut eine sehr interessante Persönlichkeit in die Kreisstadt gelockt zu haben.

Als „geistiges Schwergewicht im Journalismus” präsentierte er dem erneut in großer Zahl erschienenen Publikum seinen Gesprächspartner als jemanden, der „schnörkellos, tabulos den Finger in die Wunde legen kann”. Und das tat Jürgs dann auch in seinen Antworten auf die Fragen von Herwartz und anschließend im Dialog mit dem Publikum, ohne auch nur eine Zeile aus dem Buch vorzulesen, das gespickt mit einer Vielzahl gelber Notizzettel die ganze Zeit vor ihm liegenblieb.

Dass der Titel des Buches auf die „Feuchtgebiete”, einem Buch von Charlotte Roche anspielt, gab Jürgs gleich zu Beginn gerne zu. „Ich hätte es auch Leergut nennen können, aber das wäre noch gemeiner gewesen”, räumte er ein. „Der Anklang war erwünscht. Wenn man predigt, muss die Kirche voll sein!” Inspiriert haben ihn aber auch andere Größen der deutschen Kulturszene, wie sich im Laufe des Gesprächs sehr deutlich zeigte, vor allem diejenigen, die im deutschen Privatfernsehen aktiv sind. Was er von Dieter Bohlen zunächst während der Frankfurter Buchmesse sah, schaute er sich dann selbst im Fernsehen an, bei Mario Barth zum Beispiel, an dem er besonders „Gefallen” gefunden hat.

„Früher hatte jedes Dorf seinen Trottel. Das hat sich geändert. Sie sitzen, drücken auf die Fernbedienung und haben den Blöden zu Hause”, so sein Resümee. Es habe früher nicht weniger Blöde gegeben, aber die hätten keinen eigenen Sender gehabt.

„Seit 1984, seit es Privatfernsehen gibt”, antwortete Jürgs auf die Frage, wann denn der Prozess der Verblödung eingesetzt habe. Und aus Angst, ihre Zuschauer zu verlieren, im übertragenen Sinne ermordet zu werden, würden die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD oder ZDF Selbstmord begehen. Den Einwand von Herwartz, dass es flachen Klamauk à la „Klimbim” doch immer schon gegeben habe, wollte Jürgs da nicht unkommentiert gelten lassen. „Damals war das zehn Prozent des Programms, heute sind es 80. Vor allem aber gab es Tabus, die nicht gebrochen wurden!”

Er wolle keine Botschaften vermitteln, rückte Jürgs dann wieder sein Buch ins Bild. Aber Ziel sei, die Hauptakteure der von ihm identifizierten Verblödungskultur, die das Fernsehen als ihre Plattform nutzen würden, lächerlich zu machen, damit sich was ändere. Ein verzweifelter Hilferuf nach einer Moral, die es nicht mehr gibt? Wenn man ihm vorwerfe, altmodisch zu sein, sage er Ja. „Und wer als Journalist keine Moral mehr hat, der sollte aufhören! Wir sind die vierte Gewalt. Die ist wichtig für eine Demokratie”, so Jürgs.

„Ich bin weder Botschafter noch Prophet”, erklärte er auf die Frage, ob denn eine Wende in Sicht sei. Wenn er aber nicht daran glauben würde, dass sich etwas ändern könne, würde er nicht schreiben, kündigte er als nächstes Werk ein Buch über Kinderpornografie an und bemerkte dazu: „Ich schreibe ein hartes Buch.”

Im Anschluss an das Gespräch mit Herwartz nahm sich Jürgs noch Zeit, die Fragen seiner Zuhörer zu beantworten und seine Bücher für sie zu signieren.
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